JÜRGEN LESKIEN
LOBETAL Eine knappe Autostunde von Berlin entfernt, nahe Lobetal (Barnim), duckten sich Großbunker in den Wald. Ursprünglich als Nachrichtenschule angelegt, beherbergte das Militärgelände seit 1944 das Hauptquartier der Kriegsmarine. Das "Lager Koralle" bestand aus zwei Bunkern des damals modernsten Typs "T 750" mit acht Etagen und einer größeren Anzahl von festen Gebäuden und Baracken. Vor allem die Betonbauten waren mit moderner Funktechnik vollgestopft.
Bestens ausgerüstet wollte die deutsche Admiralität mit ihren Schiffen Kontakt halten. Geschützt durch eine 3,80 Meter starke Betondecke, leitete bis März 1945 Großadmiral Dönitz aus dem Lobetaler Führungsbunker den deutschen U-Boot-Krieg. Im "Lager Koralle" hatte auch Berthold Graf Schenk von Stauffenberg als Marineoffizier seine Dienstwohnung.
Seit April 1944 intensivierten die Verschwörer ihre Gespräche über ihre politischen Ziele nach einem Umsturz. Berthold von Stauffenberg, der mit seinem Bruder, mit Beck, Goerdeler und anderen die entsprechenden Dokumente immer wieder durchgegangen war, ließ einen Teil dieser Papiere von seiner Sekretärin Maria Appel im "Lager Koralle" schreiben. Hier wurde im Sommer 1944 auch der von Claus Graf Schenk von Stauffenberg entworfene "Schwur", gedacht für die "Zeit danach", diktiert, durchgesehen und Generaloberst Beck zugeleitet. Die beiden Stauffenberg-Brüder ergänzten sich auch im äußerst angespannten Frühjahr 1944 auf beeindruckende Weise.
Von den Geschwistern war der 1907 geborene Claus der Jüngste. Von seinen Brüdern Alexander und Berthold, es waren Zwillinge, trennten ihn zwei Jahre. Durch die gemeinsame Kindheit, später als Mitglieder des Freundeskreises um den Dichter Stefan George, ein Kreis, der sich auch "Das geheime Deutschland" nannte, waren sich die Brüder Berthold und Claus besonders nahe. Ganz im Sinne Georges und ihrer privilegierten Erziehung beanspruchten die jungen Männer "mit Selbstverständlichkeit ihren Platz an hervorragender Stelle im Dienste am deutschen Volk". Die Stauffenberg-Brüder mochten die Weimarer Republik nicht und sie sahen sich selbst auf der Suche nach "einer dem deutschen Volke angemessenen Staatsform". Später machte sie die "Erfahrung Stalingrad" auch für Gespräche mit möglichen Verbündeten außerhalb des konservativen Milieus bereit.
So kam es am 23. April 1944 in Berlin zu einem Treffen zwischen Claus von Stauffenberg, Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg und dem Sozialdemokraten Julius Leber. Danach gab es in wichtigen Fragen, wie der Herstellung des Rechtsstaates oder der Demokratisierung der Öffentlichkeit, zwischen den Offizieren und dem Sozialdemokraten keine unterschiedlichen Auffassungen mehr. Leber hatte das Vertrauen Stauffenbergs gewonnen und Stauffenberg war bereit, dem erfahrenen Politiker Leber als Interessenvertreter der "arbeitenden Bevölkerung" eine wichtige Position in der neuen Regierung einzuräumen.
In den "Meldungen aus dem Reich" des Sicherheitsdienstes vom April 1944 heißt es: "Allgemein hat man den Krieg ,bis obenhin satt'. Der Wunsch nach Beendigung des Krieges ist überall sehr groß. Selbstverständlich sollte der Kriegsausgang ein für uns günstiger sein. Vor allem in den Großstädten trifft man zur Zeit auf eine Menge von Volksgenossen, die zwar bei genauerem Zusehen alle ihre Pflicht tun, aus ihrem Missmut und ihrer Verdrossenheit aber keinen Hehl machen. "
Vom 20. April 1944 an wird der erste Strahljäger Me 262 offiziell an die deutsche Luftwaffe ausgeliefert. Der Glaube der Deutschen an die "Wunderwaffen" erhält neue Nahrung.
(Märkische Allgemeine, 24.04.04)