POTSDAM/POTSDAM - Ein kleiner Rest von vielleicht zehn Studenten harrt auch noch um zwölf Uhr mittags am Vorder- und Hintereingang des brandenburgischen Wissenschaftsministeriums in Potsdam aus. Anlässlich des Bildungsstreiks hatten junge Leute gestern ab sechs Uhr morgens die Eingänge vollständig blockiert. Es sollen zwischenzeitlich um die 100 Protestierende gewesen sein, sagt der Allgemeine Studierendenausschuss (Asta) der Universität Potsdam.
„100 Beteiligte ist schon ziemlich gut“, findet die Lehramtsstudentin Claudia Fortunato, die in Potsdam den Bildungsstreik in dieser Woche mitorganisiert. Die gegen 6.30 Uhr erschienene Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU) habe man eineinhalb Stunden lang in eine Diskussion verwickeln können. Allerdings sei man enttäuscht worden. „Die Ministerin ist in keiner Weise auf unsere Forderungen eingegangen“, bedauert Fortunato.
Auf vier Seiten hatten die Studenten niedergeschrieben, was sie an der auch vom Land Brandenburg mitgetragenen Studienreform stört, die seit dem Beschluss von der EU-Wissenschaftsminister 1999 im italienischen Bologna Zug um Zug europaweit umgesetzt wird. Die neueren, in Deutschland meist auf drei Jahre beschränkten Bachelor-Studiengänge, brächten weder die versprochene Mobilität von Studenten noch würden Studienleistungen an anderen Hochschulen anerkannt. „Das geht so weit, dass man nicht mal mehr von Potsdam nach Berlin wechseln kann“, sagt Fortunato.
Nicht nur Fortunato spricht von sturem Auswendiglernen unter den neuen Studienbedingungen. „Man muss nicht mehr denken, man lernt für die Prüfung, was ins Kurzzeitgedächtnis geht und dann ist es wieder raus“, sagt Lehramtsstudent Enrico, der seinen Nachnamen nicht nennen will. Kritische Inhalte und eigenes Forschen kämen zu kurz, ergänzt eine Psychologiestudentin, die gänzlich unerkannt bleiben will. Die ganze Hochschule verkomme zu einer Ausbildungsmaschine für die Wirtschaft.
Das alte Studiensystem mit Diplom, Magister und Staatsexamen sei viel besser gewesen als das auch von vielen Dozenten kritisierte neue System, bilanziert Fortunato. Besonders für Brandenburg gelte außerdem, dass es viel zu wenig Geld für die Hochschulen gebe. „Wenn in einem Seminar 100 Studenten sitzen, dann müsste die Zahl der Dozenten eigentlich verzehnfacht werden“, spitzt sie den vorhandenen Mangel zu.
In Berlin eskalierten die Stundentenproteste gestern teilweise. Die Polizei räumte den Wittenbergplatz, den einige Hundert junge Leute blockiert hatten. In aufgeheizter Stimmung hatten sich Studentengruppen am Nachmittag mit der Polizei Wettläufe von Bankfiliale zu Bankfiliale am Kurfürstendamm und Tauentzien geliefert. Es erschallten Rufe wie „Brecht die Macht der Banken und Konzerne". Die Polizei versuchte, die Banken abzuriegeln, was nicht immer gelang. Zuvor hatten tausende Studenten friedlich für bessere Studienbedingungen demonstriert. (Von Rüdiger Braun)
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