PETER HAHN
Für Manfred Lindicke und seinen "Werderaner Wachtelberg" brechen schwere Zeiten an. Zum "Kreuz-Neroberger" vom Viktoriapark in Kreuzberg und der "Wilmersdorfer Rheingauperle" von den Tribünenhängen des Stadions Wilmersdorf kommt nun noch der "Tempelhofer Antennenberg" vom Teltowkanal als Konkurrenz hinzu.
Es wurde aber auch Zeit, schließlich gab es bereits im Mittelalter Wein aus Berlin, der gar nicht so übel sein konnte, da er in den historischen Beschreibungen nicht eigens herausgehoben wird. Ganz im Gegensatz zur herben Kritik an den märkischen Produkten: "Vinum de Marchica terra transit guttur tanquam serra", was heißt: Märkischer Erde Weinerträge gehen durch die Kehle wie eine Säge.
Inzwischen sind beim Senat 1500 Berliner Rebstöcke registriert. 400 davon stehen zwischen Colditz- und Stubenrauchbrücke am Teltowkanal Kilometer Tek km 23,80. In der Nähe des Tempelhofer Hafens und unmittelbar vor dem Wenckebach-Klinikum tut sich ein Böschungshang in bester Südlage auf. Ein Weinberg mit prächtigen Reben, auf dessen Höhe sogar eine hölzerne Weinlaube thront.
Das Grundstück war - wie immer noch einige an der lange vergessenen Kanalstrecke - verkommen. 1997 war das dann auch den Eigentümern zu viel. Sie boten die 1200 Quadratmeter zur gärtnerischen Nutzung an. Schließlich fand sich einer, der dort gerodet und dabei auf die Idee kam, einen Weinberg anzulegen. Die Voraussetzungen waren gut, Südseite, 40 Grad Hangneigung, geeigneter Boden, windgeschützt und relativ frostsicher. Was nützt dem Bürger aber die beste Absicht für eine sinnvolle "Verschönerung", wenn für die Anlage von den Beamten der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Gemeinschaft mindestens eine "Ausnahmegenehmigung als Versuchsanlage" erteilt werden muss?