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29.09.2008

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„DDR? Kenn ick nich!“

Ein Satiriker läuft durch Brandenburg. Und findet dort die Wahrheit. Martin Sonneborn über seinen Film „Heimatkunde“ – und was Witze über die DDR bewirken sollen. Mit Sonneborn sprachen Claudia Palma und Jan Sternberg.

Martin Sonneborn betritt ein Café in Berlin-Charlottenburg, wo er wohnt. Er trägt eine C & A-Jacke und einen roten Schal. Er beschwert sich über eine Journalistin, die bei einem Auftritt in München diese Kleidung als den „gewohnt billigen“ Anzug bezeichnet hat, den Sonneborn bei Auftritten seiner Satirepartei „Die Partei“ trägt. Der zivile Sonneborn unterscheidet sich allerdings kaum. Ein Gespräch mit Sonneborn zu führen, ist nicht ganz einfach. Ohne seinen Gesichtsausdruck zu verändern, schaltet er von ernsten Antworten zu beißendem Spott und zurück. Sonneborn wirft satirische Zeitbomben, während er spricht.

MAZ: Für Ihren Film „Heimatkunde“ sind Sie sechs Wochen lang mit einem Kamerateam durch den Berliner Speckgürtel gewandert. Bei Ihrer „Expedition in die Zone“, wie Sie das nennen, haben Sie skurrile Bekanntschaften gemacht. Wie sind die entstanden?

Martin Sonneborn: Die meisten Begegnungen entstanden spontan. Ich habe das Gespräch gesucht mit Leuten, die mir komisch vorkamen. Und wenn wir an einer Tankstelle vorbeikamen, lag es natürlich nahe, dort eine Wurst oder ein Bier zu nehmen und mit den Leuten zu sprechen. Außerdem hat unser Aufnahmeleiter im Internet recherchiert, wo wir möglicherweise auf Merkwürdiges stoßen könnten.

Sie hatten eine Satire im Sinn?

Sonneborn: „Heimatkunde“ ist als nicht-satirischer Film angelegt. Wir waren schließlich nicht unter falscher Flagge unterwegs. Und wenn jetzt die Zuschauer im Kino lachen, dann liegt das daran, dass ich unfähig bin, mich ernsthaft mit Leuten zu unterhalten.

Sie hatten ja stets den Kameramann dabei. Wirkte das nicht abschreckend auf Ihre Gesprächspartner?

Sonneborn: Es hat mich sehr überrascht, dass die meisten Leute es für völlig normal halten, dass eine Kamera dabei ist. Das Privatfernsehen hat die Leute so geprägt, dass man eher hindrängt, wenn da eine Kamera kommt.

Unterwegs treffen Sie einen Gärtner, der sich mit Bäumen unterhält, weil er den Glauben an die Menschheit verloren hat. Sie sprechen mit Imbiss-Besitzern, die von reichen Jet-Set-Kunden mit eigener Yacht träumen, aber bei denen noch der Jauchewagen vorfährt. Und ein Straßenbahnführer beschwert sich, dass der Mauerfall seinen Straßenbahnfahrplan durcheinander gebracht hat. Betrachten Sie Ihre Gesprächspartner als Ihre Opfer?

Sonneborn: Als Opfer sehen wir die Leute natürlich nie, nur als mögliche Lieferanten von komischem Filmmaterial. In Berlin-Marzahn kamen wir auf die Plattenbauten zu und da sehe ich jemanden oben auf dem Balkon. Da rufe ich und es entwickelt sich ein Gespräch. Der Mann hat mir erzählt, dass die Plattenbauwohnungen im Osten viel besser seien, weil sie alle den gleichen Schnitt haben und man beim Umzug die Auslegware einfach mitnehmen kann, weil sie überall passt. Ich bin halt aufnahmebereit für alles, was mir entgegen kommt und offen für interessante Dinge, die sich meist auch erst im Gespräch ergeben.

Wenn Sie mit jemandem sprechen, entsteht Realsatire. Ist das ein angeborenes Talent?

