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12.12.2008

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HAUSBESUCH: So viele Speichen

Plausch mit Volker Schlöndorff auf seinem sonnengelben Sofa – beim Warten auf den RBB

POTSDAM - Klingeln bei „Familie Schlöndorff“, schon kommt er rausgelaufen, aus seinem backsteinroten Haus an Potsdams Griebnitzsee – er winkt und ruft „hallo“; passiert nicht oft, dass ein illustrer Oscarsieger gut gelaunt auf einen Journalisten zustürmt. Meist rennen sie ja fort, wenn man zu viel von ihnen wissen will.

Volker Schlöndorff ist an seiner Pforte angelangt, und in der Auffahrt, neben ihm, steht dieser großartige, graugetünchte Jaguar. Er hat Max Frisch gehört. Der Autor Frisch hat ihn verschenkt, an Schlöndorff, sie waren Freunde. 1990 hat Schlöndorff „Homo Faber“, Frischs Roman, verfilmt – und nach den Dreharbeiten, Frisch war vom Krebs gezeichnet, sagte der Schweizer zu dem deutschen Regisseur: „Nimm meinen Wagen. Dort, wo ich hingehe, braucht man keine Autos mehr.“ Zwei Monate darauf ist Frisch gestorben.

„Ich fahr’ das Auto täglich“, sagt Schlöndorff, „ich hab’ kein anderes.“ Vor zwei Jahren gab es neuen Lack, das Auto sei ansonsten tadellos, erzählt er. Frisch kaufte es im Jahre 1967, „wir träumten damals alle von so einem Auto“, räumt Schlöndorff ein; er selbst ist einen alten Benz gefahren. „So viele schöne Speichen in den Rädern“, Schlöndorff jubelt, „mit diesem Auto gibt es in Hotels auf jeden Fall ein Zimmer, die Portiers murmeln auch bei ausgebuchtem Haus: So viele schöne Speichen können doch nicht unter freiem Himmel schlafen.“

Unter freiem Himmel ist es dieser Tage bitter kalt. Wir gehen schnell in Schlöndorffs Villa.

Er wartet auf den RBB, ein Fernsehteam will kommen, mit Dieter Moor (auch er, wie Frisch, ein Schweizer), der für die Sendung „Bauer sucht Kultur“ mit Volker Schlöndorff reden möchte. Moor ist Ökobauer im märkischen Hirschfelde, mit diesem Titel geht er nun hausieren. Doch er verspätet sich. Da bleibt noch Zeit auf Schlöndorffs sonnengelbem Sofa, um mit dem Hausherrn über Filmhistorie zu plaudern. Und um das gleich zu klären: So einen offenherzigen Oscargewinner gibt es auf der Welt nicht wieder. So einen selbstironischen gleich gar nicht. Er läuft stets morgens um den See, zehn Kilometer (den Pariser Marathon hat er letzthin in 4:22 Stunden bewältigt, nicht schlecht, er zählt ja nun schon 69 Jahre), heute trug er einen Trainingsanzug mit der Aufschrift „Latin Lover Crew“.

Erste Frage: Quentin Tarantino. Der geistert ja derzeit recht unsichtbar und doch sehr findig durch das Studio Babelsberg, um seinen Film „Inglourious Basterds“ abzudrehen. Haben Sie ihn schon getroffen, Herr Schlöndorff?

„Ich sehe ihn wohl in den nächsten Tagen. Ich kenne ihn seit langem, bei einem meiner Workshops, in Sundance, Utah, war er mein Schüler. Damals war bereits zu spüren, wie sehr er glüht, wie viel er will. Er kannte alle Kamerafahrten eines Filmes von Jean-Pierre Melville, bei dem ich damals Assistent war. Er hat gewirkt wie ein Autist. Völlig auf das Kino fokussiert! Wie Fassbinder – er war besessen.“

Hollywood gibt sich in Babelsberg die Klinke in die Hand. Freut Sie das besonders, als Geschäftsführer, der die Studios von 1992 bis 1997 geleitet hat?

