POTSDAM Auf dem Luisenplatz von Potsdam haben gestern Nachmittag rund 4000 Menschen mit Musik, Transparenten, Fahnen und Reden für Toleranz, Solidarität und Menschlichkeit demonstriert. Gehüllt in bunte Schals der Aktion "Potsdam bekennt Farbe" bekundeten sie ihr Mitgefühl mit den am frühen Ostersonntag in der Brandenburger Vorstadt von zwei mutmaßlichen Rechtsextremen fast totgeprügelten Deutsch-Afrikaner Ermyas M. und seiner Familie. Die äthiopische Botschaft ließ ihren Dank an die Polizei ausrichten für die schnelle Ergreifung der beiden Verdächtigen. Oberbürgermeister Jann Jakobs war der einzige Politiker am Rednerpult; nach ihm sprachen Kollegen, Nachbarn und eine Afrikanerin.
Jakobs versicherte, Potsdam werde sich der Gewalt und dem Hass entgegenstellen. "Wir wollen, dass jeder Mann und jede Frau überall in Potsdam sicher sein kann vor Einschüchterung und Gewalt." Der längste Beifall ertönte bei Jakobs' Dank an den Taxi-Fahrer, der dem Opfer vorerst das Leben gerettet hat, indem er anhielt und damit die Täter vertrieb. Für die Familie des aus Äthiopien stammenden Wasserbau-Ingenieurs ist die Tat "ein schreckliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit und das friedliche Miteinander". Per Brief erklärt sie, es sei nicht richtig, "von christlichen Werten zu sprechen und dann andere Kulturen und Religionen auszuschließen".
Aus dem Leibniz-Institut für Agrartechnik in PotsdamBornim bekannte Ermyas' Doktorvater Martin Geyer, in Trauer und Wut nicht zu wissen, wo man ansetzen soll. Er würdigte den immensen Beitrag ausländischer Wissenschaftler in Potsdam. Je nach Institut seien zehn bis 30 Prozent der Forscher Ausländer, sagte er; 1700 Wissenschaftler gibt es in Potsdam und Umgebung. Viele Jugendliche wüchsen "ohne Ziele und ohne Zukunft in zerrütteten Verhältnissen auf", suchte Geyer nach Ursachen für die Bluttat. Diese jungen Leute seien perfekte Opfer für rechte Ideen.
Mit dem Geld, das der Staat brauche, die Täter für Jahr zehnte wegzuschließen, könne man viel Jugendarbeit leisten, erklärte er. Vielleicht täte "ein bisschen weniger Spaßbad und ein bisschen weniger Stadtschloss" und dafür ein "bisschen mehr Jugendarbeit" gut. Beifall brandete auf.
Der Brite und Direktor des Max Planck Instituts für molekulare Pflanzenphysiologie, Mark Stitt, sagte mit Blick auf die deutsche Staatsbürgerschaft des Opfers, die Tat "wäre genauso schlimm gewesen, wenn es ein armer Asylant gewesen wäre".
Nach der Kundgebung zog ein Demonstrationszug durch die Innenstadt. R.P.