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02.04.2009

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INTERVIEW: „Wir müssen massiv Medienkompetenz fördern“

Markus Beckedahl, Organisator der Blogger-Konferenz Re:Publica, über Evolution, Kulturkampf und heulende Schüler

Bis Freitag läuft in Berlin die Re:Publica, eine Konferenz von Internetaktivisten. Mit dem Veranstalter Markus Beckedahl sprach Jörg Giese über Chancen und Gefahren neuer Medien.

MAZ: Warum finden Sie Blogs eigentlich so großartig?

Markus Beckedahl: Jeder kann mittlerweile zum Sender werden. Die Zeiten sind vorbei, wo Sie massiv Geld und sonstige Ressourcen benötigten, um eine Zeitung oder einen Fernseh- oder Radiosender zu betreiben. Heutzutage reicht ein Computer mit Internetanschluss vollkommen aus. Das muss nicht, kann aber zu mehr Medienvielfalt führen. Gerade in Zeiten einer deutlichen Medienkonzentration können Blogs in einer Demokratie eine kritische Öffentlichkeit stärken.

Wie weit profitieren Sie von der Krise klassischer Medien?

Beckedahl: Dadurch entstehen natürlich Nischen, in die Blogger vor allem in den USA vorgestoßen sind, um alternative Angebote zu schaffen. Dabei geht es nicht um die Ersetzung klassischer Medien. Wir sprechen eher von einer Medien-Evolution. Auch klassische Medien übernehmen ja immer neue Technologien, bauen auf ihren Internetseiten Dialog-Funktionen ein oder starten eigene Blogs. Im Endeffekt ergänzen die sozialen Medien wie Blogs prima unsere traditionellen Medien bei ihrer Rolle als vierte Macht im Staate.

Der Blogger Stefan Niggemeier hat den etablierten Medien vorgeworfen, sie betrieben einen Kulturkampf gegen das Web 2.0. Das klingt nicht nach Kooperation.

Beckedahl: Einiges, was man in bestimmten Zeitungen liest, wirkt manchmal tatsächlich wie ein Kulturkampf. Da wird immer nur vor den Gefahren gewarnt. Manchmal muss man sich ja fast schon entschuldigen, dass man einen Blog betreibt. Das ist in anderen Ländern nicht so, da sind Blogs akzeptierter.

Ist das der einzige Grund, warum Blogs in der öffentlichen Diskussion hierzulande keine Rolle spielen?

Beckedahl: Sie spielen ja schon eine Rolle bei bestimmten Themen. Ein anderer Grund ist, dass unser traditionelles Mediensystem noch funktioniert. Sie können immer noch am Kiosk überregionale Zeitungen im gesamten Spektrum von linksradikal bis rechtsradikal kaufen. Das gibt es in keinem anderen Land mehr und wird sich wahrscheinlich mittelfristig auch bei uns ändern. In den USA ist dieser Medienwandel schon viel weiter fortgeschritten. Dort hat vor allem der 11. September gezeigt, wie wichtig Blogs sein können. Eine Weile gab es nur im Internet noch kritische Töne, die Massenmedien waren auf Regierungskurs eingeschwenkt.

Bekannte Blogger wie Stefan Niggemeier haben sich zunächst durch ihre Arbeit für Zeitungen einen Namen gemacht. Wie wichtig ist ein etablierter Name, um als Blogger erfolgreich zu sein?

Beckedahl: Das kann wichtig sein. Man kann sich aber auch eine eigene Reputation aufbauen durch kontinuierliche gute Arbeit.

In Blogs beschäftigt sich meistens ein Autor mit einem begrenzten Themenfeld. Droht da nicht eine Zersplitterung der Öffentlichkeit, die es schwerer macht, politische Missstände zu bekämpfen?

Beckedahl: Aus meiner Erfahrung nicht. Ich bin ja politischer Blogger und nutze die Kraft der Netzwerke. Damit kann man eine stärkere Macht aufbauen als mit einem zentralisierten Medium. Hinter jedem Computer sitzen ja Menschen, die in ihrer Freizeit gemeinsam an Kampagnen arbeiten und über andere soziale Netzwerke Themen wiederum weiter streuen können. Wie gut solche kollaborativen Systeme funktionieren, zeigt Wikipedia. Da hätte vor acht Jahren auch niemand geglaubt, das unzählige Menschen mit beschränkten Ressourcen eine Enzyklopädie entwickeln, die besser abschneidet als die der etablierten Konkurrenz im Netz.

Bei tagesaktuellen Informationen ist die Kontrolle aber heikler. So wurde kurz nach dem Amoklauf von Winnenden bereits das Foto eines Mannes veröffentlicht, der zwar wie der Täter hieß, aber mit dem Amoklauf nichts zu tun hatte. Sie diskutieren auf der Konferenz auch die Ethik des Internets. Wo muss man da ansetzen?

Beckedahl: Die Gesellschaft muss generell darüber diskutieren, wie wir mit dieser neuen Offenheit umgehen. Es müssen soziale Normen entwickelt werden, wie bei jeder Einführung eines neuen Mediums. Ähnliche Diskussionen gab es, als das Privatfernsehen etabliert wurde. Bei der Flut an Informationen steigt die Verantwortung der Journalisten, die Inhalte zu filtern und auf Glaubwürdigkeit zu prüfen.

Die Daten zu dem angeblichen Amokläufer stammten von den Seiten eines sozialen Netzwerks. Überschätzen User, wieviel sie von sich dort preisgeben?

Beckedahl: Wir haben das Problem, dass jungen Menschen niemand beibringt, wie sie diese Netzwerke nutzen sollen. Den Anbietern ist die Privatsphäre ihrer Nutzer nicht wichtig. Wenn jemand ein Konto anlegt, sind die Grundeinstellungen beim Datenschutz auf ganz weich gesetzt, anstatt auf ganz scharf. Als ich eine Gruppe Schüler im Umgang mit dem Netzwerk Schüler-VZ unterrichtet habe, gab es einen, der fing fast an zu heulen, weil er ständig gehässige Kommentare in seinem Profil hatte. Da musste ich einem 14-Jährigen erst einmal erklären, dass er selbst einstellen kann, welche Daten er von sich preisgibt und wer Kommentare hinterlassen kann.

Müssen die Jugendlichen da besser geschult werden?

Beckedahl: Unbedingt. Wir müssen massiv Medienkompetenz fördern. Übrigens nicht nur bei Schülern, sondern auch bei Älteren. Wo Jüngere zu arglos sind, haben Ältere zu viel Angst vor den Gefahren des Internet.

 

Drei Tage Diskussionen in Berlin und im Netz
Die Re:Publica läuft vom 1. bis 3. April in Berlin-Mitte. Hinter diesem Namen verbirgt sich eine Konferenz über Blogs, soziale Medien und die digitale Gesellschaft. „Ohne den gängigen kulturpessimistischen Unterton" (Markus Beckedahl) diskutieren Blogger, Redakteure und Verleger die gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung.

Zur Konferenz, die zum dritten Mal stattfindet, werden rund 1000 Teilnehmer im Friedrichstadtpalast und in der Kalkscheune in BerlinMitte erwartet.

Die Konferenz im Internet: www.re-publica.de

Markus Beckedahl (geboren 1976) ist Gründer der Agentur „newthinking communications", Betreiber des mehrfach ausgezeichneten Politik-Blogs „netzpolitik.org" und Organisator der Re:Publica. Er war im Bundesvorstand der Grünen Jugend.


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