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06.11.2008

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US-WAHL: Warten auf O.

Eine Nacht, eine Hoffnung und neun Stunden Zeit-Totschlagen / Berliner, Brandenburger und Amis harrten gemeinsam aus

BERLIN - Es ist kurz vor halb sechs am Mittwochmorgen, als der letzte Republikaner das Berliner Cafè „Wahlkreis“ verlässt. Die Stühle sind schon hochgestellt, der Fernseher ausgeschaltet. Frank Becker hat noch einen Averna getrunken, die Abschiedsrede von McCain hat er nicht mehr gehört. Fünf Minuten vorher war die Verbindung abgebrochen. Es war ihm eigentlich auch egal.

Einen knappen Kilometer Luftline weiter toben Hunderte von Obama-Fans im Babylon-Kino auf den blauen Polstersitzen. Seit 5.02 Uhr ist hier bekannt: Ihr Mann des Wandels aus Illinois wird ins Weiße Haus einziehen, Barack Obama ist Amerikas neuer Präsident. Die Menge skandiert den Wahlslogan „Yes, we can“, vor der Fernsehleinwand spielen sich Matt Sweetwood und seine Folkadelics die Anspannung der vergangenen Stunden von der Seele. Viele Zuschauer tanzen schon, einige stehen noch ungläubig vor Obamas perlweißem Lächeln auf dem Bildschirm und dem goldenen Häkchen, das seinen Sieg als sicher anzeigt. Die Nacht ist fast vorbei, der Wahlmarathon auch. Aber hier geht noch keiner so schnell nach Hause.

Acht Stunden vorher im Amerikahaus. Die Stimmung ist entspannt, Ergebnisse liegen noch in weiter Ferne, hier heißt es vor allem: Zeit rumkriegen. Auch Jackie Pocklington aus Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark) hat sich mit seiner Familie in Charlottenburg eingefunden. Er stammt aus einer Kleinstadt bei Los Angeles, seit 1972 lebt er in Deutschland. Pocklington ist Sprachwissenschaftler an der Technischen Fachhochschule in Berlin, bis 21 Uhr war er noch im Büro, nicht mal Zeit für ein kleines Schläfchen hatte er. Drum sieht er etwas müde aus, als er, an die Wand gelehnt, der Diskussion „Amerikaner in Deutschland“ lauscht. Hungrig ist er auch, aber die kleinen Sandwiches sind schon alle weg.

Jackie Pocklington ist Mitglied bei den Democrats Abroad wie viele auf der Party. Er trägt eine Stars-and-Stripes-Krawatte und ein Kennedy-Button und hat sich bereiterklärt, ein paar Sätze zum komplexen Wahlsystem zu sagen. Und weil alle sehr viel Zeit haben in dieser Nacht, holt er gerne auch ein bisschen weiter aus. „Wer in Amerika Präsident sein will, muss entweder reich oder berühmt sein“, sagt er, während er auf einem plüschigen Sitzteil kauert. „Aber Obama hat es geschafft, dieses System auf den Kopf zu stellen und das Internet geschickt für sich zu nutzen.“ Pocklington hat übrigens die selbe Uni besucht wie Obama: Das Occidental College in Los Angeles. Dass so viele Amerikaner wie nie zuvor gewählt haben, hält er für eine kleine Revolution. „Seit Kennedy haben wir so eine Motivation nicht mehr gespürt“, er zeigt auf den JFK an seiner Brust. Dann erzählt er von seiner religiösen Familie, die nichts von Politik wissen will, und von den Stahnsdorfer Nachbarn, die am 11. September Blumen brachten.

Deutsche und Amerikaner halten auch in dieser Nacht zusammen – im Babylon. Gegen zwei stehen die ersten Ergebnisse fest, doch noch gibt es hier keine Party, die meisten sitzen angespannt vor CNN.com. Weil die Technik auch hier schlapp gemacht hat, verfolgt man die Hochrechungen per Internet. Als Nervennahrung gibt es Bananen-Cremetorte, eine Comedy-Gruppe versucht es mit Sarah-Palin-Liedern. So richtig hilft nichts. Nur warten. Dann ist es endlich 5.02. (Von Sarah Schaschek)


"Das Rassenproblem liegt hinter uns"

Michael Blumenthal (82) stammt aus Oranienburg, emigrierte 1939, war 1977-79 US-Finanzminister und ist Direktor des Jüdischen Museums Berlin. Mit ihm sprach Jan Sternberg.

MAZ: Hat diese Wahl über den Rassismus gesiegt?

Michael Blumenthal: Es gibt noch Rassisten in den USA, wie es auch in Deutschland Antisemiten gibt. Aber beides ist nicht mehr salonfähig. Das Rassenproblem liegt hinter uns. Obama ist nicht gewählt worden, weil er schwarz ist, sondern wegen seiner Fähigkeiten.

Die Hoffnungen sind so groß, dass er sie nur enttäuschen kann.

Blumenthal: Es wäre falsch, am Tag nach so einem großen Sieg negativ zu denken. Ich kenne Obama persönlich – er kann zuhören, er ist ein kluger, nüchterner Kopf. Er kann einige sehr wichtige Fortschritte erzielen.

Wie wird er die Finanzkrise angehen?

Blumenthal: Er tritt ein sehr schweres Erbe an, das nicht von einem Tag auf den anderen gelöst werden kann. Aber dieses Land hat bewiesen, dass es sehr flexibel ist.



Gayle Tufts. Foto: dpaBildvergrößerung

Gayle Tufts. Foto: dpa

"Wie der Mauerfall"

Die US-Komödiantin Gayle Tufts (48) lebt seit 1986 in Berlin. Mit ihr sprach Jan Sternberg.

MAZ: Bei McCains Wahlsieg hätten Sie sich um einen deutschen Pass bemüht. Sind Sie jetzt wieder stolze Amerikanerin?

Gayle Tufts: Ja! Dass Obama Präsident wird, freut mich wahnsinnig, noch viel mehr freue ich mich über die Wahlbeteiligung. Das ist Wahnsinn! Ich habe bei Obamas Rede geheult. Für mich ist das wie der Mauerfall.

Aber das Land ist am Boden, es wird schwer für Obama.

Tufts: Er muss jetzt schnell einige große Zeichen in die Welt setzen und rasch sein Kabinett zusammenstellen. Wir erleben kein Happyend, sondern einen sehr, sehr gefährlichen Anfang.




Bildergalerie: "Democrats Abroad" im Kino Babylon

Obama-Anhänger freuen sich auf der Wahlparty der "Democrats Abroad" im Kino Babylon in Berlin über die Ergebnisse der US-Wahlen. In der Nacht fanden nicht nur hier, sondern in der ganzen Hauptstadt Partys, Live- Übertragungen und Podiumsdiskussion statt. » weiter




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