

Willkommen in Falkensee: Kinder der Sinti und Roma auf dem Platz am Kreisverkehr. Foto: MAZMüller
HILTRUD MÜLLER, CHRISTIANE TAUER
FALKENSEE Gut 30 elegante Campingwagen mit Sat-Schüsseln haben seit wenigen Tagen auf dem Platz am Kreisverkehr Station gemacht. Der liegt an der Spandauer Straße in Falkensee nahe der Semmelhaack-Siedlung. Die Neuankömmlinge sind Sinti und Roma ungarischer Herkunft, die bisher friedlich auf verschiedenen Plätzen in Berlin gelebt hatten und von ihrem letzten Standort in Spandau wegen einer Veranstaltung weichen mussten. Am vergangenen Freitag war der Konvoi in Begleitung von Polizei und Mitarbeitern eines Ordnungsamtes von Berliner Seite nach Falkensee geleitet worden. Womöglich sahen die Berliner Ordnungshüter das freie Feld, auf dem Drachenfeste steigen oder Zirkusfamilien ihre Zelte aufschlagen, als kommunalen Festplatz an. Doch das ist ein Irrtum: Er ist in privater Hand.
Eigentümer Manfred Strunk hat aufregende Tage hinter sich. Denn seit das fahrende Volk sich auf seinem Acker niedergelassen hat, steht sein Telefon nicht still. Empörte Bürger, auch aus der unmittelbaren Nachbarschaft, bombardieren ihn mit der Forderung, dem Treiben Einhalt zu gebieten und das Feld polizeilich räumen zu lassen. Müll und Toiletten würden am See ausgekippt, und dass "die" klauen, sei ja auch bekannt...
Strunk, der Erfahrung hat mit fahrenden Leuten – gute wie weniger gute – sah sich die Sache erst einmal aus der Nähe an und fand weder Toilettenauswurf am See noch Unrat auf dem Platz, sieht man einmal von den Gartenabfällen ab, die die Anwohner auf seinem Acker abladen. Zwischen den Campingwagen thronten zwei Abfallcontainer, die die Gruppe organisiert hatte. Schöne Frauen bereiteten das Mittagessen vor, andere schüttelten die Federbetten oder hängten Wäsche auf, Kinder tollten über die Wiese und spielten Fangen ...
"Genau genommen", sagt Manfred Strunk, " handelt es sich um Hausfriedensbruch." Denn er hatte vorab nichts von dieser Belagerung erfahren. Dabei wäre er gar nicht abgeneigt, den Sinti und Roma vorübergehend Quartier zu gewähren, die wollen ja nichts geschenkt, die zahlen. Doch er muss passen, er hat den Platz bereits vermietet, den ganzen Juni lang. Denn am 23. soll hier ein "Respekttag" unter dem Motto "Falkensee be fair" steigen. Organisator Michael Gentz will für Respekt und Toleranz in allen Lebensbereichen werben und hofft, mit guter Musik und vielen Ideen mehrere tausend Menschen zu mobilisieren. "Am Wochenende müssten wir mit den Vorbereitungen, also dem Mähen, beginnen. Bis dahin müsste der Platz frei sein", sagt Gentz, der eines auf keinen Fall will: eine Zwangsräumung.
Die will auch Carlos Ludvig, der Sprecher der Sinti- und Roma-Gruppe, vermeiden. Er ist um einen Ausweichstandort bemüht. Auf Campingplätze dürfen sie nicht. Und in der Stadtverwaltung, wo man ihn "sehr gut behandelt" habe, erfuhr er, dass auch der städtische Festplatz am Gutspark ausgebucht sei. "Ich verstehe, dass wir hier wieder weg müssen, in die Veranstaltung wurde viel investiert", sagte Ludvig. Doch die Aufregung der Falkenseer, die auch während seines Gesprächs mit Ordnungsamtsleiter Michael Sahr pausenlos im Büro anriefen und den Rauswurf der "Zigeuner" forderten, verärgert ihn. Verärgert ist auch Bürgermeister Jürgen Bigalke. Nämlich darüber, dass in diesem Fall "Berlin offensichtlich seine Probleme auf Kosten des Brandenburger Umlandes regelt". Die Stadt sei im Vorfeld über diesen Zuzug nicht informiert worden – ein Fakt, den Bigalke in einem Brief an das Innenministerium kritisiert.
Die Anwohner verfolgen die Geschehnisse auf dem Platz mittlerweile etwas genauer. Jeden Abend seien die Sinti bei ihm zu Gast, erzählt der Besitzer eines Restaurants. "Sie sind nett, aber doch ein wenig auffällig", sagt der Mann, der seinen Namen lieber nicht nennen möchte. Einige Gäste hätten ihn auf die Leute angesprochen, "irgendwie ist die Situation einfach unangenehm".
"Irgendwie unangenehm." Auch bei Ralph Schremmer, der neben der Wiese eine Kfz-Werkstatt betreibt, fallen diese Worte. Sechsmal seien Männer zu ihm gekommen, um mehrmals kleine Dienstleistungen wie Bohrer anschleifen anzubieten. "Das hab ich abgelehnt."