Schlöndorffs Temperatur rutscht ab, er redet kühler, bleibt aber freundlich – das Joviale ist Teil seines Wesens, manchmal wirkt er zerstreut, doch niemals hektisch. „Babelsberg! Ich werde oft als Abwickler beschimpft. Dabei habe ich die Grundlagen für heutige Erfolge legen müssen. Den Namen ,Defa’ habe ich abgeschafft, die Defa-Filme waren furchtbar. Die liefen damals in Paris, wo ich studierte, nur im Kino der kommunistischen Partei. Wir sind da reingegangen und haben gelacht. Der Name musste weg. Bei der Defa hatte alles vor sich hingesuppt. Das Studio stand auf der Kippe, die Mitarbeiter mussten lernen, sich an den Kunden zu orientieren.“

Er holt Luft.

„Schlimm, dass ich in den fünf Jahren als Geschäftsführer nicht filmen konnte. Es ging in diesem Job um Geld, um Immobilieninvestitionen. Rund um das Studio sollte 400 000 Quadratmeter Bürofläche entstehen, ich hielt das damals schon für illusorisch. Wer würde aus Berlin nach Potsdam in die neuen Häuser kommen? Ich habe vor solcher Träumerei gewarnt. Aus den Projekten ist nie etwas geworden. Eine Menge Geld wurde mit derlei Plänen in den Sand gesetzt. Damals hieß es: Grundstückswerte und Baugenehmigungen sind wie gedrucktes Geld. Die Bankenkrise wurde seinerzeit in Babelsberg vorweggenommen.“

Schlöndorff hat sein Leben aufgeschrieben, „Licht, Schatten und Bewegung“: Die Autobiografie ist im August erschienen. Er hatte Zeit für dieses Buch, weil er entlassen wurde aus den Dreharbeiten an der „Päpstin“. „Dieser Film hat mich gereizt, endlich ein Abenteuer-Schmachtfetzen fürs große Publikum. Sowas habe ich nie gemacht. Kunstfilme, an denen ich sonst arbeite, haben ja kaum noch Publikum. Das Genre verschwindet nahezu komplett. Die Päpstin wäre mein ,Graf von Monte Christo’ gewesen. Aber das Klima hat nicht gepasst, bei den Produzenten von der ,Constantin’ läuft alles auf Bernd Eichinger hinaus. Wir haben uns einander nicht genügend Platz gelassen. Das Ende der Zusammenarbeit war konsequent. Trotzdem dreht sich das Messer in der Wunde, wenn Postkarten der Schauspieler vom Drehort kommen, wo sie jetzt mit Sönke Wortmann, dem neuen Regisseur, arbeiten.“

Florian Henckel von Donnersmarck: Ein weiterer Oscargewinner, vom Temperament, zumal in puncto Eitelkeit, ganz anders als der Babelsberger Schlöndorff – was hält er von dem forschen Filmemacher? „Jetzt kommt sein zweites Werk, das ist das schwierigste. Doch generell hat Selbstinszenierung in der Kinobranche nie geschadet.“

Dann klingelt es, der RBB ist da, an seiner Spitze Dieter Moor. Sie reden übers Auto, über Fritz Lang, den Schlöndorff noch gekannt hat. Über den Plakatentwurf zur „Blechtrommel“, er hängt in seiner Wohnung, wurde zensiert, da auch ein nackter Venushügel auf das Bild gerutscht ist. Schlöndorff gibt den Männern mit der Kamera mal hier, mal dort einige Tipps. Man weiß nicht, ist es ein Werk von ihm oder über ihn? Ganz gleich, es ist sehr schön geworden. Schlöndorff setzt sich mit Moor in seinen Jaguar, sie drehen eine Runde, der Auspuff qualmt – es ist so kalt. (Von Lars Grote)


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