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16.08.2007

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Die neuen Leiden der Bären

Waxing Studios sind der letzte Schrei / Sogar Männer lassen sich enthaaren / Kurzatmiger Trend oder neues Schönheitsideal?

ANTJE HILDEBRANDT

Kein Mensch weiß so genau, woher sie kam. Doch plötzlich war sie da. Überall. Man sieht sie in Fitness-Studios und auf den Covern so genannter Lifestyle-Magazine. Immer häufiger kriecht sie auch im Kino über die Leinwand. Gewachst, rasiert oder mit Hilfe irgendwelcher übelriechenden Cremes enthaart. Die Nacktschnecke.

Körperbehaarung ist "out". Vorbei die Zeit, da Sean Connery alias 007 ungehemmt sein Brusthaar entblößen durfte, um unaufgefordert hohe Dosen von Testosteron zu verströmen. Vorbei auch die Zeit, da die Frauenbewegung den Urwald unter den Achseln zum politischen Statement erhob: "Keine Macht dem Deo." Das neue Schönheitsideal steht dem Androiden näher als unserem Vorfahren, dem Affen. Die Windschnittigkeit hat über den Pelz gesiegt. Nur das Haupthaar darf noch voluminös wallen, Achseln und Beine haben komplett haarfrei zu sein, die Intimzone wird zumindest ordentlich gestutzt.

Um sich diesem Schönheitsideal zu nähern, muss man nicht einmal mehr selber mühselig mit Ladyshavern oder Epiliergeräten hantieren. Wozu gibt es "Waxing Studios"? In lateinamerikanischen Ländern und in Spanien, dort, wo die Natur dunkelhaarige Frauen mit dem Damenbart bestraft hat, gehört die Enthaarung einzelner Körperregionen so selbstverständlich zur Körperpflege wie das Haareschneiden.

Man lässt sich die umstrittenen Partien mit warmem Wachs bestreichen. Ein Ruck. Und die Kosmetikerin zieht die gehärtete Folie samt der darunter klebenden Haare und ihrer Haarzwiebeln ab. Das kann zwar mitunter schmerzhaft sein, nach der Prozedur wachsen die Haare dafür aber langsamer nach, da sie sich komplett neu bilden müssen – und zwar wesentlich feiner. "Die Haut fühlt sich danach weicher an", sagt Eva, 30. "Ein angenehmes Gefühl."

Die Lehrerin aus Köln sitzt im Wartezimmer des Studios "Wax in the City" in Berlin-Mitte. Rote Sofas, barocke Spiegel an den Wänden, Chillout-Musik aus den Lautsprechern. "Wax in the City", das ist eine Geschäftsidee von Christine Margreiter, importiert aus Brasilien. Als sie 2005 zusammen mit ihrer Geschäftspartnerin Sibylle Stolberg ihr erstes Studio in Berlin eröffnete, stieß sie in eine Marktlücke.

Einzelne Kosmetikstudios boten die Enthaarung mit Warmwachs schon vorher als Extra an. Und hinter hervorgehaltener Hand erfuhr man auch, welcher Friseur nach Feierabend auch den Haaren unter der Gürtellinie zu Leibe rückte. Doch glatte Tatsachen zu schaffen, das versuchten die meisten Menschen allein. Mit mehr oder weniger Erfolg.

Fragt man die Frauen im Wartezimmer von "Wax in the City", dann kann jede von ihnen eine eigene Leidensgeschichte erzählen. Eva berichtet von "schmerzhaften Erfahrungen" mit dem Epiliergerät. Nina, eine athletische Blondine, litt unter chronischer Pustelitis infolge dilettantischen Rasierens. Und Erika, eine brünette Mittdreißigerin, die sich seit ihrem 13. Lebensjahr die Achseln rasiert, hat in ihrer Not irgendwann selber mit warmen Wachs experimentiert. "Es war ein Fiasko", sagt sie, "weil ich zu lange gewartet habe, ist das Wachs steinhart geworden. Nur mit Öl habe ich es wieder abbekommen."

