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12.01.2008

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Archäologie: Der Pötzi ist kein Ötzi

Ein Skelett aus der Frühbronzezeit zeugt von einer Epoche, in der Toskana-Gefühl herrschte

4200 Jahre ist der Mann aus der Türkstraße alt – aber immer noch sehr vorzeigbar.

Der Tod überraschte den Mann, den man später „Pötzi“ nennen sollte, in der Blüte seines Lebens. Mit Anfang 20 war er noch lange nicht so gebrechlich wie die vergreisten 40-Jährigen in seinem Dorf – in der frühen Bronzezeit um 2200 vor Christus alterten die Menschen schnell. Unser junger Mann aber konnte nicht klagen. 1,70 Meter groß, breitschultrig und wahrscheinlich mit einem hübschen Lächeln gesegnet, lebte er wie die heutige Potsdamer Prominenz auf einem bezaubernden Wassergrundstück.

Nur wenige Meter von der Havel, nahe der heutigen Humboldtbrücke, stand sein umzäuntes Dorf. Vor den bemerkenswert großen Pfostenbauten mit Wänden aus lehmverstrichenem Rutengeflecht saßen die Leute beim Töpfern oder an Handmühlen. Auf der Weide hütete man Rinder, Schafe, Schweine, Pferde. Auch Hunde gab es; allerdings noch keine Katzen und Hühner. Lachse und Flussmuscheln standen auf dem Menüplan der Dörfler, die ihre Körper dank des prima Klimas wohl meist nur in Leinenstoffe hüllen mussten. Schließlich lag die Durchschnittstemperatur um etwa drei Grad höher als heute – Toskana-Gefühle. Warum unser junger Mann aus diesem paradiesischen Leben scheiden musste, lässt sich nicht sagen. Sicher ist aber, dass er liebevoll auf einem Friedhof in Ufernähe bestattet wurde. Seitlich liegend, in hockender Stellung mit angezogenen Knien, wie es der Brauch war. Zwei Keramiktöpfchen gab man ihm mit. Außerdem sieben Pfeilspitzen, einen noch unbearbeiteten Feuersteinteil und Wegzehrung fürs Jenseits: Korn, Fische. 4200 Jahre lang lag er in seiner runden Grube, bis er im vergangenen Oktober bei archäologischen Grabungen wieder das Licht der total veränderten Welt erblickte: anstelle seines Dorfes erstreckt sich nun das Bauareal für die neue Hauptfeuerwache; über dem ehemaligen Friedhof liegt die Türkstraße. Zwei Meter Erde trennen Bronzezeit und Moderne. „Sensation“, jubilierte es im Blätterwald, „Potsdam hat einen Pötzi!“

„Dieses verniedlichende ,Pötzi’ ist totaler Quatsch“, stöhnt Stephan Brather vom Landesamt für Denkmalpflege in Wünsdorf. „Beim Potsdamer Fund handelt es sich um eine normale Bestattung; Ötzi war hingegen eine Ausnahme, weil er erfror und mumifizierte. Außerdem ist Ötzi mindestens 700 Jahre älter als das Skelett an der Havel.“ Brather leitete Anfang November die Überführung des neo-prominenten Toten nach Wünsdorf. Eine heikle Mission. Um das Skelett nicht zu zerstören, wurde es in einem massiven Erdblock transportiert. In diesem Block, der aussieht wie ein holzverschalter Kinderbuddelkasten, ruht der Mann bis heute. Doch nun ist sein Knochengerüst etwa in halber Höhe freigelegt; der Schädel zur Gänze. (Von Ildiko Röd)


