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20.09.2007

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Abschied vom Töpfergott

Bestseller-Autor Manfred Lütz macht sich auf die Suche nach Vater, Sohn und Heiligem Geist

„Gott sei Dank, Gott existiert nicht. Wenn aber, was Gott verhüten möge, Gott doch existiert?“ Ist dies nun das leicht zweifelnde Stoßgebet eines gläubigen Atheisten oder der Gipfel der Areligiosität? In „Gott – Eine kleine Geschichte des Größten“ (Pattloch Verlag, 297 Seiten, 19,95 Euro) stellt der Katholik Manfred Lütz seinen Glauben auf den Prüfstand. Vom Urknall über den Atheisten Feuerbach bis zu den modernen Naturwissenschaften sichtet er, was für einen Schöpfer spricht und was eher nicht. Eine leichtfüßige und spannende Sinnsuche, von der wir hier ein Kapitel abdrucken. 

MANFRED LÜTZ

Für die Naturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts blieb die so sinnvoll erscheinende erstaunliche Vielfalt der belebten Welt ein Rätsel. Da kamen die Erkenntnisse eines gewissen Charles Darwin gerade recht. Darwin beschrieb wissenschaftlich überzeugend, wie sich die belebte Natur über das Überleben der Durchsetzungsfähigsten bisher entwickelt habe und weiter entwickeln werde. Dass er den Menschen dabei nicht ausnahm, brachte natürlich traditionsorientierte Christen auf die Barrikaden. Außerdem stand mit einem Schlag offenbar auch die Schöpfungsgeschichte der Bibel auf dem Prüfstand. Insofern lag der Fall durchaus ähnlich wie beim Kollegen Galilei. Darwin war freilich ein ganz anderer Charakter; er war ein besonnener, bescheidener und kluger Mann, der unnötige Konflikte mied, aber seine wissenschaftliche Auffassung dennoch tapfer vertrat.

Doch lieferte auch das 19. Jahrhundert die Folie eines großen Konflikts für das, was sich nun abspielen sollte. Das war nicht mehr der konfessionelle Konflikt, der noch bei Galilei die Szene bestimmte. Jetzt war es der offene Konflikt zwischen einer bereits areligiösen, gar antireligiösen Wissenschaft und der Religion. (...)

Eigentlich hätte Darwins wissenschaftliche Theorie zu gar keinem Konflikt führen müssen. Wenn Gott in der biblischen Schöpfungsgeschichte die Sterne "wie Funzeln an den Himmel" hing, wie es im Originaltext heißt, dann war das auch schon für die damaligen biblischen Schriftsteller kein Dokumentarbericht über die ersten Stunden der Welt, sondern eine ziemlich saftige Polemik gegen die im Orient herrschende Verehrung von Himmelskörpern als Götter. Das wirklich Neue dieser Schöpfungsgeschichte waren nicht die poetischen Ausschmückungen, nicht die sieben Tage und nicht einmal die netten "Funzeln", das wirklich Neue der biblischen Berichte war, dass es nur einen einzigen Gott gab und dass der die ganze Welt aus dem Nichts erschaffen hatte.

Die Bibel beschreibt ja nicht die Welt, sie deutet die Welt. Die Evolutionstheorie Darwins dagegen beschrieb die Welt und ihre Entwicklung. Darin ist die Natur nicht eine starre Größe, sondern hat eine eigengesetzliche dynamische und geschichtliche Entwicklung. Das stimmte im Grunde mit der christlichen Sicht überein. Die simple Vorstellung, Gott habe die Welt sozusagen im Akkord in sechs Tagen handwerklich solide geschaffen und dann nicht nur am siebten Tage geruht, sondern sich sozusagen komplett zur Ruhe gesetzt, hatte nichts mit dem christlichen Gott zu tun, das war der lächerliche Rentnergott des Epikur und der Deisten. Witzig höhnt schon Mephisto in Goethes Faust: "Natürlich, wenn ein Gott sich erst sechs Tage plagt / Und selbst am Ende Bravo sagt, / Da muss es was Gescheites werden!"

Demgegenüber glauben die Christen, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist. Das heißt, dass Gott persönlich in die Geschichte eingetreten ist und persönlich als so genannter Heiliger Geist weiter in der Geschichte wirkt. Es gab also gerade aus christlicher Sicht sogar eine geschichtliche Glaubensentwicklung. Warum sollte nicht dann auch eine geschichtliche Entwicklung der Schöpfung denkbar sein? Es ist christlicher Glaube, dass zwar schon von Anfang an bestimmte Glaubensüberzeugungen angelegt sind. Sie entwickeln sich aber oft erst in einem jahrhundertelangen Prozess zur formulierbaren Klarheit. Für Fundamentalisten aller Richtungen war eine solche "Historisierung" der Wahrheit immer schon Glaubensabfall. Für die katholische Kirche dagegen stellt diese Überzeugung von einer legitimen historischen Entwicklung des Glaubens unter der Führung des Heiligen Geistes in der Kirche nicht mehr und nicht weniger als ihre Existenzberechtigung dar.

