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04.02.2009

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ARMUT: In der Einkaufswelt zweiter Klasse

Eine Million Menschen werden in Deutschland über Tafeln mit Lebensmitteln versorgt

NAUEN - Wie im Supermarkt geht es nicht zu bei der Tafel in Nauen (Havelland). Eher schon wie bei einer Sozialbehörde. Per Lautsprecher wird die Nummer vier aufgerufen. Karl und Thomas Gutsch setzen sich in Bewegung und betreten den kleinen Ladenraum. Hinterm Tresen warten drei Frauen, fragen nach Wünschen und füllen schnell und geübt drei große Plastiktüten mit Lebensmitteln.

Brot, Wurst, Joghurt, Obst und Gemüse, etwas Kuchen und einige gebratene Buletten – die komplette Grundversorgung für eine Familie. Als Gegenleistung legt Karl Gutsch fünf Euro in die Spendendose. Ein kleiner Obulus wird erwartet, als Zeichen der Wertschätzung und um zur Finanzierung beizutragen. Im Supermarkt hätten die drei Tüten mindestens 50 Euro gekostet, schätzt Gutsch. „Ohne die Tafel wüssten wir nicht, wie wir über die Runden kommen sollen“, sagt er.

Die Nauener Tafel ist innerhalb weniger Jahre zu so etwas wie einem Großbetrieb geworden. „Als wir 1999 angefangen haben, sind zwei Mal pro Woche etwa zehn Kunden gekommen“, erinnert sich Marina Sult, Chefin des Vereins. Heute gibt es neben der Zentrale in Nauen noch fünf weitere Ausgabestellen im Havelland. Pro Woche werden etwa 1600 Personen versorgt.

Die Idee der Tafeln kam in den 90er Jahren aus den USA nach Deutschland. Im Handel unverkäuflichen Lebensmittel werden kostenlos oder gegen eine kleine Spende an Bedürftige verteilt. Bundesweit versorgen die Tafeln Schätzungen zufolge eine Million Menschen. Große Handelsketten wie Metro, Lidl, Aldi-Süd, Edeka und Tengelmann spenden mehrere Zehntausend Tonnen Lebensmittel pro Jahr. Waren, die das Verfallsdatum überschritten haben oder leichte Mängel aufweisen. Allein die Metro-Gruppe, Hauptsponsor des Bundesverbands Deutsche Tafel, spendet täglich Lebensmittel aus 800 Filialen von Metro, Real und Galeria Kaufhof.

Bei den Kunden der Nauener Tafel sind diese Waren gefragt. „Das Angebot ist top“, sagt Heinz Peters. Der 64-jährige gelernte Maler war in besseren Zeiten einmal Bürgermeister in dem Dorf Berge bei Nauen und arbeitete im Ordnungsamt. Jetzt sind er und seine schwerkranke Frau in Not geraten und auf die Lebensmittelspenden angewiesen. „Es kostet Überwindung“, gibt er zu. Das bestätigen andere, die im Flur darauf warten, aufgerufen zu werden. An diesem Tag haben sich dreißig Kunden telefonisch angemeldet und eine Nummer erhalten. Bis sie aufgerufen werden, können sie in der Suppenküche, die im gleichen Haus vom Humanistischen Freidenkerbund betrieben wird, bei einem Kaffee warten.

Stefan Selke, Soziologe an der Privatuniversität Furtwangen (Baden-Württemberg), findet den wachsende Zulauf der Tafeln bedenklich. Selke hat selbst ein Jahr lang als Helfer bei einer Tafel mitgearbeitet und darüber unter dem Titel „Fast ganz unten“ ein Buch verfasst. Seine Kritik: Durch die Tafeln finde eine „Normalisierung des Skandalösen“ statt – der Armut nämlich. Wurden früher mit Suppenküchen und Kleiderkammern vorwiegend Randgruppen wie Obdachlose versorgt, sind mit den Tafeln die Almosen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und die Arbeit der Tafeln werde immer professioneller. „Der Trend geht schleichend zur Vollversorgung“, so Selke. Das hieße, dass eine Million Menschen in Deutschland in eine Art Parallelwelt fielen, versorgt durch Tafeln und andere Einrichtungen wie Suppenküchen und Kleiderkammern. Eine solche Absonderung vom normalen Leben dürfe man nicht hinnehmen, sagt Selke.

Der Bundesverband Deutsche Tafel reagiert allergisch auf Selkes Kritik. „Die Tafeln haben die fatalen Zustände im Land nicht hervorgebracht“, sagt Sprecherin Anke Assig. Die Initiative zu den Tafeln komme von unten, von den 35 000 ehrenamtlichen Helfern vor Ort. „Die Tafeln haben nicht über Hilfe geredet, sondern Hilfe organisiert“, sagt Norbert Weich, Vorsitzender des Landesverbands Berlin-Brandenburg. Nach Jahren des Wachstums sei man jetzt allerdings an Grenzen gestoßen. Vor allem der Nachschub an Lebensmitteln werde immer schwieriger, weil der Handel sich verstärkt bemühe, Überschüsse zu vermeiden.

In Nauen gebe es bislang noch genug für alle, sagt Tafelchefin Sult. Vier Kühlfahrzeuge sind täglich unterwegs, um die kooperierenden Tafeln in Nauen und Falkensee (Havelland) zu beliefern. Zwei Tonnen täglich würden beschafft, davon 1,2 Tonnen in Nauen verteilt. Sie kann die Bedenken des Soziologen Selke zum Teil nachvollziehen. Natürlich bestehe beim Staat die Begehrlichkeit, die Hilfe durch die Tafeln bei der Bemessung der Sozialleistungen von vornherein einzuplanen. Dagegen müsse man sich wehren. „Was die Tafeln machen ist immer zusätzlich“, sagt Sult.

Unter den Wartenden in der Nauener Tafel sind Menschen, die einen richtigen Job haben. „Ich arbeite im Supermarkt, an der Kasse“, so eine Frau mit gepflegter Dauerwelle, die ihren Namen nicht nennen will. Es sei seltsam, an der Kasse die guten Waren über den Scanner zu ziehen und selber von dem zu leben, was unverkäuflich ist, sagt sie.

Zum Kreis der Bedürftigen gehören auch die Frauen, die an diesem Tag auf der anderen Seite des Tresens stehen. Zum Beispiel die 23-jährige Katrin Gille. Erst habe sie gezögert, als ihr im Job-Center die Stelle angeboten wurde. Aber jetzt ist sie voll und ganz dabei. „Wir tun hier etwas Gutes für die Leute, die sich einen Einkauf im Supermarkt nicht leisten können“, sagt sie. Das gebe ihr ein gutes Gefühl. (Von Ulrich Nettelstroth)


Unterwegs mit acht Kühlfahrzeugen

  • Bundesweit 800 Tafeln mit rund 35 000 Helfern versorgen etwa eine Million Bedürftige. In Brandenburg sind dem Landesverband zufolge 39 Tafeln aktiv.
  • Größter Träger im Land ist der Arbeitslosenverband Brandenburg, der 13 Tafeln an 25 Standorten betreibt. Die acht Kühlfahrzeuge des Verbandes legen zusammen monatlich 57 000 Kilometer zurück. 100 Ehrenamtliche und 150 Ein-Euro-Jobber oder ABM-Kräfte versorgen wöchentlich 7500 Personen, davon 1400 Kinder.
  • Das Brandenburger Sozialministerium unterstützt die Tafeln mit Lottomitteln - zum Beispiel für die Anschaffung von Fahrzeugen. Die Arbeit sei wichtig und notwendig, so Sprecher Jens Büttner. net


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