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15.06.2009

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POP: Eine Ikone glänzt

Morrissey-Konzert in Berlin

BERLIN - Gleich zwei Mal kamen innerhalb von nur drei Tagen Superstars nach Berlin. Am Mittwoch begeisterte Depeche Mode knapp 70 000 Fans im Olympiastadion. Am Freitag dann jener Engländer, der nie bereit war, den Popstar für die Massen zu geben: Morrissey. Der heute 50-Jährige schaffte es zu viel mehr, nämlich zu einer Ikone der britischen Popmusik. Die Kritiker in seiner Heimat erklärten ihn für bedeutender als die Beatles. Die Basis für solche Glorifizierung legte er in den Jahren 1984 bis 1987, als er zusammen mit dem Gitarristen Johnny Marr mit der Band The Smiths epochale Songs schuf.

Das Morrissey-Konzert fand in der nicht eben großen Columbiahalle statt. Etliche der 3500 Zuschauer waren von weither angereist, wie Morrissey während des Konzerts persönlich erfuhr, als er den Fans in der ersten Reihe das Mikro für ein paar Worte reichte. Wann er endlich nach Polen komme, wann nach Australien? Dabei sind doch hier alle froh, dass er mal wieder in Berlin ist. Und gut drauf, was ja auch nicht selbstverständlich ist. Er gilt nicht nur als Dandy, sondern auch als intoleranter Typ (vor allem als Vegetarier), als Miesepeter, gar als Misanthrop. Doch das scheint Vergangenheit. Das Publikum erlebt einen freundlichen, fast euphorischen Auftritt seines Idols.

Zunächst kommt Morrissey in labbrigen Jeans und Strickjacke und singt vor silbern glitzernder Hinterwand „This Charming Man“. Es ist ein Song aus der Smiths-Ära, die er in den nächsten 75 Minuten noch ein paar Mal streifen wird, unter anderem mit „Ask“ und „Some Girls Are Bigger Than Others“. Er wirbelt, das Mikrofonkabel wie ein Lasso schwingend, wie ein Flamencotänzer über die Bühne. Der Narziss, der früher gern mit Lilien in der Hosentasche auftrat, um die Nähe zu seinem Idol Oscar Wilde zu illustrieren, erscheint wie ein junger Opa. Doch das täuscht. Nicht nur, dass er mehrmals seine Hemden wechselt, vor allem musikalisch zeigt er sich vom Vorruhestand sehr fern.

Er hat sich eine Band zusammen gestellt, die so laut und heftig rockt, dass auch in der letzten Reihe niemand zum Rumquatschen kommt. Das Schlagzeug poltert, der Bass drängt und die Gitarre schneidet scharfe Kanten in den Sound. Den Smiths-Klassiker „Girl Friend In A Coma“ singt Morrissey ein wenig geschludert runter, was trotzdem nicht unschön klingt.

Höhepunkt des Konzert ist „Irish Blood, English Heart“, das er als extrem aggressives Rockstück vorträgt. Viel zarter, aber nicht weniger betörend sein Song „I’m Throwing My Arms Around Paris“ vom hervorragenden aktuellen Album „Years Of Refusal“.

Irgendwann wirft Morrissey sein Hemd in die Menge und steht mit nacktem, leicht schwabbeligem Oberkörper da. Es sieht ziemlich unsexy aus, aber nicht stillos. Stil ist, wenn man weiß, dass man groß ist und sich nicht ums Drumherum scheren muss. Am Ende des kurzen berauschenden Konzerts singt Morrissey „First Of The Gang To Die“. Kürzlich hat er gesagt: „Du bist entweder fabelhaft oder langweilig, das Alter hat keinen Einfluss darauf“. So etwas sagen nur Leute, die wissen, dass sie fabelhaft sind. (Von Gunnar Leue)


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