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29.04.2009

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USA: Stil-Ikone und Kraftpaket

Die andere 100-Tage-Bilanz: Michelle Obama hat die Rolle der amerikanischen First Lady neu definiert / Inzwischen ist sie populärer als ihr Mann

WASHINGTON - Als Michelle Obama vor ein paar Wochen die Köche des Weißen Hauses im Garten antreten ließ, mit ihnen zum Spaten griff und ein Gemüsebeet aushob, war das eigentlich nichts weiter als einer der üblichen PR-Termine. Ein paar Fotos, ein paar warme Worte über die Freude an der Gartenarbeit und den Nährwert gesunden Gemüses – dann verschwand die First Lady wieder hinter den Kulissen. Das Sensationelle geschah tags darauf. Da meldeten nämlich Samenhersteller in ganz Amerika eine hysterische Nachfrage, in den Buchhandlungen waren die Ratgeberbücher über die Gemüsegärten ausverkauft. Michelle Obama hatte mit einem Fünf-Minuten-Termin einen neuen amerikanischen Trend in Gang gesetzt.

Die kleine Geschichte sagt viel über die neue First Lady und ihre Wirkung. Kaum eine Präsidentenfrau vor ihr hat so schnell solche Popularitätswerte erreicht wie sie, kaum jemand vor ihr war so sehr Vorbild und Leitfigur. Fitnesstrainer in den USA erzählen in diesen Tagen allen Ernstes von Kundinnen, die zu ihnen kommen und sagen: „Ich will Oberarme haben wie Michelle Obama.“

Eine noch stärkere Massenwirkung hat die Garderobe der 45-Jährigen. Bei jedem öffentlichen Auftritt wird genau beobachtet, was sie trägt, die Fernsehsender haben oft Experten zur Hand, die gleich erklären, warum sie sich so entschieden hat, von welchen Designern heute die Kleider stammen und dergleichen mehr. Die auffälligste Beobachtung dabei: Michelle Obama trägt keine Hosenanzüge mit schultergepolsterten Blazern, wie sie Hillary Clinton fast täglich trägt und Laura Bush gelegentlich. Michelle Obamas Stil ist femininer.

Aber wird man ihr gerecht, wenn man sie an ihren Modepräferenzen misst? „Ich finde das alles peinlich, und es sagt viel über unsere politische Kultur“, meint der Historiker Carl Anthony zum medialen Tamtam um die Mode der First Lady, „sie hat die Möglichkeit, sehr wirkungsvoll für eine Sache zu kämpfen, die ihr am Herzen liegt, aber das hat sie bislang nicht getan.“

Das stimmt – jedenfalls dann, wenn man die ehrgeizige Harvard-Juristin an den historischen Vorbildern misst, die sich meist ein bestimmtes Thema gesucht haben, das dann zu ihrem Schwerpunkt wurde. Hillary Clinton kämpfte für eine gesetzliche Krankenversicherung, Laura Bush für eine Kultur des Lesens und Vorlesens. Michelle Obama dagegen hat die Rolle der First Lady neu definiert. Sie fühlt sich als Stil-Ikone nicht unwohl, sondern will auch das durchaus sein. Und sie spricht nicht nur zu einem, sondern zu jedem politischen Thema, wenn sie gefragt wird. Sie gibt öffentliche Ratschläge zur Kindererziehung und spricht über Kochrezepte; sie ermutigt morgens schwarze Mädchen in Washingtons Ghetto, an sich selbst zu glauben und hart zu arbeiten; abends steht sie im Abendkleid auf der Bühne oder ist Gastgeberin im Weißen Haus. Mit dieser Vielseitigkeit hat sie die Amerikaner in kürzester Zeit begeistert. Und in die Hauptstadt ist mit Michelle Obama ein Glanz zurückgekehrt, den es weder in den Bush- noch in den Clinton-Jahren gab.

Schaut man sich Michelle Obamas Umfragewerte an, staunt man nicht nur darüber, dass sie schon populärer ist als ihr Mann. (Im Wahlkampf war es noch umgekehrt.) Auffallend ist auch, dass es fast keine negativen Meinungen mehr über sie gibt. Die Ablehnung liegt in den meisten Umfragen unter 15, manchmal unter zehn Prozent. Das ist deshalb so erstaunlich, weil amerikanische First Ladys eigentlich nie ganz unumstritten sind. Nancy Reagan galt als zu zickig, Barbara Bush als zu hausmütterlich, Hillary Clinton war zu ehrgeizig und Laura Bush zu altmodisch. Als First Lady kann man es den Amerikanern nie ganz recht machen. Michelle Obama ist es – wenigstens in den ersten 100 Tagen – doch gelungen. (Von Markus Günther)


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