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12.03.2009

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LITERATUR: Wunschbiografie

Der DDR-Germanist Dieter Schlenstedt äußert sich unerwartet kritisch zum Fall Erwin Stittmatter

BERLIN - Am Ende meldet sich ein aufgebrachter Leser aus dem Publikum zu Wort. „Erwin Strittmatter war mir über Jahrzehnte ein treuer Wegbegleiter. Und nun? Soll ich seine Bücher etwa aussortieren und auf den Müll werfen?“, fragt er mit trotzigem Hohn in der Stimme. „Aber nein“, schallt es aus dem prominent besetzten Podium unisono zurück. Dieter Schlenstedt, Germanist und steter Verteidiger der DDR-Literatur, fügt hinzu: „Lesen Sie alle Bücher noch einmal – aber mit dem Wissen von heute“. Zuvor hatte sich bereits der westdeutsche Historiker Ralph Klein für „Misstrauen, Misstrauen, Misstrauen!“ bei der Lektüre ausgesprochen.

Bis dahin herrschte in der Diskussion im Berliner Brecht-Haus am Mittwochabend trügerische Einigkeit darüber, dass die NS-Militärvergangenheit des beliebten DDR-Schriftstellers mit SED-Parteibuch nicht zu verharmlosen ist. Ein Aufsatz von Werner Liersch hatte im Juni 2008 wie eine Bombe eingeschlagen. Auch Schlenstedt empörte sich zunächst öffentlich gegen Liersch, den der „Teufel geritten“ habe, „skandalgeile Redaktionen“ mit der „Kenntnis von des Schriftstellers Vergangenheit“ zu bedienen, um „eine bedeutende Literatur endgültig zu entsorgen“. Nun, acht Monate später, gibt sich der emeritierte Professor geradezu geläutert und ist deutlich skeptischer, wenn von Erwin Strittmatters Werk und Person die Rede ist.

Er nennt ihn einen „doppelten Konvertiten“. Bauchschmerzen hat Schlenstedt vor allem mit dessen zweiter Kehrtwende vom engagierten Kommunisten zum entpolitisierten und entideologisierten Fatalisten. Zuletzt sei Strittmatter davon ausgegangen, die Welt sei nicht veränderbar und die Weisheit bestehe darin, sich nicht einzumischen. Auf diese Weise habe er „die Verantwortungslosigkeit zu einer Tugend erklärt“, hieß es.

„Strittmatter hat sich mit Hilfe seiner Bücher eine Art ,Wunschbiografie’ zusammengezimmert“, erklärte Schlenstedt. „Er wollte eigentlich als Wundertäter und Schelm durch die Welt ziehen, als kleiner Mann, politisch ungebunden, und das wurde ihm von vielen Leuten auch honoriert.“ Er habe sich als Dichter gesehen, der mit dem Kosmos und der Natur in Verbindung steht. Um nicht das Chaos der Welt zu reproduzieren, beteuern seine Bücher „einen harmonischen Gegenentwurf“, so Schlenstedt.

Persönlich machte sich Strittmatter aber in zwei Diktaturen zum „Handlanger“. Der 1994 verstorbene Autor selbst nutzte dieses Wort 1959, als er in einem nicht öffentlichen Fragebogen der SED gegenüber bekannte, „Handlangerdienste“ geleistet zu haben. Er wolle sich aber auch nicht durch „dauernde Scham lähmen“ lassen. In den 90er Jahren distanzierte er sich dann von seinen Aktivitäten im DDR-Schriftstellerverband und seinem Wirken als Agitator für die Bodenreform. Und er verwehrte sich gegen die Schuldgefühle, die ihm die DDR – wie bereits die Nazis – einreden wollten.