Sonneborn: Ich befürchte, das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Das hat mit Telefonstreichen angefangen, und wenn in der Schule später was los war, war ich meistens verantwortlich. Die Frage ist: Wie verpacke ich meine Kritik? Man kann zum Alkoholiker werden, man kann in den bewaffneten Widerstand gehen, man kann in die Politik gehen, was wir ja seit 2004 mit der Partei „Die Partei“ bewerkstelligen, und man kann Satire machen.

Kann Satire die Welt verändern?

Sonneborn: Nicht nur verändern, sondern zum Besseren wenden! Es geht darum, Dinge, die man nicht unkommentiert lassen will, die Widersprüche aufzulösen in einem guten Witz, über den man lachen kann. In meiner Magisterarbeit habe ich nachgewiesen, dass Satire keinerlei praktische Wirkung mehr haben kann. Allerdings habe ich das dann aus Versehen widerlegt durch unsere WM-Kampagne ...

…in der Sie kurz vor der Vergabe der Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2000 ein Fax an die wahlberechtigten Fifa-Mitglieder schickten und ihnen eine „Schwarzwälder Kuckucksuhr und einen Fresskorb mit Bierkrug“ in Aussicht stellten, wenn sie für Deutschland stimmen würden.

Sonneborn: Wenn man der FAZ glauben schenken darf, hat die WM unserem Land 3,6 Millionen Euro Bruttosozialproduktzuwachs gebracht, 40 000 bis 80 000 neue Arbeitsplätze, und wie ich von einer Hebamme weiß, einen Kinderboom. Das sind ja ganz praktische Folgen von Satire.

Ähnlich wichtig war, wie im Film gezeigt, Ihr Kampf gegen Hundekotbehälter in Stahnsdorf.

Sonneborn: In Stahnsdorf wurde gerade ein neuer Platz eingeweiht, mit einem Mahnmal für die Opfer des Faschismus. Es gab zwei Bänke, ein bisschen Grün und ein paar Bäume. Es gab daneben allerdings auch noch vier große, nagelneue, überdimensionierte und um das Mahnmal herum plazierte sogenannte Hundekotbehälter. Wir haben den Bürgermeister (den inzwischen pensionierten Gerhard Enser) interviewt und gefragt, in welchem Zusammenhang die Hundekotbehälter zum Mahnmal und zum Hitlerfaschismus stünden. Er wurde vor laufender Kamera immer wortkarger. Die Kamera war noch nicht ganz aus, da rollte schon ein Abrisskommando an, um zwei Behälter zu entfernen.


Stahnsdorf: Filmausschnitt



Hätte dieser Film auch im tiefen Westen entstehen können?

Sonneborn: Man hätte diesen Film auch an den Stadtgrenzen von Frankfurt oder Hamburg machen können. Einen Bruch hat es allerdings nur hier gegeben, nur hier gibt es diese zwei Völker, die noch nicht richtig zusammengewachsen sind. Wenn ich die Damen an dem Imbiss in Falkensee sehe, die glauben, sie kriegen jetzt zwei Kreisverkehre und einen Yachthafen – das sind Zustände, die man im Westen nicht hat. Dort haben die Leute lebenslang gelernt, mit Versprechungen von Politikern umzugehen.

Aber warum sind bei Ihnen so oft die Ostdeutschen die Satireopfer?

Sonneborn: Vor allen in den ersten Jahren nach der Wende konnten wir uns im Osten am Telefon alles erlauben, man hat wirklich überhaupt nichts in Frage gestellt. Wir freuen uns, wenn wir Widerspruch und Zorn provozieren. Witze über die DDR funktionieren so lange, wie das Land geteilt ist – nein, so lange sich das Leute nicht eingestehen. So lange keine Debatte darüber stattfindet, ob wir vielleicht doch sehr getrennt sind, wir – und Sie da drüben. Zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls habe ich im Namen der GEZ die Rundfunkgebühren für die Zeit von 1980 bis 1990 nachverlangt. Das war natürlich schön, wenn man diese Empörung dann in der „Titanic“ abdrucken und das Ganze wieder ein bisschen spalten kann.

Welche Situation während Ihrer Wanderung fanden Sie besonders schräg oder besonders traurig?

