POTSDAM - Günter Schlamp hat einen Traum: Eine Bibliothek, die ein ganzes Geschoss im Schulgebäude einnimmt und von morgens bis abends geöffnet ist. Was in England, Dänemark und vielen anderen europäischen Ländern Standard ist, sucht man in Deutschland vergebens. „Wenn man sich die Zahl und die Ausstattung der Schulbibliotheken in Deutschland anguckt, sind wir ein Entwicklungsland“, sagt Schlamp. Selbst in einem vergleichsweise reichen Bundesland wie Hessen habe nur jede dritte Schule eine eigene Bibliothek.
Der Mitorganisator des ersten Brandenburgischen Schulbibliothekstages, der gestern im Einstein-Gymnasium Potsdam stattfand, ärgert sich über das mangelnde Engagement der Politik. „In den meisten anderen Pisa-Vorbildsländern wird besonders viel Wert auf Schulbibliotheken gelegt. Bei uns sind sie hingegen ein Stiefkind der Bildungspolitik.“ Ein Zustand, den der ehemalige Schulleiter eigentlich unverständlich findet: „Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass es einen Zusammenhang zwischen den Lernerfolgen der Schüler und der Qualität ihrer Bibliothek gibt.“
Auch Günther Brée, der Leiter des Projektbüros Schulbibliotheken beim Hessischen Kultusministerium, kann ein Lied davon singen, wie schwierig es ist, die Politik für die Schulbibliotheken zu begeistern. „Der Föderalismus macht uns Schwierigkeiten“, sagt Brée. Dass Schulbibliotheken wichtig sind, um auch Kindern aus bildungsfernen Familien den Zugang zu Büchern zu ermöglichen, sei inzwischen bei den meisten Politikern angekommen. „Aber keiner fühlt sich zuständig. Die Kultusminister zeigen mit dem Finger auf die Kommunen, die oft genug schon mit der Finanzierung der öffentlichen Bibliotheken überfordert sind.“ Die Verlierer seien die Schüler, die entweder gar keine Bibliothek vorfinden oder mit einem muffigen, schlecht ausgestatteten Kellerraum vorlieb nehmen müssen, weil kein Geld da ist.
Für Günter Schlamp ist das Kompetenzgerangel dennoch kein Grund zu verzweifeln. Er setzt auf die Eigeninitiative von Eltern, Lehrern und Schülern. „Fangt an, selbst etwas zu tun, statt zu warten, bis der große Scheck kommt“, sagt der Potsdamer.
Eine Forderung, die Petra Drechsler bereits in die Tat umgesetzt hat. Es ist nicht zuletzt ihrem Einsatz zu verdanken, dass die Schüler des Einstein-Gymnasiums ihre Freistunden in der Schulbibliothek statt auf dem Pausenhof verbringen können. „Egal, ob es darum ging, die Wände zu streichen oder neue Elektroleitungen zu verlegen – wir haben alles selbst gemacht“, erzählt die Englischlehrerin. Mittlerweile ist der Bestand auf 1500 Bücher angewachsen. „Viele Schüler merken hier zum ersten Mal, dass es viel einfacher ist, ein Buch zur Hand zu nehmen, als sich von einer Internetseite zur anderen zu klicken.“
Am Ziel ihrer Träume ist sie noch lange nicht. „Es wäre schön, wenn wir die Öffnungszeiten der Bibliothek bis in die Abendstunden verlängern könnten. Aber das ist mit unseren beiden Ein-Euro-Jobbern beim besten Willen nicht zu schaffen.“ (Von Ariane Mohl)
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