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03.04.2009

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INTERNET: Linkschleudern im Leerlauf

Bloggertreff offenbart die Stagnation

BERLIN - Die Re:Publica begann mit einer Enttäuschung. „WLan kommt noch“, stand am Mittwochmorgen auf der Leinwand des Berliner Friedrichstadtpalastes, dem Veranstaltungsort der Internet-Konferenz, die noch bis heute Abend läuft. Ausgerechnet auf einem Treffen von und für Blogger, deren Selbstverständnis verlangt, in Online-Tagebüchern permanent über ihren Alltag zu kommunizieren, war das Web weg, leuchteten die schicken Laptops funktionslos im Saal. Zum Trost fotografierte man sich gegenseitig mit dem I-Phone.

Der Andrang war groß. 1500 Teilnehmer hatten sich angemeldet, um zu hören, was deutsche Blogger von der Entwicklung der Szene halten. Während Organisator Markus Beckedahl Blogs schon im Mainstream wähnte, war Stefan Niggemeier, kritischer Blog-Beobachter der Bild-Zeitung, skeptischer. Nicht nur wüssten viele außerhalb der Szene nach wie vor nicht, wie man Blogs sinnvoll nutze. Auch fehle es an Inhalten. Diese Befunde hatte zuvor Internetforscher John Kelly aus den USA bestätigt. Die meisten Blogs, so Kelly, verweisen immer noch auf die Online-Angebote der etablierten Medien. Doch Angebote, die lediglich „Linkschleudern“ zu anderen Internetseiten seien, klagte Niggemeier, könnten das Potenzial dieser neuen Technik nicht ausreizen. In den letzten Jahren seien kaum relevante Blogs hinzugekommen.

Auch der Verleger Jakob Augstein, der auf einem anderen Podium über die Folgen des Internetbooms für etablierte Medien diskutierte, forderte die Blogger auf, erwachsen zu werden. Aus seiner Sicht gehe es mit den Printmedien bergab und Blogs müssten auf Dauer die Rolle einer kritischen Öffentlichkeit übernehmen. Augstein gibt die linke Wochenzeitung „Der Freitag“ heraus, die seit dem Relaunch im Februar auch Texte ihrer Online-Community in der gedruckten Ausgabe veröffentlicht. Ob dieser Weg seine Zeitung retten werde, wusste auch Augstein nicht und zitierte Bild-Chef Kai Dieckmann: „Ich bin ja nicht im Papiergeschäft.“ Das Medium sei nebensächlich. Es gehe um Inhalte, um Machtkontrolle durch investigativen Journalismus. Aber bisher sei das selbstbezogene Bloggertum für Politiker überhaupt nicht relevant.

Helmut Lehnert, noch bis Ende April Unterhaltungschef des RBB, sah die Entwicklung ähnlich kritisch. Dabei hatte er Mitte der 90er Jahre bei Radio Fritz die erste Homepage eines Rundfunksenders lanciert. Es gebe zwar einige wenige gute Blogs, so Lehnert, aber das meiste sei Müll. „Alle chatten, alle twittern, nur hat keiner das Handwerk, mir etwas Sinnvolles zu sagen.“ Und die vielgepriesene Geschwindigkeit der Online-Medien sei auch kein Wert an sich.

Plötzlich funktionierte das Internet wieder und belegte prompt Lehnerts These. Über die Leinwand flimmerten nun Twittereinträge, Kommentare aus dem Zuschauerraum, die in Echtzeit über diesen digitalen Telegraphendienst verbreitet wurden. Die Inhalte der Diskussion verkamen zur Nebensache, der Saal amüsierte sich über die Einträge. „Ich gehe rauchen“ schrieb der eine, ein anderer forderte dazu auf, Augstein & Co mit den Bällen zu bewerfen, die am Einlass verteilt worden waren. Einer der spärlichen intelligenten Kommentare kam kurz vor Schluss: „Wenn Twitter nicht so unpolitisch wäre, wäre es auch relevant für Politiker.“

Info Re:Publica, noch heute, 10-18 Uhr, Infos unter www.re-publica.de (Von Jörg Giese)


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