Sonneborn: Die bizarrste Situation war im Asylbewerberheim Stolpe-Süd. Ich habe mich mit einem Abu Abbas unterhalten, der seit elf Jahren dort eingesperrt ist und darauf mit einem gewissen Galgenhumor reagiert. Auf meine Frage, wie lange er hier jetzt leben wird oder muss, hat er geantwortet: „Bis ich sterbe“, und angefangen zu lachen. Das zeigt Ausnahmesituationen, mit denen man sonst nicht konfrontiert wird, in denen unser Staatsgebilde versagt und falsch läuft. Dann ist es gut, so etwas zeigen zu können.

Hatten Sie eigentlich nie Angst, in eine brenzlige Lage zu geraten?

Sonneborn: Nein. Eine gefährliche Situation gab es, als ich in Schönefeld im Pool in diesem Schleim stand. Das Wasser war vier Jahre nicht abgelassen. Ich glaube, den Mann verklage ich. Er hat gesagt, er hat immer Chemie da reingekippt, noch aus DDR-Beständen. Das grenzt an Körperverletzung, was die mit mir gemacht haben.

Wie wäre es mit einer Wiederholung Ihrer Wanderung in einigen Jahren?

Sonneborn: Weil sich etwas verändert in der Zeit? In vier Jahren wäre das Wasser in dem Pool noch grüner – insofern würde ich davon Abstand nehmen … Es wächst sicher zusammen, mit jedem Jahrgang, der geboren wird. Aber jungen Leuten wird das Wissen einfach fehlen. Wir sind vielen begegnet, die nichts über die DDR wussten, gar nichts. „DDR? Kenn ick nich!“ Einmal sagten zwei 16-jährige Mädchen: Ja, das haben wir in der Schule gehabt. DDR, das war so etwas wie Krieg. Das Ausmaß, in dem die DDR unbekannt ist oder glorifiziert wird, hat mich schon überrascht.

Vielleicht ist Ihre „Partei“ ja bald an der Macht. Sie fordern den Wiederaufbau der Mauer. Das beunruhigt uns in Brandenburg etwas.

Sonneborn: Die Mauer ist nur ein populistisches Vehikel – wir werden sie nicht bauen, sondern eine Volksbefragung durchführen. Wenn da demokratische Mehrheiten zustande kommen, bauen wir sie, sonst eben nicht. Ich bin da ganz unentschieden. In jedem Fall würde sie ansprechender aussehen, nicht so grau, sondern begrünt, in die Beobachtungstürme könnten Diskos rein. Das wäre etwas für die jungen Leute.



Heimatkunde: Der offizielle Trailer



Deutschlands Satire-Star

Martin Sonneborn, Jahrgang 1965, geboren in Göttingen, aufgewachsen in Osnabrück, war von 2000 bis 2005 Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic".

Unterrichtet wurde er auf einer katholischen Schule von den Ursulinerinnen.

Er setzte eine lange Tradition bitterböser Witze über den Osten im Heft fort. Sie begann 1989 mit dem Titel: „Zonen-Gaby im Glück (BRD): Meine erste Banane". Dort hält eine Frau in Stonewashed-Jeansjacke eine geschälte Gurke hoch.

2004 gehörte Sonneborn zu den Gründern der Satirepartei „Die Partei" (Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative). Sie fordert unter anderem eine „Sonderbewirtschaftungszone (SBZ)", die „auch baulich vom Rest der Bundesrepublik getrennt werden" soll. Auf dem kommenden Bundesparteitag soll zudem eine „Verfassungsfeindliche Plattform" innerhalb der Partei gegründet werden, damit man vom Verfassungsschutz beobachtet werden muss.

Im Film „Heimatkunde" von Andreas Coerper und Susanne Müller läuft Sonneborn im Stile eines naiven Heimatforschers einmal um Berlin herum. Der Film ist ebenso dokumentarisch wie satirisch.

Filmstart ist am 2. 10. Zu den Vorführungen am 6. 10. im Berliner Kino Babylon Mitte und am 8. 10. im Potsdamer Thalia wird Martin Sonneborn anwesend sein.

Informationen im Internet unter www.heimatkunde-der-film.de.

jps



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