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12.03.2009

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DRAMA: Die Märchenstunde des Morphinisten

Tarsem Sings „The Fall“

15 Jahre sind eine lange Zeit – in Kategorien Hollywoods gedacht eine unmögliche Zeit. Der Regisseur Tarsem Singh hat 15 Jahre an „The Fall“ gearbeitet und einen eigentlich unmöglichen Film geschaffen. Die Schauplatzsuche nahm zehn Jahre, der Dreh in 18 Ländern weitere vier Jahre in Anspruch. Das Risiko, dieses Unternehmen zu finanzieren, mochte keiner eingehen. Also zahlte Singh das Spektakel selbst und schuf am Ende wahrlich großes Kino.

Auf der Suche nach Ablenkung streift die kleine Alexandria (Catinca Untaru) 1915 mit eingegipstem Arm durch ein Hospital in Los Angeles. Im Nebenzimmer liegt mit gebrochenem Herzen und Rücken der Stuntman Roy (Lee Pace). Er hatte seiner Freundin imponieren wollen und dabei zu viel gewagt. Nun ist die Freundin mit dem schmierigen Hauptdarsteller des Films zusammen. Roy und Alexandria freunden sich an, er erzählt ihr eine ziellose Geschichte von fünf mythischen Helden, in der Gestalten wie Alexander der Große und Charles Darwin gegen einen finsteren Gouverneur Odious kämpfen. Roy fabuliert, die Kamera zeigt, wie sich in Alexandrias Kopf eine farbsatte, entgrenzte Fantasiewelt formt.


Exzentrischer Rausch an Bildern und Farben

Der Witz besteht darin, dass Alexandria die Rollen von Roys Erzählung mit dem Klinikpersonal besetzt, und hin und wieder charmante Brüche entstehen zwischen dem, was Roy meint, und dem, wie es das kleine Mädchen versteht. Die Opulenz, mit der Tarsem Singh diese kindliche, bisweilen brutale Fantasie umsetzt, ist gewaltig. Es ist ein exzentrischer Rausch an Bildern, Farben und Zitaten, wie man ihn nur selten, vielleicht noch nie, auf der Leinwand gesehen hat.

Blutgetränkte Riesensegel vor karger Wüstenlandschaft, Hundertschaften schwarzer, gesichtsloser Krieger, explodierende Tempel, Labyrinthe, wie von M. C. Escher entworfen, magische Geschöpfe, die sich aus brennenden Bäumen schälen.



Makabere Botendienste für den Stuntman

Sing verdient sein Geld vor allem mit Werbe- und Videoclips, ist also ein Spezialist für Verpackung. Als 2000 mit „The Cell“ sein erster Kinofilm herauskam, war eben dies zu bewundern: schwachbrüstig in der Geschichte, grandios in der visuellen Präsentation. Auch „The Fall“ wurde das teils zum Vorwurf gemacht: Der Film existiere allein, um schön auszusehen, hieß es. Das ist erstens kein filmisches Verbrechen, zweitens stimmt es nicht. Denn Singh erzählt in seinem Werk von höchstem Schauwert eine anrührende Geschichte über Freundschaft, Abhängigkeit, Unschuld und die Macht der Fantasie.

Der gelähmte Stuntman ist kein unschuldiger Märchenonkel. Vielmehr knebelt er das Kind mit seinen Episoden an sich, damit sie ihm Morphium aus der Krankenhausapotheke besorge. Ohne diesen makaberen Botendienst keine heiß ersehnte Fortsetzung der Geschichte. Alexandria freilich weiß nicht, dass die Geschichte erst recht ein Ende finden wird, wenn sie die Pillen besorgt, denn Roy will nicht mehr leben.

Ein wunderbarer Film voller kleiner und großer Einfälle ist Tarsem Singh gelungen. Bei aller visuellen Perfektion strahlt „The Fall“ etwas charmant Handgemachtes aus. Das liegt an dem anrührenden Zusammenspiel zwischen Lee Pace (bekannt aus der Serie „Pushing Daisies“) und der pummeligen Catinca Untaru, die noch nie vor einer Kamera stand. Die Dialoge sind improvisiert, leben von Untarus kindlicher Spontaneität und sind damit die ideale Folie für einen magischen Film, der davon erzählt, wie Geschichten entstehen. (Von Torsten Gellner)



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