BERLIN - Wahrscheinlich haben wir ihn ein letztes Mal auf der Bühne gesehen. Seine im Frühjahr 2008 gestartete Tour führte Leonard Cohen am Donnerstagabend zum zweiten Mal in die Berliner Anschutz-Arena am Ostbahnhof. Am Ende der Tournee wird er am 21. September in Barcelona seinen 75. Geburtstag mit einem Konzert feiern.
Auf Bühnen hat der Sänger und Songschreiber sich in den letzthin selten blicken lassen, kaum noch neue Songs aufgenommen. Die unerwartete Rückkehr hat ein wenig damit zu tun, dass Konzerte reichlich Geld bringen. Cohens langjährige Managerin hat seinen Aufenthalt in einem Zen-Kloster genutzt, um in aller Ruhe Millionen zu veruntreuen. Wenigstens gibt der Live-Boom dem Sänger die Chance, das Verlorene wieder einzuspielen.
Er widmet sich der Aufgabe mit tiefer Ernsthaftigkeit. Zwar klingt seine dunkle Stimme, mit der er immer schon eher erzählt als gesungen hat, noch ein paar Reibeisen-Grade tiefer, zwar wirkt er sehr schmal und zerbrechlich in seinem eleganten Anzug, doch wenn Cohen anfängt zu singen mit seinem sonoren Bassbariton, dass er tanzen will bis zum Ende der Liebe, dann weht jeder Abschiedsgedanke davon.
Seine Musiker sind schlicht und einfach als genial zu loben. Verstehen sie es doch, die Songs mit kleinen instrumentalen Glanzlichtern von spanischer Gitarre, Saxophon, Hammondorgel oder auch Harfe behutsam zu illuminieren und trotzdem den Sänger souverän über seine Schöpfungen aus gut vier Jahrzehnten herrschen zu lassen.
Diese Herrschaft übt er auf beinah demütige Weise aus. Eher sinkt er singend auf die Knie, als dass er sich in Star-Posen würde. Mit geschlossenen Augen singt er in „Bird On A Wire“ vom Kampf um seine Freiheit und von den Verletzungen, die er anderen damit zugefügt hat. Inständig die Bitte um Nachsicht.
Der große Songschreiber hat nicht soviel geschrieben wie der etliche Jahre jüngere Bob Dylan, der ihm 1967 seinen ersten Plattenvertrag vermittelt hat. Aber es sind genug Songs für einen extralangen Abend. Einige davon werden wohl noch eine Ewigkeit für Gänsehaut und verdächtig glänzende Augen bei weiteren Generationen sorgen.
„Suzanne“ etwa hat Cohens Ruhm 1967 auf einen Schlag erstrahlen lassen. Das Lied über die anbetungswürdige Schöne allein würde vermutlich genügen, ihm bis ans Ende der Tage einen Platz in den Herzen von Millionen Verliebten zu sichern, der unglücklichen vor allem. Denn dass Cohen deprimierend wäre, ist ein Irrtum: Noch in den bittersten seiner Songs steckt immer der Trost, dass auch anderen nachtschwarze Verzweiflung widerfahren ist.
Bei Cohen gibt es den herzerweichenden Abschied „So Long, Marianne“ und die bedingungslose Liebeserklärung „I'm Your Man“. Er entwirft die düstere Vision „The Future“ und feiert trotzdem das Leben „Halleluja“. Nach drei Stunden, die eher einer andächtigen Einkehr gleichen als einem Konzert, bedankt sich der Grandseigneur des Anti-Pop mit einer so innigen Dankesrede, dass sich die Ahnung festigt: Wir haben ihn wohl zum letzten Mal so gesehen. (Von Gerd Dehnel)