
Pünktlich zum Jubiläum des Mauerfalls überschwemmen die Buchverlage den Markt mit Werken zum prägendsten Ereignis der neueren deutschen Geschichte. Nachfolgend eine Auswahl.
Im Jahr 1989 veränderte sich die Welt. Der Eiserne Vorhang fiel, mit ihm die Berliner Mauer. Doch was bedeutete die Errichtung dieses Grenzwalls für die Menschen in der DDR überhaupt? Warum reagierten die Westmächte 1961 derart zurückhaltend? Das sind nur zwei Fragen unter vielen, die der Heidelberger Historiker Edgar Wolfrum in seinem neuesten Werk beantwortet (Edgar Wolfrum: Die Mauer. C. H. Beck, 192 S., 16,90 Euro).
Mit einer Mischung aus historischer Analyse und packenden Anekdoten nähert sich Frederick Taylor, Mitglied der Royal Historical Society, diesem Thema. Erfrischend schildert der englische Historiker völlig vorurteilsfrei, wie sich die Teilung Berlins vollzog, wie sich die Politik damit arrangierte und die Menschen darunter litten. (Frederick Taylor: Die Mauer. Siedler, 576 S., 29,95 Euro). Obwohl weder Wolfrum noch Taylor grundsätzlich Neues liefern, sind beide Mauer-Monographien dennoch lesenswert.
Das Ende der DDR kam für viele Bürger beiderseits der Grenze überraschend. Allerdings kam der Untergang nicht aus heiterem Himmel, wie Ilko-Sascha Kowalczuk nachweist. In seinem spannenden Buch begründet er anhand der desolaten wirtschaftlichen Lage und der politischen Reformunfähigkeit des SED-Regimes den Zusammenbruch des sozialistischen Staates. (Ilko-Sascha Kowalczuk: Endspiel. C. H. Beck, 602 S., 24,90 Euro).
Monat für Monat beschreibt der Berliner Historiker und Journalist Helmut Caspar die dramatischen Ereignisse des letzten Jahres der DDR und ihr Echo in der Bundesrepublik (Helmut Caspar: Deutschland 1989. Imhof, 160 S., 14,95 Euro).
Ein Gesamtbild der Geschehnisse mit samt der Folgen wird in der Edition von Klaus-Dietmar Henke entworfen. Renommierte Wissenschaftler kommen hier ebenso zu Wort wie aktive Mitgestalter der Epochenwende (Klaus-Dietmar Henke: Revolution und Vereinigung 1989/ 90. dtv, 500 S., 16,90 Euro).
Wie es den Deutschen gelang auf absolut friedliche Weise das Symbol des Kalten Krieges niederzureißen, beschreibt Jens Schöne (Jens Schöne: Die friedliche Revolution. Berlin Story, 2008, 144 S., 14,95 Euro).
Der Mainzer Historiker Andreas Rödder spannt einen abwechslungsreichen, gleichwohl interessanten Themenbogen von Gorbatschows Perestroika über die Bürgerbewegung und die sich ausweitende Regimekrise bis hin zur Rolle der weltpolitischen Schwergewichte. Nicht zu vergessen: Die Schocktherapie durch Währungsunion und Privatisierung der Wirtschaft. Das alles analysiert er ebenso sorgfältig wie umfassend (Andreas Rödder: Deutschland einig Vaterland. C. H. Beck, 496 S., 24,90 Euro).
Mit einem sehr persönlichen Blick schauen die beiden Theologen Ehrhart Neubert und Christian Führer auf die Ereignisse im Oktober 1989. Als ehemaliger Bürgerrechtler erzählt Neubert äußerst kenntnisreich von den Geschehnissen nach dem Sturz Honeckers über die Zeit der Grenzöffnung bis hin zum Tag der Wiederver-
einigung (Ehrhart Neubert: Unsere Revolution. Piper, 2008, 520S., 24,90 Euro).
Ähnliches weiß Führer als Initiator der Leipziger Friedensgebete zu berichten. Als sich am 9. Oktober 1989 über 70000 Menschen vor der Nikolaikirche versammelten, war die DDR schon nicht mehr zu retten (Christian Führer: Und wir sind dabei gewesen. Ullstein, 2008, 334 S., 19,90 Euro).
