Peter Fox
POTSDAM - Stefan Raab ist natürlich ein Vollprofi. So klangen auch seine lobenden Worte für die neue Metropolis-Halle in Potsdam-Babelsberg: „Es war einfach, die Halle im Fernsehen größer wirken zu lassen. Ein paar Videowände wirken Wunder. Und die Stimmung war in so einem intimen Ambiente natürlich sehr gut.“ 2000 Zuschauer passten in die Babelsberger Box, durchschnittlich 2,24 Millionen Zuschauer verfolgten an den Bildschirmen, wie Raab und seine Ko-Moderatorin Johanna Klum von einem blauen Moderationsturm (der auf dem Bildschirm natürlich viel beeindruckender aussah als in Wirklichkeit) die vierstündige Leistungsschau deutschen Popschaffens ablaufen ließen.
Peter Fox war der Favorit. So klang er auch, als sein Song gleichmäßig in allen Bundesländern von den Zuschauern nach vorne gewählt wurde und der 37-Jährige mit einem Rekordergebnis zum zweiten Mal gewonnen hatte – nach 2006 mit seiner Band Seeed. Er nahm den erwartbaren Erfolg zur Kenntnis.
Und beklagte sich darüber, wie „fußkalt“ es im Künstlerzelt gewesen sei. Fox, der Kreuzberger Asphaltpoet, der mit einem Hass-Liebeslied auf Berlin abgeräumt hatte, gab sich als Diva. Egal. Denn seinem Auftritt hatte niemand etwas entgegenzusetzen. Schon der Aufwand war konkurrenzlos: Mit vier virtuosen Trommlern und einem kompletten Orchester mit Affenmasken, unter denen Studenten der Universität der Künste steckten, riss der Dancehall-Poet Fox die Halle von den Sitzen.
Als einer der wenigen übrigens. Bis Fox als letzter, auf dem Favoriten-Startplatz, auf die Rundbühne in der Hallenmitte trat, waren nur wenige Bands in der Lage gewesen, wirklich zu begeistern. Die Dresdner Nachwuchs-Popper von Polarkreis 18 mühten sich bei „The Colour Of Snow“in Glaskäfigen abmühten und wurden Zweite. Die Ruhrpott-Metaller von Rage röhrten sich die schwarze Seele aus dem Leib, ließen Feuerfontänen fauchen. Ihr dritter Platz bewies, dass die dunkle Seite nach wie vor Macht hat – nachdem 2008 ja die Potsdamer Mittelalter-Rocker Subway To Sally den Sieg nach Brandenburg geholt hatten.
Diesmal trat für die Mark der Gitarrenjunge Sven van Thom an, den die Show-Logik Raabs in ein Spaß-Rap-Korsett gezwungen hatte. Er gab sich alle Mühe und wurde Neunter. Mit einer Mischung aus Phlegma und Selbstironie sagte er vor der Show, er sei „nur mittelmäßig aufgeregt“. Hinterher gab er zu Protokoll, er sei „mittelmäßig enttäuscht, eigentlich ganz zufrieden“. Zu seinem Song „Jaqueline (Ich hab Berlin gekauft)“ ließ er Bratwurst-Verkäuferinnen aufmarschieren und das Stadtpanorama in die Ästhetik einer Elektromarkt-Werbung pressen. Ganz nett war’s, am Ende zogen alle Bundesländer den echten Berliner vor. Noch nie in der kurzen Geschichte des Bundesvision-Contest stimmten die Zuschauer per Telefon und SMS so einmütig ab. Noch nie war aber auch so deutlich, dass so ein Wettbewerb leicht in die Krise abkippen kann.
Seit fünf Jahren gibt es die Bundesvision, seitdem ist zu hören, dass Raab aus einer Satire auf den „großen“ Grand Prix einen ernstzunehmenden Abend mit hohem musikalischen Niveau gemacht habe. Von der Satire ist nichts übriggeblieben: Matthias Platzeck als gastgebender Ladesvater trat zur Eröffnung launig, aber voller lokalpatriotischem Ernst auf, spielte Raab an die Wand. Die Einspielfilmchen, in denen die Bundesländer vorgestellt werden, waren harmlos; die Live-Schaltungen zu den Regionalradios unterirdisch (siehe Kasten). Raab hielt sich zurück – kein Krawall-Humor, sondern wahrhaftiges Interesse. Das kann man bei ihm gar nicht oft genug schreiben.
Ein Querschnitt durch das Popschaffen müsste aber mehr bieten als anderthalb Stars (Fox und Polarkreis 18), einige Genre-Vertreter (Rage und die bayerische Mundart-Rockröhre Claudia Koreck), ein Kuriosum (Flowin Immo aus Bremen, ein norddeutscher Knorkator-Verschnitt) und viel Harmlos-Irrelevantes. Wir hoffen drauf. Nächstes Jahr in Berlin. (Von Jan Sternberg)