Dentalspatel und Schaschlik-Holzstäbchen

Wer dem Leider-nein-Pötzi in der Restaurierungswerkstatt seine Aufwartung macht, fühlt sich unweigerlich ergriffen. Wie ein schlafendes Riesenbaby liegt er da; irgendwie schutzbedürftig in seiner Embryonalstellung. Die Restauratoren sehen die Sache naturgemäß weniger emotional. „Woran ich bei der Arbeit so gedacht habe? Zum Beispiel wie ich die Aufbauten in meinem Wohnmobil machen werde“, flachst Thomas Mattern. Einen langen Monat hat er mit Maurerkelle, Dentalspatel und sogar Schaschlik-Holzstäbchen eine gute Handbreit Erdreich vom Skelett abgetragen; Knochen gereinigt und gefestigt. Richtig spannend wurde es nur, als der Schädel plötzlich im Gesichtsbereich auseinanderfiel – eine Nachwirkung des jahrtausendelangen Erddrucks. Wie ein Puzzlespieler setzte Mattern die Teile wieder perfekt zusammen; genauso wie die Reste der zerdrückten Töpfchen im Grab. Ansonsten klingt seine Bilanz nüchtern: „Restauratorisch war’s keine besondere Herausforderung.“ So gut war das Skelett noch in Schuss. Sogar das Blendamed-Lächeln des Mannes lässt sich noch erahnen. „Er hat alle Zähne; keine Karies.“ Nur der Schmelz ist ziemlich abgerieben wegen der sandigen Kost: „Das Korn wurde ja auf Steinmühlen gemahlen“, erläutern die Restauratoren. Mutmaßungen über den Verblichenen verweigern sie lachend. „Man kann aus ihm genauso einen blutrünstigen Krieger machen wie einen Keramikhändler, der sich mit Pfeilspitzen gegen Konkurrenz verteidigte.“ Nein, die Interpretation der Fakten überlassen sie lieber den Archäologen.

Jörg Schümann von der Cottbuser Grabungsfirma Argepro ist der Mann mit dem Deutungswissen. Wenn der Hüne mit der Langhaartracht vom Skelettfund in der Türkstraße erzählt, kommt schöne Schliemann-Stimmung auf – Drama inklusive. „Eigentlich waren wir schon endgültig mit den Grabungen auf dem Areal fertig. Wir hatten die Baucontainer abbestellt, es war fast Feierabend, als wir plötzlich in der allerletzten Ecke noch etwas entdeckten.“ Pfeilspitzen; ein aus dem Erdreich ragender Knochen. Nach zwei Wochen war klar: Sie hatten Potsdams erstes komplett erhaltenes Skelett aus der Frühbronzezeit entdeckt, in wunderbarem Zustand wegen des feuchten Erdreichs. Der Fund erlaubt einen Blick zurück in blühende Zeiten, als der Uferstreifen von der Heilig-Geist-Straße bis zur Schiffbauergasse dicht besiedelt war. Die Bewohner – sie gehörten der so genannten „Aunjetitzer Kultur“ an und stammten ursprünglich wohl aus dem heutigen Böhmen – hatten eine straffe Hierarchie: „Es gab Häuptlinge, Bauern“, weiß Schümann.



Sicher nicht der Dorfdepp

Und welchen Rang nahm der der Tote ein? „Das war sicher nicht der Dorfdepp, sonst hätte man sich nicht die Mühe gemacht, ihn mit schönen Pfeilspitzen und Keramik zu bestatten. Als Dorfvorsteher war er zu jung.“ Bleibt als Rang-Indiz also nur noch ein Fund von der Oberkante des Grabes: „Ein Hundegebiss.“ Könnte also gut sein, dass der Mann ein erfolgreicher Jäger war, den man ehren wollte. Aber vielleicht hatte er auch Feinde. Eine Delle, so groß wie ein Euro-Stück, hat Anthropologin Bettina Jungklaus, im Stirnbereich gefunden. Ein Überfall? Ein Unfall? Doch möglicherweise war die Todesursache überhaupt ganz was anderes – eine Grippe oder so. Aber in Pötzis ewigen Jagdgründen spielt das ja keine Rolle mehr.

info Der Skelettfund ist vom 16. bis 20. Januar im Kutschstall zu sehen.



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