

Nauen als französisches Dorf - man kann es nur erahnen. Die Filmcrew hat sich mit blickdichten Bauzäunen und Setfahrzeugen abgeschottet. Foto: MAZ/Tim Tolsdorff

Quentin Tarantino. Foto: dpa
NAUEN - Die Neue Straße in der Nauener Altstadt firmiert seit Beginn der Woche unter dem Namen Rue de la Jonquiere, ihre Quergasse verbreitet als Rue des Acacias mediterranes Flair. Vom denkmalgeschützten Haus mit der Nummer 29 – sonst ein pittoresker, ockerfarbener Altbau – blättert die graue Kunstfarbe ab. Vor einem erst kürzlich gezimmerten Anbau führt eine Treppe hinunter in eine schummrige Kellerkneipe. Darüber verrät ein Schild mit rostigem Rahmen den Namen des Etablissements: „Auberge La Louisiane“.
Seit Donnerstag verwehren bespannte Bauzäune diesen Blick ins fiktive südfranzösische Dorf „Nadine“, am Freitagnachmittag postierte man Sicherheitsleute an den Eingängen zur Straße. Der Grund sind die Arbeiten von Quentin Tarantino an seinem neuesten Projekt, dem Kriegsfilm „Inglourious Basterds“. Gestern und heute sind Drehs in Nauen angesetzt. Im Gefolge hat der Regisseur einen Heerhaufen deutscher und amerikanischer Filmstars, allen voran Brad Pitt. Noch kurz vor Drehbeginn deckten Produktionsteams die Dachfenster des benachbarten Altenheims mit maßgezimmerten Sichtblenden ab. Babelswood hat scheinbar Angst vor der geschäftsschädigenden Union von Pensionären und Paparazzi.
Die Geheimhaltung des Projekts vor Bürgern und Journalisten ist aller Ehren wert. Dass sich ein Teil der Nauener Innenstadt in ein südfranzösisches Dorf verwandelt hat, haben viele Bewohner nicht mitbekommen. „Ich weiß zwar, dass die da irgendwas drehen“, erzählte Marion Scholz, Stammgast einer Imbissbude mitten im Tohuwabohu des Filmsets, „aber ich habe keine Ahnung, was genau los ist.“
Rudimentäres weiß man aus Pressemitteilungen von Studio Babelsberg: Tarantinos Streifen dreht sich um eine Gruppe jüdischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Sie verschwören sich mit einer deutschen Schauspielerin und einem jüdischen Mädchen, um Adolf Hitler und Joseph Goebbels auf eine Schlag den Garaus zu machen. Doch die Konspiration findet nicht nur vor der Kamera statt. Anfragen der Medien blockte die Produktionsfirma Zehnte Babelsberg konsequent ab. „Wer in Nauen am Set sein wird, können wir leider nicht sagen“, lautete die verbale Rauchbombe aus der Presseabteilung.
Pech nur für Mister Tarantino und seine prominenten Mitstreiter, dass auch für sie das große Dilemma aller Verschwörer gilt: Je mehr Mitwisser ein Plan hat, desto größer ist das Risiko, aufzufliegen. Bereits im Juli 2008 gelangte das Drehbuch für den Film ins Internet. Leicht lässt sich so rekonstruieren, welche der filmischen Verschwörer sich dieses Wochenende in Nauen blicken lassen – zu groß sind die Übereinstimmungen von Kulisse und digitaler Regiekladde.
Laut Manuskript treffen sich die Verschwörer in einer Kneipe – Name: „La Louisiane“ – mit der spionierenden Aktrice Bridget von Hammersmark. Sie wird gespielt von Diane Kruger. Wo die jüdischen Racheengel auf Mission sind, darf ihr Anführer nicht fehlen: Leutnant Aldo Raine alias Brad Pitt. Er überwacht die Operation und muss erleben, wie drei seiner Männer in einer skurrilen Schießerei mit Wehrmachtssoldaten und einem Gestapo-Offizier getötet werden.
Die Hoffnung auf Lebenszeichen von Brad Pitt trieb gestern vor allem die weiblichen Fans zum Set in Nauen. Dazu gehörte auch Andrea Marzilger. Sie hatte sich extra den Nachmittag freigenommen. „Ich möchte unbedingt Brad Pitt sehen, aber gerne auch Til Schweiger“, erzählte sie und inspizierte bereits am frühen Nachmittag den Drehort – oder zumindest die blickdichten Bauzäune davor. Und die Chancen, Schweiger am Set zu sehen, stehen im Prinzip gar nicht so schlecht. Schon vor längerem sickerte durch, dass er ausnahmsweise nicht – wie für amerikanische Produktionen üblich – den Bösewicht geben muss. Schweiger darf sich an der Figur eines der Juden versuchen. Dass dies aber wohl auch seinen Filmtod zwischen Barrique-Fässern bedeuten wird, war Andrea Marzilger egal. „Pünktlich um halb sechs werde ich wieder hier sein“, meinte sie am Nachmittag. Früh waren auch zwei Mädchen dran, denen nach eigenem Bekunden ein Sicherheitsmann Details über die Anfahrtsroute ihres Idols verraten hatte. „Wir sind nicht wegen Brad Pitt hier, sondern wegen Til Schweiger“, meinten sie. Sie wollten aber nicht mit ihren Exklusivinformationen rausrücken: „Wir werden auf keinen Fall petzen!“
Dass die Drehbarbeiten erst später am Abend in Gang kamen, hatte zwei Gründe. Zum einen sieht das Drehbuch für die Ballerei Dunkelheit vor. Zum Zweiten kamen den Produktions-Profis gestern einige ambitionierte Amateure in die Quere: Der traditionelle Nauener Laternenumzug mit seiner Fanfaren-Hundertschaft hätte Quentin Tarantinos Verschwörung empfindlich gestört. Da die Organisatoren des Umzugs nicht zu einer Verschiebung gewillt waren, musste das Starensemble klein beigeben. „Sie haben uns unterschätzt“, so Umzugs-Organisator Frank Richter. „Wahrscheinlich dachten sie, es handelt sich um die Feuerwehr und 20 Kinder.“ (Von Tim Tolsdorff)