ULRICH CRÜWELL
Von "leistungsunterstützenden Mitteln", wie illegale Doping-Substanzen im DDR-Sportjargon hießen, hört Rennfahrer Uwe Trömer zum ersten Mal im Trainingslager. Im Sommer 1983 bereitet er sich mit der Bahnrad-Nationalmannschaft in der Sportschule Lindow (Ostprignitz-Ruppin) für die kommende Weltmeisterschaft vor. Bei einer abendlichen Versammlung kündigt der Team-Arzt eine zweiwöchige "leistungssteigernde Spritzenkur" an, von der sich der damals 23 Jahre alte Uwe Trömer nie mehr erholen sollte.
Beim Training ein paar Tage später stürzt Trömer vom Rad und kann sich nicht mehr regen. Nierenversagen. Wie ein Käfer liegt der Weltklassefahrer hilflos im märkischen Straßengraben. Es ist das Ende einer verheißungsvollen Sportkarriere. 1980 ist Uwe Trömer im Bahnvierer Vizeweltmeister geworden.
Zwei Wochen lang sehen Betreuer und Ärzte tatenslos zu, wie dem jungen Mann Brust, Beine und Füße anschwellen. Erst ein aus dem Urlaub zufällig zurückgekehrter Sektionsarzt rettet Uwe Trömer in allerletzter Sekunde das Leben. Heute, 24 Jahre später, spürt Trömer noch immer die Folgen dieser "leistungsfördernden" Behandlung. Er ist einer von 52 anerkannten Dopingopfern, die an der ersten Studie, in der Sportler endlich einmal selbst aussagen, teilgenommen haben.
Die Ergebnisse der Untersuchung könnten den Fokus der aktuell aufgeheizten Debatte verschieben, in der die Einnahme von Medikamenten wie Erythropetin, auch Epo genannt, als unfaires Foul und Unsportlichkeit diskutiert wird, seltener unter dem Aspekt der Nebenwirkungen. Die früheren Spitzensportler, die nun zu Wort kommen, berichten in der Studie "Wunden und Verwundungen" über schwerste körperliche und psychische Schäden, an denen mitunter auch noch die Kinder der Sportler noch zu leiden haben.
Seine Tochter sei glücklicherweise quietschgesund, berichtet Uwe Trömer in einem Café im Berliner Stadteil Friedrichshain. Am Nebentisch dreht ein Mitzwanziger eine nach ganz anderem "Doping" aussehende Zigarette in Tütenform. Trömer öffnet eine Mappe mit Fotos, in der seine professionelle Sportkarriere mit nur zwei Bildern dokumentiert ist. Ein Bild zeigt ihn als achtjährigen Jungen, der neben einem Rennrad steht und mit ernstem Stolz in die Kamera blickt. "Mein erster Sieg", erzählt Trömer. Ein anderes Bild zeigt ihn in Aktion. Es ist ein Sportfoto für die Zeitung. Trömer übergibt in rasender Fahrt den Staffelstab an Detlef Macha, der mit fünf Weltmeistertiteln einer der erfolgreichsten deutschen Bahnradfahrer aller Zeiten ist. Detlef Macha habe sich 1994 das Leben genommen, berichtet Trömer. Ist der Suizid eine Folge jahrelangen Dopings?
Die Studie legt diesen Verdacht zumindest sehr nahe, denn ein Drittel der befragten Ex-Spitzensportler geben an, unter schweren Depressionen zu leiden. Viele plagen sich gar mit Selbstmordgedanken. Die Interviews, die die ehemalige Kugelstoßerin Birgit Boese, selbst ein Dopingopfer, zwei Jahre lang in der ganzen Republik führte, haben die Studienteilnehmer häufig als Befreiung empfunden, berichtet Boese. Die meisten der ehemaligen Sportler sprachen mit Birgit Boese zum ersten Mal über die Doping-Praxis in der DDR.
Die Hälfte der Gesprächspartner, darunter 14 Olympioniken und zahlreiche Welt- und Europameister, erinnern sich, dass das Pillenschlucken im Alter zwischen elf bis 14 Jahren losging und meist über zwei bis drei Jahre dauerte. Alle Befragten entsinnen sich an das leuchtende Blau der Jenapharm-Tabletten "Oral Turinabol". Ein ausreichender Beweis für Kinderdoping, denn "es gab weder in Form noch in Farbe dem meistverwendeten Anabolikum Oral Turinabol ähnliche Tabletten", schreibt Giselher Spitzer, der Leiter der Studie, der seit Jahren den DDR-Sport erforscht.
"Oral Turinabol", ein männliches Sexualhormon, das die Muskeln gerade bei jungen Menschen besonders schnell wachsen lässt, ist heute bei Bodybuildern beliebt und wird in Giftküchen in China und Osteuropa nachproduziert. Im Internet tauschen sich Kraftsportler offen über Dosierung und Bezugsquellen aus. Aber nicht nur Muskelprotze dopen. Amateure anderer Sportarten plaudern in zahllosen Internet-Foren nachlesbar, mit welchen Medikamenten es noch höher, schneller und weiter geht. Vor der Sommerpause hat die große Koalition ein Anti-Doping-Gesetz verabschiedet, das lediglich den Besitz und Handel größerer Mengen Dopingmittel bestraft. Von Experten wie dem Frankfurter Oberstaatsanwalt David Kirkpatrick steckten die Parlamentarier heftige Kritik dafür ein, den Doping-Kampf weiter allein dem Sport zu überlassen. "Der Staat muss seine Bürger vor Doping schützen genauso wie vor harten Drogen", sagt Uwe Trömer und fordert Strafen für dopende Sportler.