Dieter Schlenstedt schrieb im Juni 2008: „Mir fällt keiner ein, der als ein Beteiligter sich daran gemacht hätte, alles darzulegen, was er damals von den Gräueln mitbewirkt oder selbst erfahren hat.“ Heute verweist er auf den DDR-Schriftstellerkollegen Franz Fühmann, der die Scham seines Mitläufertums unter Hitler und Stalin zum Lebensthema machte.

„Kein Schriftsteller ist verpflichtet, über seine Erlebnisse auch zu schreiben“, sagte die Historikerin Annette Leo. Doch Strittmatters Werk gehöre nun mal zur engagierten politischen Literatur und müsse sich daran auch messen lassen, meinte sie. Selbst im Familienkreis hatte sich Strittmatter über seine Tätigkeit im Krieg und über die Massaker seiner Polizeieinheit ausgeschwiegen. Manfred Schemel, Vorsitzender des Strittmattervereins, verwies auf eine Publikation des Pfarrers Henning Gloege, der anhand zahlreicher Textstellen nachweisen will, dass Strittmatter seine Kriegserlebnisse wenigstens in seinen Büchern zur Sprache gebracht hat. Das diente offenbar auch der moralischen Rechtfertigung, zeigte der Germanist Schlenstedt. Etwa wenn zwei deutsche Soldaten während der grausamen Kampfhandlungen feststellen: „Wir haben uns selbst ermordet.“ und den poetischen Menschen in sich meinen. „Hier stellt sich ein Täter als Opfer dar“, analysiert Schlenstedt.

Doch was kann man Erwin Strittmatter überhaupt konkret vorwerfen? „Es gibt bisher kein Beleg dafür, dass er an speziellen Aktionen teilgenommen hat“, sagte der Historiker Ralph Klein. Und es sei auch eine unzulässige Verkürzung, ihn als SS-Mitglied zu bezeichnen, nur weil seine Polizeieinheit 1943 der SS zugeordnet wurde. Doch Entwarnung gab der Militärexperte deshalb nicht. Die SS sei durch die Nürnberger Prozesse als verbrecherische Organisation kenntlich gemacht worden. Nach heutigem Kenntnisstand fielen auch die Polizei-Bataillone in diese Kategorie, die den Vernichtungsfeldzug „gegen Frauen, Kinder und Alte führten“. Geißelerschießungen und Judenverfolgung gingen auf das Konto von Strittmatters Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18. „Über die Aufgaben und Ziele der Ordnungspolizei hat Strittmatter geschwiegen“, merkte auch Schlenstedt an. An der Aufklärung der Taten hat er nicht aktiv mitgewirkt. Nur jeder dritte Soldat aus seiner Truppe hat den Krieg überlebt.

Bernd-Rainer Barth, der ursprünglich vom Aufbau-Verlag und von Strittmatters Witwe eingesetzt wurde, um Lierschs Darstellungen neutral zu bewerten, ist inzwischen ebenfalls zu einem Belastungszeugen geworden. Er fand heraus, dass sich Strittmatter 1940 freiwillig zur Waffen-SS mustern ließ, aber abgelehnt wurde. Außerdem erhielt Strittmatter „eine Zusatzausbildung in Partisanenbekämpfung“ und „es entspricht nicht der Wahrheit, dass er unmittelbar Schreiber im Bataillon wurde“. Strittmatter habe mit hoher Wahrscheinlichkeit auch an Kämpfen teilgenommen.

Schlenstedt bedauerte, dass Eva Strittmatter Briefe ihres Mannes aus der Zeit vor 1945 unter Verschluss halte. Nächste Woche wird die Debatte in Potsdam fortgesetzt.

„Der Fall Strittmatter – Die Folgen einer Enthüllung“ – Eine Debatte mit Werner Liersch (Germanist), Irmtraud Gutschke (Journalistin), Bernhard R. Kroener (Historiker), Joachim Walther (Schriftsteller).
25. Februar, 19 Uhr, Kutschstall, Am Neuen Markt 9, Karten unter 0331/6208550.
(Von Karim Saab)


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