Daher gab es überhaupt eine Dogmenentwicklung, das heißt bestimmte Glaubenssätze wurden erst nach jahrhundertelangem Nachsinnen über den Glauben zu einem bestimmten Zeitpunkt von einem Konzil oder vom Papst in eine konkrete Formulierung gebracht. (...) Wenn also sogar der Glaube sich nach christlicher Überzeugung aus ersten Gesetzen und Regelungen zu späterer größerer Klarheit und Blüte entwickelt, warum soll Gott dann nicht in gleicher Weise auch der Schöpfung von Anfang an Gesetze und Regelungen eingestiftet haben? Gesetze, die diese Schöpfung aus ersten chaotischen Anfängen zu späterer Großartigkeit führen? Den französischen Wissenschaftler und Priester Teilhard de Chardin hat daher im 20. Jahrhundert gerade die Evolutionstheorie zu einer vertieften und geistlich außerordentlich fruchtbaren Vorstellung von Christus und dem Sinn der Geschichte inspiriert.

Für wache Christen also stellt die Evolutionstheorie eigentlich einen erfreulichen wissenschaftlichen Fort-schritt dar. Die katholische Kirche jedenfalls hat sie lehramtlich nie verurteilt. Mehr noch, der katholische Priester und Augustinermönch Gregor Mendel, ein Zeitgenosse Darwins, beteiligte sich an den wissenschaftlichen Forschungen zur Vererbung und fand in geduldiger Forschungsarbeit die nach ihm benannten Mendelschen Gesetze, die zum tieferen Verständnis der Evolutionstheorie beitrugen.

Wie konnte es dann aber zu dem bis heute wirkenden Streit um die Evolutionstheorie kommen? Als Charles Darwin 1859 sein grundlegendes Werk "Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl" veröffentlichte, herrschte Krieg. Krieg zwischen Wissenschaft und Reli-gion. Und im Krieg ist die Vorstellung vom jeweiligen Gegner stets verzerrt. Die unentwegten polemischen Attacken mancher Wissenschaftler auf die Religion hatten zur Folge, dass gewisse religiöse Menschen in den Einsichten des Wissenschaftlers Charles Darwin sofort einen erneuten Angriff vermuteten. Da behaupte jemand, der Mensch stamme vom Affen ab. Das sei gegen die Bibel. Vor allem bibeltreue protestantische Christen mit ihrem Prinzip "sola scriptura" (nur die Schrift) waren dem biblischen Text besonders hilflos ausgeliefert und starteten nun heftige Kampagnen gegen Darwin und seine Lehre, die bis heute anhalten.

Wie üblich rüstete aber auch die andere Seite auf. Man versuchte, die Darwinsche Lehre als Schlussstein einer atheistischen Welterklärung zu nutzen. Die kruden Vorstellungen protestantischer Fundamentalisten machten es wissenschaftlich orientierten Anhängern des Darwinismus dabei besonders leicht. Doch die Evolutionstheorie hat mit der Frage, ob Gott existiert oder ob Gott nicht existiert, in Wirklichkeit überhaupt nichts zu tun. Sie liefert eine Beschreibung der Gesetze, wie sich die belebte Welt entwickelt hat. Das ist alles. Zur entscheidenden Frage, warum überhaupt etwas existiert und nicht vielmehr nichts, hat sie nichts zu sagen. Auch kann man mit der Evolutionstheorie nicht die Frage beantworten, warum überhaupt Ordnung in der Welt existiert und nicht das thermodynamisch Wahrscheinlichste – nämlich Chaos. Und wenn es Naturgesetze gibt, die Ordnung ins Chaos bringen, wie konnten sie so sorgfältig aufeinander abgestimmt sein, dass nach einer langen Entwicklung ein so differenzierter Mensch wie Charles Darwin entstehen konnte oder Sie, lieber Leser? Die Evolutionstheorie kann auch nicht erklären, warum die Welt nicht in der nächsten Sekunde, nachdem Sie diesen Satz zu Ende gelesen haben, ins Nichts versinkt.

Denn wie alle wissenschaftlichen Theorien kann auch die Evolutionstheorie nur das Bisherige und das bisher für die Erkenntnis Erreichbare nach Regeln beschreiben. Die bisherige Erfahrung hat zwar gezeigt, dass diese Regeln immer weiter gegolten haben und das Chaos nicht eingetreten ist. Wer aber behaupten würde, mit absoluter Sicherheit aus den Bedingungen der Vergan-genheit für alle Zukunft Voraussagen treffen zu können, betriebe keine Wissenschaft mehr, sondern halbseidene Prophetie. Der Wissenschaftshistoriker Ernst-Peter Fischer schreibt: "Gottes Größe zeigte sich gerade durch die Evolution und in ihr. Er sorgte mit dieser Eigenschaft für die Kontinuität des Lebens, das er geschaffen hatte. Der Gedanke der Evolution nimmt Gott ernst, statt ihn abzuschieben."

Für etwas weiter blickende Christen war die Evolutionstheorie also eigentlich nur der Übergang von einem etwas altbackenen Töpfergott, der sich nach der Erschaffung des Menschen an seiner Schürze die Hände abputzt, zu einem allmächtigen, direkt und indirekt wirkenden Schöpfer von wahrhaft göttlicher Genialität, der die Welt vor Jahrmilliarden aus dem Nichts erschaffen hat, ihr Regeln eingestiftet hat, die eine bewundernswerte Entwicklung bewirkten, und der diese Welt jeden Tag vor dem Versinken ins Chaos und ins Nichts bewahrt.

Der Kölner Arzt und Theologe Manfred Lütz (53) hat sich in seinen Büchern auf ebenso scharfsinnige wie humorvolle Weise mit dem Gesundheitswahn ("Lebenslust") oder der katholischen Kirche beschäftigt.

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