Damit war auch das Schicksal der SED besiegelt. Doch die Erben der ehemaligen Staatspartei mischen heute kräftig in der Politik mit. Welche personellen, programmatischen oder organistorischen Kontinuitäten zwischen der SED und der Partei Die Linke bestehen, dokumentiert Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Meinungsstark, provokant und schonungslos ehrlich erklärt Knabe, warum die Erben der SED eine Gefahr für die Demokratie sind (Hubertus Knabe: Honeckers Erben. Propyläen, 448 S., 22,90 Euro).
Der letzte Generalsekretär der SED, Egon Krenz, meldet sich ebenfalls zu Wort. Keineswegs kritisch, dafür allzu einseitig setzt er sich in seinen „Gefängnis-Notizen" mit der eigenen Vergangenheit auseinander. (Egon Krenz: Gefängnis-Notizen. Edition Ost, 240 S., 14,90 Euro).
Krenz ehemaliger Parteigenosse und Ex-Politbüromitglied Günter Schabowski brachte mit einer Bemerkung über die neue Reiseregelungen der DDR die Mauer zum Einsturz. Nach zwanzig Jahren denkt er offen über Entstehung und Funktion des Unrechtssystems nach und setzt sich durchaus kritisch mit der eigenen Rolle in der DDR auseinander (Günter Schabowski mit Frank Sieren: Wir haben fast alles falsch gemacht. Econ, 280 S., 19,90 Euro).
Reinhard Höppner hat in seiner Funktion als Vizepräsident der ersten frei gewählten Volkskammer und später als Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt das Zusammenwachsen von Ost und West aus nächster Nähe beobachtet und zu Teilen maßgeblich mitgestaltet. In seinem Buch gibt er nun seine Erfahrungen mit der Herbstrevolution, deren Vorboten und Folgen wieder (Reinhard Höppner: Wunder muss man ausprobieren. Aufbau, 148 S., 14,95 Euro).
Sechs Menschen zeichnen anhand ihrer Schicksale ein aussagekräftiges Bild der Realität in der DDR. Christhard Läpple beschreibt nicht nur das Leben von Tätern und Opfern, sondern spricht eindringlich über Vertrauen, Verführung, Illoyalität und den Bruch von Freundschaften (Christhard Läpple: Verrat verjährt nicht. Hoffmann und Campe, 2008, 349 S., 19,95 Euro).
Verschiedene Prominente wie der Autor und Kabarettist Bernd-Lutz Lange rufen sich in der Anthologie von Jan Schönfelder die Zeit des Mauerfalls ins Gedächtnis (Jan Schönfelder: Das Wunder der Friedlichen Revolution. EVA, 212 S., 14,80 Euro).
Pointiert und durchwegs unterhaltsam erzählt der Berliner Journalist David Ensikat vom Alltag im SED-Staat: von Beifallsarten auf einem Parteitag bis zur Kaffeekrise. (David Ensikat: Kleines Land, große Mauer. Piper, 207 S., 7,95 Euro).
Aus der Sicht eines neutralen Beobachters schildert die englische Forscherin Mary Fulbrook sehr versiert die Lebenswirklichkeit im Arbeiter- und Bauernstaat. So kommt sie auf das Freizeitverhalten der Menschen ebenso zu sprechen wie auf die Emanzipation der Frau - kurzum: Wie sich die Bürger mit dem System arrangierten (Mary Fulbrook: Das ganz normale Leben. Primus, 364 S., 29,90).
Erhellend und zugleich ernüchternd ist die Studie von Monika Deutz-Schroeder und Klaus Schroeder über das DDR-Bild von Schülern in Bayern, Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Dass nach zwanzig Jahren in Ost und West noch immer erhebliche Differenzen in der Wahrnehmung der eigenen Geschichte bestehen, überrascht nicht. Doch eins sollte uns zu denken geben: Das fehlende Wissen darüber (Monika Deutz-Schroeder/ Klaus Schroeder: Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Ernst Vögel, 2008, 759 S., 38 Euro).
Monika Zimmermann, ehemalige DDR-Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat indes eine Sammlung durchwegs unterhaltsamer Reportagen aus der damaligen Zeit veröffentlicht. Sie berichten nicht nur über den SED-Staat und den Alltag der DDR-Bürger, sondern sie beschreiben eindringlich den schleichenden Verfall des Staates bis zu seinem endgültigen Zusammenbruch (Monika Zimmermann: Honecker bläst zur Hasenjagd. Hohenheim, 256 S., 18 Euro).
Von Alexander Christoph