Bernd Schinsky jätet gerade Unkraut im Garten, als das Handy in seiner Hosentasche vibriert. Auf dem Display leuchten ein rotes Warnsignal, der Name seines Blutdrucksenkers und der Hinweis „Esszimmertisch“. Schinsky läuft in die Wohnung, sieht das Medizinfläschchen in der Sonne stehen und stellt es in den Schrank. Das Arzneimittel reagiert empfindlich auf Sonnenstrahlen – da hat die Flasche den Patienten eben mal kurz angepiepst.
Nun ist Bernd Schinsky keine reale Person. Aber was wie eine Szene aus einem Science-Fiction-Film wirkt, könnte schon bald Realität werden. Seit Jahren arbeiten Forscher mit Hochdruck daran, die Kommunikation von Alltagsgegenständen mit ihrer Umwelt zu ermöglichen – ganz ohne Tastatur und Bildschirm. Unter dem Stichwort „Internet der Dinge“ sollen Gegenstände selbstständig im permanenten Informationsaustausch stehen. Unsere Umwelt wird intelligenter und eine Flasche sagt dem Handy, wie sie sich fühlt.
Möglich werden soll dies durch die sogenannte Radio-Frequenz-Identifikation (RFID). Hinter dem komplizierten Kürzel verbirgt sich eine einfache Technik: Winzige, mit einer Antenne verbundene Computerchips sollen den alten Strichcode ersetzen und auf unseren Alltagsgegenständen haften. Auf den elektrischen Impuls eines Lesegeräts hin funkt dieser Transponder eine Kennungsnummer. Dies reicht aus, um in einer Datenbank nachzuschlagen, wo das Objekt hergestellt, zwischengelagert oder verarbeitet wurde. Einige der Chips sind kaum größer als ein Reiskorn. Und für die Funkübertragung brauchen sie nicht mal eine Batterie.
„Bei den RFID-Chips wird die Energie der empfangenen Funkstrahlen für die Antwortsendung benutzt“, erklärt Wolfgang Wahlster vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Wahlster hat gerade im Auftrag der EU ein Papier zum Thema Internet der Zukunft erarbeitet und in Brüssel vorgestellt. Mittels der RFID-Technik, so eine der Thesen, könnten unsere Produkte plötzlich Tagebuch führen.
„Sie speichern das ganze Leben des Produkts. Von der Herstellung über den Transport und den Handel bis zum Verbraucher“, sagt Wahlster. So könne man beispielsweise nachvollziehen, ob es sich bei der Biopizza tatsächlich um ein Bioprodukt handelt oder ob sie Zutaten enthält, auf die der Verbraucher allergisch reagiert.
Unter uns sind die Chips, die das ermöglichen sollen, schon heute. Skiurlauber öffnen damit das Drehkreuz zum Lift, Büroarbeiter bezahlen drahtlos ihr Mittagessen in der Kantine, die Stadtbücherei Stuttgart hat ihre Bücher damit ausgestattet, um Ausleihe und Rückgabe zu erleichtern. Jetzt sollen die Chips aber dazulernen.
Sensoren, die Temperatur, Licht oder Erschütterungen registrieren, sollen in die RFID-Chips integriert werden. So könnte sich dann die Pizza beim Fahrer beschweren, dass die Kühlung ausgefallen ist.
Bis Alltagsgegenstände wie Joghurtbecher oder Pizzapackungen mit einem intelligenten Etikett ausgestattet sind, würden noch zehn bis 15 Jahre vergehen, glaubt Wahlster. Größe und Preis müssten erst noch deutlich nach unten gehen, bevor die Chips massentauglich werden.
Geforscht wird an dieser Schlüsseltechnologie auch in Brandenburg. An der FTH Wildau beschäftigt sich Ralf Raimund Vandenhouten am Fachbereich Ingenieurwesen neben der Ortung und Verfolgung von Produkten durch RFID-Technik auch mit der Frage, wie Seniorenheime für deren Bewohner mittels RFID-Tags sicherer gemacht werden können.
„Die Senioren tragen kleine Chips an ihrem Armband oder haben sie im Kleidungsstück integriert. An Türen, Fenstern oder Fluchtwegen gibt es Lesegeräte, die reagieren, wenn sich ein Heimbewohner nähert.“ Ein Pfleger könne die Bewegungen der Senioren somit auf einem Übersichtsplan am Rechner kontrollieren. In zwei bis drei Jahren, so Vandenhout, ließe sich die Anwendung in der Praxis umgesetzen.