Wer schön sein will, muss leiden. "Das erste Mal habe ich vor Schmerzen geschrien", verrät Erika, die jetzt regelmäßig kommt, um sich das Bikinidreieck und die Achseln vom Profi enthaaren zu lassen. Sie ist kein Einzelfall.

Etwa 10 bis 15 Prozent der Kunden von "Wax in the City" sind Männer. Viele kommen, um den Pelz auf dem Rücken oder der Brust loszuwerden. Auch die Intimrasur beim Mann ist kein Tabu mehr, allerdings taucht diese auf der Preisliste unter dem Titel "Brazilian Man" auf. Ohne Diskretion, lernt man, kommt auch ein Gewerbe nicht aus, das nicht immer völlig geräuschlos arbeitet. Kosmetikerin Juliette Peukert jedenfalls sagt, sie habe sich daran gewöhnt, dass auf der Klaviatur der Schmerzensschreie die tiefen Töne überwiegen. "Bären sind besonders schmerzempfindlich."

Dabei kommen sie freiwillig, und es werden immer mehr. Das Unternehmen "Wax in the City" segelt auf Erfolgskurs. Inzwischen betreiben Christine Margreiter und ihre Partnerin zwei Studios in Berlin, ein drittes wird im September im Münchener Stadtteil Schwabing eröffnet. Danach wollen die Unternehmerinnen den europäischen Markt aufrollen.

Ist Waxing eine Mode, die irgendwann genauso schnell wieder verschwindet, wie sie aufgetreten ist? Oder der Ausdruck eines neuen Körpergefühls, das erst von prominenten Sportlern wie David Beckham oder von Models wie in der berühmten Davidoff-Werbung vorexerziert wurde und jetzt auch die breite Masse erreicht?

Immerhin ist die "Nacktschnecke" keine Erfindung der Schönheitsindustrie. Schon die letzte ägyptische Pharaonin Kleopatra ließ sich vor über 2000 Jahren mit spitzen Muscheln die Schamhaare einzeln herausrupfen, die Römer entfernten störende Körperbehaarung mit Harz und Ziegengalle. Im Mittelalter kamen noch härtere Mittel zum Einsatz: Ätzkalk, Blutegel und Quecksilber.

Trends entwickelten sich zyklisch, sagt die Berliner Psychologin Dr. Ada Borkenhagen, die das Enthaarungsverhalten der Deutschen demnächst in einer empirischen Studie für die Universität Leipzig untersuchen will (siehe Interview).

So gesehen lässt sich die Nacktschnecke als Protest gegen das Plädoyer der 68er-Generation für Wildwuchs am Körper als Ausdruck sexueller Selbstbestimmung interpretieren. Einerseits. Andererseits, so scheint es, passt das Schönheitsideal des enthaarten Menschen auch gut ins Zeitalter der Globalisierung, in der kulturelle Grenzen langsam ebenso verschwimmen wie die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Und die Dynamik dieser Entwicklung, so scheint es, kann auch kein Ladyshaver made in Taiwan stoppen.

Oder etwa doch? Für Ada Borkenhagen ist das Phänomen in erster Linie ein Modetrend. "Tätowierte Arschgeweihe sind out, Intimrasuren sind in." Und insgeheim hat sich die Psychologin schon gefragt, was als nächstes kommt, nach den Frisuren unter der Gürtellinie, die Landing Strip oder Bikini-Tanga heißen oder schlicht und einfach aus den Anfangsbuchstaben der Männer bestehen, die sich manche Frauen auf den Venushügel rasieren lassen. "Lassen wir uns unsere Intimbehaarung dann auch noch färben?"

Die Psychologin glaubt jedoch, an diesem Trend auch ein verändertes Verhältnis der Menschen zu ihrem Körper ablesen zu können. "Jetzt wird auch die letzte noch nicht kolonisierte Körperregion Schönheitsnormen unterworfen." Es ist ein neues Feld, das sich der Kosmetikindustrie da erschließt. Wenn der Trend erst wieder abgeebbt ist, wird das in der PR- Sprache so klingen: Es gibt viel zu tun – lassen wir es wachsen.

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