Während die Leute am Nachbartisch sich in berauschenden Nebel einhüllen, berichtet der gebürtige Thüringer von seinem ersten Jugendtrainer in Erfurt, der ihn eindringlich vor genau diesen blauen Pillen warnte, die er im Trainingszentrum in Kienbaum (Oder-Spree) abends vor dem Essen später nehmen musste. Ein Arzt überwachte das kollektive Schlucken. "Dass da eventuell Doping mit verabreicht wurde, das ist mir erst viele, viele Jahre später bewusst geworden. Eigentlich erst, seitdem dieser Aufarbeitungsprozess läuft." So geht es nahezu allen Sportlern, die an der Studie teilgenommen haben.
Die teils wörtlich abgedruckten Interviews der lädierten Ex-Sportler aus 24 Dispziplinen liefern eine beeindruckende wie beängstigende Innenansicht. Von Kanurennsport, Biathlon, Ringen, Leichtathletik, Eiskunstlauf bis zum Kunstturnen ist nahezu jede Sportart vertreten, in der die DDR jahrelang zur Weltspitze gehörte. Sportminister Günter Erbach und Manfred Ewald, Chef des Deutschen Turn und Sportbundes, verordneten schätzungsweise 10 000 Athleten jahrelange Dopingkuren, ohne dass die Betroffenen gefragt oder informiert wurden. 1000 dieser zwangsweise gedopten Sportler gelten heute als schwer geschädigt.
Alarmierend ist der Gesundheitszustand: Ein Viertel der Befragten, alle im Alter zwischen 40 und 60 Jahren, sind an Krebs erkrankt. 40 Prozent der Frauen mussten eine Vermännlichung ihrer Körper erfahren. 90 Prozent der Athleten leiden an schweren Skelletterkrankungen. Die Rate an Fehlgeburten liegt 35mal über dem Durchschnitt. Die Kinder, gerade die der Frauen, sind verdächtig anfällig für Krankheiten wie Allergien und Lungenkrankheiten. Sieben Sprösslinge sind körperlich, vier geistig behindert. In der Studie ist daher von einer "zweiten Opfergeneration" die Rede.
Fünf Sportler verweigerten allerdings die Freigabe ihrer anonymisierten Interviews, weil sie wegen allzu leichter Erkennbarkeit persönliche oder berufliche Nachteile fürchteten. "Wir gelten als Nestbeschmutzer", sagt Trömer über sich und jene, die offen über das Doping sprechen. Kürzlich hat er auf der Straße nach Jahren einen ehemaligen Kollegen getroffen, mit dem er einst das Zimmer im Sportinternat teilte. Der habe ihm vor die Füße gespuckt und sei wortlos weitergelaufen.
Eine Geschichte, die ganz ähnlich wohl auch Erik Zabel und andere Schweige-Brecher erzählen könnten. Der Tour-de-France-Held berichtete kürzlich, dass seine Kollegen ihn nach seiner tränenreichen Dopingbeichte schneiden. Über Doping redet man besser nicht. Im Osten wie im Westen. Als Toni Schuhmacher 1987 in seinem Erfahrungsbericht "Anpfiff – Enthüllungen über den deutschen Fußball" in einem Kapitel die Wirkung von Dopingmitteln beschrieb, wurde der Torwart gleich aus der Nationalmannschaft entlassen.
Seine eigene gesundheitliche Zukunft malt Uwe Trömer am Ende des Gesprächs ziemlich düster: "Das Rentenalter werde ich nicht mehr erreichen." Vor einem Jahr hat er einen Schlaganfall erlitten. Er leidet unter Bluthochdruck, Stimmungsschwankungen und Fettleber. Folgen jahrelangen Dopings und der Spritzenkur in Lindow, sagt er. Trömer weiß bis heute nicht, welches Gift ihm der Arzt in den Körper pumpte. Bislang hat sich der Mediziner nicht für seine Vergangenheit verantworten müssen und bis vor kurzem arbeitete der Doktor für den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) und den sächsischen Olympiastützpunkt. Im Juni dann belastete Trömer den Arzt im Südwestrundfunk in der Sendung "Report aus Mainz". Er hatte vergeblich die Verbände schriftlich und in Gesprächen über den Arzt informiert. BDR-Präsident Rudolf Scharping schimpfte zunächst über unseriöse Vorwürfe. Inzwischen aber haben sich BDR wie auch der Olympia-Stützpunkt von dem Mediziner getrennt. Irgendwann hofft Uwe Trömer, den Arzt wieder zu sehen. "Aber nur im Gerichtssaal."
Giselher Spitzer: Wunden und Verwundungen. Sportler als Opfer des DDR-Dopingsystems. Eine Dokumentation. Sportverlag Strauß, Köln 2007