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10.03.2009

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LITERATUR: „Ich hatte keine Botschaft“

SARAH KUTTNER WAR BISHER ALS FERNSEHPLAUDERTASCHE BEKANNT / JETZT HAT SIE EINEN ROMAN GESCHRIEBEN

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Mit „Mängelexemplar“ legt die 29-Jährige ein zum Teil sehr witziges Buch über ein ernstes Thema vor: Ihre Romanheldin Karo hat Depressionen. Wie es zu dem Buch kam, erzählte Sarah Kuttner Jan Sternberg.

MAZ: Was ist so schlimm an autogenem Training? Sie lästern darüber ganz schön in Ihrem Buch.

Sarah Kuttner: Nichts! Ganz viele Leute finden das toll. Aber für Karo, meine Romanheldin, ist das halt nichts. Sie ist eine Person, die keine Ruhe findet, und obwohl sie damit genau zur Zielgruppe des autogenen Trainings gehört, ist es für sie total sinnlos. Ich habe das selber versucht, für mich ist es auch nichts. Man soll das jeden Tag machen, runterkommen, sich spüren. Und ich bin jemand, und Karo genauso, die dann erst recht unruhig wird und sich fragt: Huhu, wann passiert jetzt was?

Wie kamen Sie dazu, einen Roman zu schreiben? Für viele ist das ja ein Wunsch, den sie jahrelang mit sich herumschleppen.

Kuttner: Ich habe es nie als so was Großes empfunden. Ich hatte das Glück, einen Verlag zu haben und einen Namen. Viele Leute, Freunde, mein Vater, der Verlag, haben immer gesagt: Schreib doch mal einen Roman. Auf einmal war dieses Thema der psychischen Störungen da, und ich dachte, ich versuch’s mal. Ich habe es niemandem gezeigt und dem Verlag erst etwas gesagt, als ich schon mehr als die Hälfte hatte. Es war kein Berg, der bestiegen werden musste, sondern auf einmal war der Text da.

Wie lange hat das gedauert?

Kuttner: Zwei bis drei Monate. Als die Geschichte erstmal da war und ich wusste, was ich erzählen wollte, ging es ganz schnell. Das war erstaunlich. Ich denke immer: das kann ja nicht gut sein, wenn es mich so wenig anstrengt. Dieses Verhältnis habe ich auch zu meinem Job, er strengt mich nicht an, und ich mache ihn wohl ganz gut, aber ich zweifle dann immer, müsste ich nicht mehr schwitzen, mehr scheitern. Aber vielleicht läuft’s so nicht.

Vor dem Lesen dachte ich: Sarah Kuttner schreibt ein Buch, das wird bestimmt witzig. Was es an vielen Stellen auch wurde. Das Thema aber ist sehr ernst: Es geht um Depressionen. Wie kam es zu diesem Thema?

Kuttner: Das Thema ist aufgekommen, weil mein Umfeld so damit beschäftigt ist. Gar nicht laut, keiner läuft durch die Gegend und sagt, oh ich habe eine Depression. Aber der eine hat Panikanfälle und fällt mitten auf der Straße um, der andere geht zum Therapeuten und nimmt Antidepressiva. Das ist wirklich da und passiert nicht nur verrückten Leuten, ich habe ja ganz normale, lustige Freunde, die in den verschiedensten Berufen arbeiten, nicht nur in den Medien. Karo ist jemand, die sich ganz lange weigert, bis sie sich Hilfe holt, weil eine Depression eigentlich nicht zu ihr passt. Das fand ich interessant.

Wie viel Sarah steckt in Karo?

Kuttner: Der Verlag meinte: Frau Kuttner, Leute werden Sie fragen, ob das autobiografisch ist. Ich war erstmal sehr erstaunt: Warum sollten sie? Das liegt natürlich daran, dass ich mich gut kenne und ihr alle kennt mich nicht gut, privat, meine ich jetzt. Das ist nicht meine Geschichte und es ist nicht autobiografisch. Aber da ich nun nicht besonders kreativ bin und daher nicht aus der Perspektive eines 50-jährigen Holzfällers schreiben kann, hat Karo auf kleiner Ebene viel mit mir zu tun. Damit meine ich weniger den Charakter als die allgemeinen Ansichten. Was ich witzig finde, wie ich mein Essen mag, wie ich gerne Shoppen gehe, was man vom Leben und von Freunden erwartet, das ist von mir. Das große Ganze dann eben nicht.

Man könnte denken: Charlotte Roche hat mit „Feuchtgebiete“ über den Körper geschrieben, Sarah Kuttner schreibt jetzt über die Seele.

Kuttner: Ein ganz guter Vergleich. Viele Ihrer Kollegen sind da unkreativer, was angebliche Zusammenhänge angeht. Aber auch an dieser Stelle habe ich über so etwas überhaupt nicht nachgedacht. Ich schreibe dieses Buch und plötzlich kommen Fragen wie: Sarah, bist du das? Bist du depressiv? Hast du nur ein Buch geschrieben, weil Charlotte eins geschrieben hat? Das fällt mir immer erst im Nachhinein auf. Ich muss mir wohl mehr Gedanken vorher machen...

... oder gerade nicht.

Kuttner: Natürlich. Ich habe „Feuchtgebiete“ übrigens erst gelesen, nachdem ich „Mängelexemplar“ fertig geschrieben hatte. Ich hatte es vorher schon gekauft, es lag eine ganze Weile bei mir rum.

Hat das Buch eine Message? Zum Beispiel: Es ist okay, zum Therapeuten zu gehen, es ist wichtig, seine Depressionen behandeln zu lassen?

Kuttner: Ich hatte keine Botschaft im Kopf, als ich geschrieben habe, aber wenn ich mich auf eine festlegen muss, dann ist das wohl eine ganz schöne Message. Es ist wichtig, dass man akzeptiert, dass man nicht verrückt ist, wenn man Panikanfälle oder Depressionen bekommt. Dass die Chancen, dass es uns alle irgendwann erwischt, ziemlich hoch sind. Aber es ist schwierig, sich wirklich darauf einzulassen. Es ist schwierig, im Wartezimmer bei einem Psychiater zu sitzen. Ich saß da auch, sowohl als Begleitung von Freunden als auch zur Recherche. Das fühlt sich schon unangenehm an. Ich habe damals sogar vor Schreck jemanden angerufen, nur um laut sagen zu können: Ich sitze jetzt beim Psychiater – zur Recherche! Das ist natürlich scheiße – wem versuche ich da etwas zu beweisen?

Wie geht es für Sie nun nach dem Buch im Fernsehen weiter?

Kuttner: „Slam Tour mit Kuttner“, wo ich Lesebühnen besucht habe, läuft ab 7. April auf Sat1, „Sarah Kuttners Kleinanzeigen“ ab 22. März in der ARD. Beides ist fertig gedreht. Mehr liegt nicht an, ich gehe dann auf Lesetour – für mich ist das Jahr damit ausgebucht. Schließlich muss auch Zeit für Urlaub sein und ich würde gerne umziehen. Irgendwann trudelt wieder Fernsehen ein. Es liegen auch nicht viele Fernsehdiamanten rum, die schreien: Sarah Kuttner, heb mich auf! Wenn einer kommt, nehme ich ihn, wenn keiner kommt, mach ich mir keine Sorgen. Bis jetzt hat das ganz gut funktioniert.

Sarah Kuttner: Mängelexemplar. S. Fischer, 272 Seiten, 14,95 Euro.


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