

Hans Otto starb 1933 nach Misshandlungen durch die Gestapo. Repro: Peter Hahn


Die Schauspielerin Elisabeth Bergner betrachtet ein Foto, auf dem das Schild der "Hans-Otto-Straße" abgebildet ist. Repro: Peter Hahn
Ende 1930 sollten im Berliner Lessing-Theater die Proben für „Amphitryon 38“ von Giraudoux beginnen. Elisabeth Bergner erinnert sich an den ratlosen Intendanten Viktor Barnowsky, „der nicht wußte, wer die Rolle des Amphitryon spielen sollte. Er fragte nach Hans Otto. Er habe gehört, der sei so gut. Ich sagte, ja, der ist sehr gut, aber er will nicht nach Berlin. Barnowsky sagte, man kann es ja versuchen. Ich sagte, natürlich, Sie können es versuchen, aber ich weiß, er kommt nicht.“
Wenig später war Hans Otto engagiert. „Daß ich auf einmal Hans Otto wieder als Partner hatte, machte mich sehr glücklich. Und sehr vorsichtig. Ihn auch, glaube ich. Barnowsky machte bald Witze darüber, wie vorsichtig er sich anstellte. Einmal sagte Barnowsky, ihr umarmt euch, als ob ihr Angst hättet voreinander. Hatten wir auch, aber das wußten nur wir.
Am Premierentag nach einer kurzen Durchsprechprobe am Morgen, sagte ich zu Hans Otto, komm ein bißchen spazieren mit mir, mir ist so mies. Mir war immer sehr mies vor einer Premiere. Wir fuhren nach Dahlem, und wir gingen spazieren, bis tief in den Grunewald hinein. Wir hatten kein Wort gesprochen. Nicht ein einziges Wort, den ganzen Weg. Die ganzen zwei Stunden. Amphitryon war ein Riesenerfolg. Für alle. Hans Otto wurde ziemlich sofort ans Staatstheater engagiert. Ich war sehr stolz auf ihn, aber auch erstaunt, daß er akzeptierte. Wenig ahnten wir beide, was in Berlin auf ihn wartete.“
Hans Otto wurde am 10. August 1900 in Dresden geboren. Er debütierte am Künstlertheater in Frankfurt am Main als Ferdinand in „Kabale und Liebe“. Weitere Stationen waren Hamburger Kammerspiele, Preußisches Hoftheater Gera, Deutsche Schauspielhaus Hamburg, Lessing-Theater Berlin und schließlich das Preußische Staatstheater am Gendarmenmarkt.
Anfang der zwanziger Jahre suchte er den Kontakt zu Kommunisten und „Roter Hilfe“. 1924 trat er der KPD bei. Er führte Regie bei Arbeitertheatern und gehörte zu den Gründern der Agitprop-Truppe „Die Nieter“. 1930 wurde er zum Vorsitzenden der Berliner Sektion des Arbeiter-Theater-Bund-Deutschlands (ATBD) und mit seinem Engagement am Staatstheater 1931 auch zum Obmann der Gewerkschaft der Deutschen Bühnenangehörigen (GDBA) dieser Bühnen gewählt.
Hans Otto galt bereits in Hamburg als eine ideale Besetzung für jugendliche Helden und Liebhaber. Am Staatstheater festigte er den Ruf. Er spielte Ferdinand, Egmont, Prinz von Homburg, Beaumarchais im „Clavigo“, Antipholus in „Komödie der Irrungen“, Cassio in „Othello“ und er spielte mit Werner Krauss und Gustav Gründgens.
Am 27. Februar 1933 wurde dem Mitglied der KPD vom Staatstheater gekündigt. Sein letzter Auftritt war der Kaiser in „Faust II“. Obwohl er von Max Reinhardt aus Wien ein Angebot erhielt, blieb er in Berlin und stürzte sich in die nun illegale Parteiarbeit. In einem Café am Victoriaplatz in Lichterfelde wurde er am 13. November 1933 von der SA festgenommen und der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße überstellt. Während der Verhöre wurde er so grausam mißhandelt, daß er am 24. November 1933 in Berlin an den Folgen verstarb.
Der Schauspieler wurde auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof in Stahnsdorf bestattet. Sein Grab wird gepflegt, aber es liegt einsam in einer Gegend, die seit langem mehr oder weniger dem Wildwuchs der Natur überlassen wird. Auch deshalb macht sich Friedhofsverwalter Erwin Mahlow Sorgen: Nach dem Friedhofsentwicklungsplan des Landes Berlin wird die Anlage mit 65 Hektar künftig als Bestattungsfläche aufgegeben und zur Grünfläche umgewandelt. Was dann? Wird das ungeschützte Grab dann einfach entsorgt?
„Hans Otto in Not“: Unter dieser Überschrift hat die MAZ am 26. März 2005 dazu Fragen gestellt. Das Potsdamer Hans-Otto-Theater, endlich über den Sachverhalt aufgeklärt, wollte sich umgehend bemühen. Fünf Monate danach und anläßlich des 105. Geburtstages von Hans Otto werden wir fragen dürfen, was daraus geworden ist.
Peter Hahn, MAZ vom 10.08.2005