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04.03.2009

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GESCHICHTE: „Sofort, unverzüglich“

Günter Schabowski will sich am Abend des 9. November nicht mehr versprochen haben

POTSDAM - Günter Schabowski will nicht mehr als der Mann darstehen, der durch Unkonzentriertheit Weltgeschichte geschrieben hat. „Wir haben fast alles falsch gemacht“, nennt das 80-jährige Ex-Politbüromitglied und SED-Renegat seine in dieser Woche erschienenen Erinnerungen. Am Abend des Mauerfalls aber will Schabowski gerade nichts falsch gemacht haben. Sein hastiges Vorlesen der neuen Reiseregelungen der DDR vor der internationalen Presse, seine gestammelte Antwort „Das trifft nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich“ auf die Nachfrage des italienischen Journalisten Riccardo Ehrmann – alles Taktik?

Im Großen und Ganzen schon, sagt Schabowski heute. Er kam aus derSitzung des Zentralkomitees. „Auf dem Weg zur Pressekonferenz überlegte ich mir, wie ich taktisch am klügsten vorgehen sollte“. Die neuen Reiseregelungen waren beschlossen, eine Pressemitteilung an die Nachrichtenagentur ADN bereits herausgegeben, mit einer Sperrfrist bis zum nächsten Morgen. Auch die Märkische Volksstimme meldete am 10. November, dass „Privatreisen nach dem Ausland ohne Vorliegen von Voraussetzungen“ beantragt werden können und die zuständigen Abteilungen bei den Volkspolizeikreisämtern angewiesen seien, Visa auszugeben. Die Bürokratie der DDR hätte am 10. November bereit gestanden, den Menschen Pässe und Visa für die Weihnachtsferien auszugeben. In der Nacht zuvor aber wurde Weltgeschichte geschrieben.

Die Reiseregelung war der letzte Versuch der SED, Dampf aus dem Kessel abzulassen. Schabowski aber wollte es so aussehen lassen, als säßen die Honecker-Nachfolger um Krenz noch fest im Sattel, könnten souverän entscheiden. Seine Taktik beschreibt er so: „Ich entschied mich, erst unmittelbar vor Ende“ der einstündigen Pressekonferenz, „auf die veränderte Reiseregelung zu sprechen zu kommen. So würde nur wenig Zeit für peinliche Fragen der Journalisten bleiben.“ Die Eile beim Verlesen erklärt Schabowski so: Er habe „nicht auch noch betonen wollen, dass das ein Schritt aus der Bedrängnis war“. Eine knappe Frage aber kam dann doch: Wann tritt das in Kraft? Die Frage – und Schabowskis Antwort – brachten im Endeffekt die Mauer zum Einsturz.

War sich Schabowski dieser Wirkung bewusst? Er glaubte, dass alle Vorkehrungen getroffen seien, schreibt er heute. Der Vertreter des Obrigkeitsstaates ging davon aus, dass die Befehlskette funktionierte, dass sich „alle Beteiligten in den Startlöchern zur Öffnung der Grenze“ befänden.

In den Neunzigern habe Schabowski noch anders über den Abend des 9. November gesprochen, erinnert sich der Potsdamer Historiker Hans-Hermann Hertle, der minutiös die Abläufe des Mauerfalls erforscht hat. Jetzt aber scheine das damalige Werkzeug der Geschichte ein planvolleres Bild von sich zeichnen zu wollen. Hertles Berliner Forscherkollege Ilko-Sascha Kowalczuk hingegen beschreibt das hastige Verlesen der Reiseregelung und das Zögern bei der Nachfrage als „großes Schauspiel eines politischen Dillettanten“. Im Endeffekt habe Schabowski die Wirkung seiner Worte weder gewollt noch geahnt.

Was Schabowski hinterließ, war dann auch größtenteils Ratlosigkeit. Die Eilmeldungen der Nachrichtenagenturen aber bekamen einen Eigendynamik: „DDR öffnet Grenze“ lief über den Ticker. Die wichtigste Rolle neben Schabowski und Riccardo Ehrmann mag aber „Tagesthemen“-Moderator Hanns Joachim Friedrichs gespielt haben: „Die Tore in der Mauer stehen weit offen“, verkündete er in der ARD. Erst dann begannen die Ost-Berliner an die Grenze zu stürmen. Hans-Hermann Hertle wertet es so: „Es war das erste weltgeschichtliche Ereignis, das die Medien verkündeten, bevor es eintrat.“

info Günter Schabowski (mit Frank Sieren): Wir haben fast alles falsch gemacht: Die letzten Tage der DDR. Econ Verlag, 280 Seiten, 19,90 Euro. (Von Jan Sternberg)


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