Sicher ist: Das Internet der Dinge wird unseren Alltag schleichend, aber dramatisch verändern. Vorbei die Zeiten, in denen Informationen aus dem Netz nur über einen Kasten mit Monitor abrufbar waren. Wenn sich die virtuelle über die materielle Welt hermacht, dann wirken große Computer nur noch im Hintergrund – ganz unaufdringlich, aber stets verfügbar.
Die Einsatzmöglichkeiten scheinen unbegrenzt: Der Informatiker Friedemann Mattern, einer der Vordenker des Internets, hält Unterwäsche, die kritische Körperfunktionen misst und bei Bedarf an den Arzt weiterleitet, Rasensprinkler, die durch die Konsultation mit der Wetterprognose im Internet an Effizienz gewinnen oder ein Auto, das sich über das Internet mit anderen Autos darüber verständigt, ob es irgendwo einen Stau oder gefährliche Straßenlagen gibt, für technisch möglich.
Letzteres wird derzeit in einem Modellversuch in der Gegend um den Frankfurter Flughafen ausprobiert. Matterns Kollege Wahlster träumt bereits vom Null-Tote-Auto: „Wir wollen, dass das Auto einen Selbsterhaltungstrieb entwickelt.“ Wahlster glaubt, mit dem Internet der Dinge werde ein alter Menschheitstraum wahr: „Mit den Dingen sprechen zu können. Das ist wie bei den alten Naturreligionen. Man vergötterte die Dinge und wollte mit ihnen in Kontalt treten.“
Doch die totale Vernetzung wird auch ihre Opfer fordern. In Nordrhein-Westfalen hat die Metro-Kette bereits den digitalen Supermarkt getestet, bei dem ein Lesegerät automatisch die Produkte im Einkaufswagen erkennt. Eine Kassiererin ist da schlicht überflüssig. Und auch andere Berufe könnten angesichts der digitalen Konkurrenz womöglich schon bald der Vergangenheit angehören.
So haben Forscher am DFKI den digitalen Sommelier entwickelt. Nimmt ein Kunde eine Weinflasche in die Hand, sendet ein RFID-Chip Informationen über den Wein an einen Computer, auf dessen Bildschirm neben Preis und Rebsorte auch Hintergrundinformationen wie Winzerbetrieb oder Jahrgang erscheinen. Oder eine Empfehlung, zu welchen Gerichten der edle Tropfen passt und bei welcher Temperatur man ihn genießen sollte.
Doch was beim digitalen Sommelier oder im Seniorenwohnheim noch sinnvoll erscheint, ist mit der Vorstellung eines selbstbestimmten Bürgers kaum zu vereinen. Datenschützer warnen seit langem vor den Gefahren. Aus dem Hause des Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar heißt es, die Bürger müssten selber über die Daten verfügen können. Schaar fürchtet, durch die Funkchips könnte das Kaufverhalten erfasst oder Bewegungsprofile erstellt werden – zum Beispiel durch einen im Schuh integrierten RFID-Tag.
Tatsächlich forscht das US-Militär seit Jahren am sogenannten „smart dust“ – intelligentem Staub. Winzige Chips können über große Landschaftsareale gestreut werden und Informationen über ein militärisches Kampfgebiet melden. Oder aber Menschen, die damit in Berührung kommen, über einen längeren Zeitraum lokalisieren. Noch ist das Zukunftsmusik. Der Journalist und Internet-Experte Burkhard Schröder aber warnt: „Der klassische Orwellsche Traum ist technisch umsetzbar.“ Die Frage sei aber nicht, ob der technische Fortschritt komme, sondern wie die Menschen damit umgehen.
Ein Problem wird sich mit dem Internet der Dinge auf jeden Fall ausbreiten: Computerviren, die heute unsere Rechner befallen, werden sich in Zukunft auch über unsere Alltagsgegenstände hermachen. Selbst Christof Burgard vom DFKI räumt ein: „Alles, was über Programme gesteuert wird, ist anfällig.“ Und uns womöglich direkt in einen Stau lotsen, bei unserem Arzt Fehlalarm auslösen oder unseren Rasensprinkler auf Hochtouren bringen. Wenn man da die Götter in den Dingen mal nicht verflucht. (Von Sebastian Meyer)
sem