WÜNSDORF - Als Susanne Michler (CDU) ans Mikrofon trat und das von einigen Abgeordneten zuvor schon als „anmaßend“ und „unverfroren“ bezeichnete Auftreten von Mitgliedern der Bürgerinitiative (BI) „Zossen zeigt Gesicht“ „beschämend“ nannte, war die Stimmung in dem ohnehin schon aufgeheizten Saal auf dem Siedepunkt. Die bohrenden und kritischen Fragen von Kurt Liebau, Jörn Wanke und Georg-Heinrich von Eichborn an Bürgermeisterin Michaela Schreiber (Plan B) zum Thema „Umgang mit Rechtsextremismus“ hatte die resolute Seniorin zu dem Vergleich hinreißen lassen, sie komme sich vor wie bei einem „Ketzerprozess“, wo der Schuldige schon vorher feststehe. Und als Michler der Bürgerinitiative auch noch vorwarf, „eindeutig links“ und nicht – wie so oft beteuert – überparteilich zu sein, und eine finanzielle Unterstützung der Stadt daher überdenkenswert sei, verließen die Mitglieder der BI spontan den Raum.
Tatsächlich musste die Verwaltungschefin in der Einwohnerfragestunde der Stadtverordnetenversammlung im Wünsdorfer Bürgerhaus schwere Vorwürfe einstecken. Von der „ersten Frau der Stadt“, so BI-Sprecher Jörg Wanke, hätte er erwartet, dass sie nach dem Vorfall in der Fischerstraße (MAZ berichtete) persönlich vor Ort „tröstende Worte“ und „moralische Unterstützung“ gebe und sich von den volksverhetzenden Schriftzügen an der Hauswand distanziere. Zuvor hatte Liebau die Anwesenden ausführlich über die historische Bedeutung des Wortes „Volksverrat“ und den Unterschied zwischen „normalen Farbschmierereien“ und Volksverhetzung aufgeklärt. Auch Wanke will die Nazi-raus-Schmierereien an einem Fahrkartenautomaten nicht mit dem Schriftzug „Volksverräter“ oder „Linke Sau“ gleichgesetzt wissen. Er könne nicht verstehen, weshalb die Bürgermeisterin, die zwar öffentlich eindeutig in der Presse Stellung zu dem nächtlichen Ereignis in der Fischerstraße bezog, nicht persönlich den Weg zu ihm gefunden habe. Dabei wäre es auch um Solidarität gegangen. Zudem warfen er und von Eichborn die Frage auf, was Stadtverordnetenversammlung und Stadtverwaltung zu tun gedenken, um solche Vorfälle zu verhindern. Vor allem erwarte man auch ein konsequentes Vorgehen gegen das Transparent in der Berliner Straße 11 „12 Jahre Haft für eine Meinung“, das auf ein Urteil gegen Holocaustleugner Horst Mahler anspielt. Wie Schreiber betonte, habe sie den Hauseigentümer – Holocaustleugner Rainer Link – inzwischen angeschrieben und ihn aufgefordert – bei Androhung einer so genannten Ersatzmaßnahme – das Transparent zu entfernen. Sie erklärte allerdings auch, dass man es „nicht einfach herunterreißen dürfe“, auch wenn man den Inhalt politisch und moralisch verwerflich finde. Sie habe versucht, hinter den Kulissen das Problem zu lösen, indem sie das von den politischen Parteien an der Sparkasse angebrachte Transparent zuvor abhängen lassen wollte, um dann den gesetzlich vorgeschriebenen Verwaltungsweg einschlagen zu können. Das sei nun geschehen. (Von Fred Hasselmann)