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26.02.2009

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IMMOBILIE: Teilzeit-Mieter dringend gesucht

Das Land Berlin will den ehemaligen Flughafen Tempelhof aus den roten Zahlen bringen – ob das gelingt, ist aber fraglich

BERLIN - Im sechsten Stock stehen noch die Reste einer Bar, wo einst die amerikanischen Alliierten Bowling spielten. Orange Verkleidung, brauner Fußboden. Erschöpft lassen sich die Studenten auf Stühle fallen, während Wolfgang Holfeld über die Geschichte des Flughafens Tempelhof referiert. 1923 das erste Abfertigungsgebäude, 1926 die Gründung der Deutschen Lufthansa AG. „Große Teile des Gebäudes waren für die Lufthansa gedacht“, sagt Holfeld, der früher als Tiefbauingenieur für die Flughafengesellschaft tätig war und heute für die Berliner Immobilienmanagementgesellschaft (BIM) Führungen macht. Heute lässt sich eine Gruppe von Anlagenbaustudenten den ehemaligen Flughafen zeigen.

Das ab 1936 errichtete Gebäude ist mit 128 000 Quadratmetern Grundfläche das drittgrößte Gebäude der Welt – nach dem Flughafen von Peking und dem US-Verteidigungsministerium Pentagon. Seit Wochen tobt der Streit um seine Vermietung an die Modemesse Bread & Butter. Doch das Problem ist noch etwas größer.

Der Flughafen umfasst 9000 Büros, die Haupthalle und sieben riesige Hangars. Ganz zu schweigen von zahlreichen Treppentürmen, die oft noch im Rohbauzustand sind. Entsprechend gigantisch sind die Kosten. Zuletzt verbuchte Tempelhof ein Defizit von zehn Millionen Euro im Jahr, ohne die Einnahmen aus dem Flugbetrieb könnte das Defizit auf 14 Millionen Euro ansteigen, hatte BIM-Chef Sven Lemiss unlängst gewarnt – sofern es die Landesgesellschaft nicht schafft, die Betriebskosten zu drücken und die Einnahmen durch Vermietung zu erhöhen. Das Land Berlin will den Flughafen in diesem Jahr komplett vom Bund übernehmen.

Holfeld führt die Studenten weiter, vorbei an Hochsicherheitstüren, wo bis 2006 die Lotsen der Flugsicherung einen Teil des deutschen Luftraums überwachten. Eine Etage tiefer hatten die Amerikaner einen mit Kupfer ummantelten Bürokomplex eingebaut. Dort saß der amerikanische Geheimdienst. Heute stehen die Räume leer – wie auch sonst große Teile des Flughafens. Von 300 000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche sind nur 200 000 vermietbar. Viel Fläche geht für Torbauten, Untergeschosse und Treppenhäuser drauf.

Nur 97 000 Quadratmeter sind laut Lemiss fest vermietet. So besetzt die Polizei einen Flügel, die Dekra hat in Teilen des großen Quergebäudes ihre Akademie untergebracht, hinzu kommen Architekten, eine Bar, ein Revuetheater und eine Tanzschule. 40 000 Quadratmeter umfassen die Hangars, die Haupthalle und das Flughafenrestaurant. Für dieses Areal hat die BIM nun die nicht eben einfache Aufgabe, weitere Teilzeit-Mieter zu finden – müssen die Nutzer doch zweimal im Jahr die Räume für die Modemesse räumen. Doch selbst wenn das gelingt, bleiben 60 000 Quadratmeter, die die BIM an den Mann bringen muss. Und die sind bisweilen stark renovierungsbedürftig. „Teile der Büros sind schwer zu vermieten“, räumt Lemiss ein. Er zeigt sich aber optimistisch, dass zumindest die ausgebauten Flächen in zwei bis drei Jahren besetzt sind. Seit dem Ideenwettbewerb des Bausenats hätten sich die Anfragen auf eine dreistellige Zahl gesteigert – von Consultingfirmen bis hin zur öffentlichen Verwaltung.

