SEBASTIAN SCHOLZE
Zur Eröffnung spielten die Potsdamer Punkabillys "Thee Flanders". Dann ein samtroter Vorhang, die mannshohen weißen Lettern "B.B.", ein einzelner Spot für den Künstler, schwarze Zylinder und weiße Krawatte – es war die ganz große klassische Show, die Bela B., als Gründer und Schlagzeuger der Ärzte bekannt, am Montagabend auf die Bühne brachte. "Ja, wer hätte das gedacht?", mag da manch ein Konzertgänger im bis auf den letzten Platz gefüllten Lindenpark gedacht haben, passend zum Opener "B-Vertüre".
Im vergangenen Jahr begann Bela B. eine Solo-Karriere, nachdem sein kongenialer Kompagnon aus dem Ärzte-Kosmos, Gitarrist Farin Urlaub, mit bisher zwei Alben zeigte, dass es ein Leben neben den Ärzten geben kann. Aber hierin liegt natürlich auch die Krux: Wie Methadon für den Drogensüchtigen ist für den Fan der Punkrockband ein Bela-B.-Auftritt. Zuhörer fordern Ärzte-Titel, tragen T-Shirts der Band. Und ganz frei machen kann sich Bela B., der bei seiner Band "Los Helmstedt" den Platz hinter den Drums mit den sechs Saiten des Gitarristen getauscht hat, nicht vom musikalischen Erbe – etwa, wenn er andeutet, einen Ärzte-Klassiker zu singen und verkündet, "bald wieder mit einer anderen Gurkentruppe unterwegs zu sein."
Im November beginnt die nächste Ärzte-Tournee.
Dabei ist der Solo-Auftritt mehr als gelungen. Ironisch spottend besingt der Künstler bei "Gitarre runter" Musikerkollegen, die ihm mit der Haltung ihres Instruments gegen den Strich gehen. Seine tief hängende Gitarre zeigt selbstverständlich die Attitüde des wahren Rockers. "1 2 3..." hat sich seit der Veröffentlichung der gemeinsam mit Charlotte Roche besungenen Single vor einem Jahr zu einem Liebling der Fans entwickelt. Begeistert singen sie mit.
Ein zweiter Duettpartner Bela B.s nimmt einen großen Teil des Auftritts ein. Lee Hazlewood, einst Partner Nancy Sinatras und Komponist von "These boots are made for walking", hatte mit dem Berliner "Lee Hazlewood & das erste Lied des Tages" aufgenommen. Weil er am Sonnabend starb, verneigte sich B. mit ihrem Duett, einem Titel von Hazlewood und "Letzter Tag" vor der Legende. Der Stimmung tut die emotionale Huldigung mit dem zeitgleichen Fingerzeig zum Himmel keinen Abbruch, auch, weil mit "Der Vampir mit dem Colt" ein für den bekennenden Horrorfilmfan typischer Titel bereit steht.
Bei der Zugabe nach zwei Stunden trifft er mit Peter Maffays "Es war Sommer" den kleinsten gemeinsamen Nenner für die Mütter mit den Teenie-Töchtern, den kaum neunjährigen Jungen auf den Schultern seines Vaters, die Mittvierzigerin und den Alt-68er. Freimütig gesteht er, dass er sich vor 20 Jahren allein bei dem Gedanken an diese Coverversion das Leben genommen hätte. Auch die Ärzte-Fans sind begeistert, selbst wenn B. im Lindenpark als Arzt außer Dienst praktizierte.