Die Gruppe ist auf dem Dach angekommen, wo einst Zuschauertribünen für Flugschauen errichtet werden sollten. Während sich die Studenten mit Schneebällen bewerfen, zeigt Holfeld den Radarturm und das Rollfeld. Am Tag der Schließung seien bei ihm viele Empfindungen zusammengekommen, gesteht der Ingenieur. „Von Ärgernis und Traurigkeit bis zu Unverständnis über die Entscheidung.“

Die Vermietung der Han-gars an die Messe kommt in seinem Vortrag nicht vor. Holfeld lässt aber durchblicken, dass er skeptisch ist. Es sei besser, wenn das Gebäude ganzjährig genutzt würde.

Für seinen Überraschungs-coup hat der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) weniger Beifall bekommen als er wohl selbst erwartet hatte. Als erstes zogen sich die Betreiber der Babelsberger Studios in Potsdam zurück, die in Tempelhof einen „Filmhafen“ mit Studios, Kostümfundus und Produktionsfirmen etablieren wollten. Man könne nicht zweimal im Jahr die Kulissen für die Modemesse abbauen, schäumt Babelsberg-Vorstand Christoph Fisser. Das Technikmuseum darf nun drei Flugzeuge, die rollen können, erstmal im Hangar lassen. Das Alliertenmuseum verhandelt noch über die Unterbringung.

Selbst in Spanien schüttelt man den Kopf darüber, dass Berlin den Flughafen hergibt, um dort zwei Mal im Jahr eine Messe zu veranstalten – wofür das Gebäude ja nicht wirklich geeignet sei. Bread & Butter-Chef Karl-Heinz Müller hatte im MAZ-Interview selbst eingeräumt, dass die Fläche viel kleiner ist als zuletzt in Barcelona.

In Hangar zwei steht Andreas Grunszky auf der Empore und blickt auf seine 4200 Quadratmeter Veranstaltungsfläche. Seit zehn Jahren vermietet er mit seiner Event Center Tempelhof Airport GmbH den Hangar, hat dort Hochzeitsmessen und sogar Konzerte der Philharmoniker mit Sir Simon Rattle abgehalten. Er verhandelt nun mit der BIM über eine Verlängerung seines Mietvertrags, könnte sich sogar eine Kooperation vorstellen.

Veranstaltungen und Messen dürften in Tempelhof nun häufiger stattfinden. Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) macht jetzt aus der Not eine Tugend und preist temporäre Nutzungen als das einzig Vernünftige an. „Es gibt niemand, der für die Hangarflächen rentable Preise für eine Dauernutzung zahlen wird“, sagt Sarrazin. Die Mietvorstellungen von Babelsberg hätten „Taschengeldformat“ gehabt.

Holfelds Führung ist inzwischen im Keller angekommen. Heizrohre verlaufen unter der Straße bis zur anderen Seite des Columbiadamms. Insgesamt ist das Tunnelsystem 4,5 Kilometer lang. Wenn er hier früher zur Inspektion reinmusste, habe er immer einen Plan dabei gehabt, so Holfeld. „Sonst finden Sie hier in drei Tagen nicht raus.“ (Von Antje Schroeder)


Models sollen durch Flugzeughangars flanieren

  • Die Modemesse Bread & Butter hat sich für zehn Jahre im Flughafen Tempelhof eingemietet. Zweimal im Jahr darf sie für einen Monat alle Hangars, das Restaurant, die Haupthalle und das Vorfeld nutzen.
  • Über die Miete schweigen sich Senat und BIM aus. SPD-Kreisen zufolge zahlt Bread & Butter 1,6 Millionen Euro im Jahr. Die BIM installiert vorher für fünf Millionen Euro Technik in den Hangars.
  • Laut Bread & Butter-Chef Karl-Heinz Müller zahlt die Messe in Berlin etwa so viel wie zuvor in Barcelona. Nach spanischen Quellen hat die Schau dort zwei Millionen Euro Standmiete gezahlt. In Berlin sei es aber etwas weniger, weil die Messe noch investieren werde.
  • In Barcelona ist man gar nicht so sehr betrübt über den Abzug der Messe. So will man dort selbst eine Messe für Alltagsmode veranstalten. (as)

 



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