FRETZDORF - „Die Heide ist frei“, jubeln sie am Abend in Fretzdorf. Gut 200 Menschen sind zu einer spontanen Demo zusammengekommen. Sie ziehen zum Dorfeingang. Hinter dem Ortsschild steht hier, wie in 50 anderen Gemeinden, ein zweites, weißes Schild. „Diese Gemeinde wehrt sich gegen den Bombenabwurfplatz“ steht dort. Stand dort. Das Schild wird überklebt. „Die Heide ist frei“ prangt jetzt schwarz auf gelb darauf. Alle klatschen. Inmitten seiner Mitstreiter steht Benedikt Schirge, Pfarrer aus Zühlen und Sprecher der Bürgerinitiative „Freie Heide“. Der Held dieses Abends, der Sieger in einem 17-jährigen Kampf mit 102 Protestmärschen und 27 gewonnenen Prozessen. Alle wollen ihn umarmen, fragen ihn: „Ist es wirklich vorbei?“ Es ist vorbei. „Das war’s wirklich“, ruft Schirge. Die 103. Protestwanderung am kommenden Sonntag in Sewekow wird zur Freudenfeier erklärt. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) will kommen, das hat er schon vor der Nachricht gestern Mittag versprochen.
Mittags im Rathaus von Neuruppin: Bürgermeister Jens-Peter Golde schaut gebannt auf den Fernsehschirm. „Verzicht auf Übungsplatz“ meldet die 14-Uhr-Tagesschau. Golde hält sich an der Fernbedienung fest, einen kurzen Moment hält er inne, dann sprudeln die Worte aus ihm heraus. „Jetzt können die Investitionen fließen, jetzt ist der Propfen weg“, jubelt der Vorsitzende der Unternehmervereinigung „Pro Heide“. Barbara Lange meldet sich, von der Mecklenburger Bürgerinitiative „Freier Himmel“. Sie ist kaum zu verstehen, Freudentränen laufen ihr übers Gesicht. Dann ruft Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU) an. Eine Tourismuskonferenz soll es geben, so bald wie möglich, auf jeden Fall noch im Sommer. Golde drängt. Es müsse jetzt Geld aus dem Konjunkturpaket fließen, fordert er, hofft auf Hunderte Arbeitsplätze für die Konversionsarbeiten. „Und es gibt schon Interessenten“, ruft Golde, holt den Ausdruck einer E-Mail hervor: First Solar will ein Photovoltaik-Kraftwerk errichten und verweist auf ihre einschlägigen Erfahrungen auf dem Übungsplatz Lieberoser Heide.
Das ist natürlich Zukunftsmusik, die Aussicht auf Realisierung völlig unklar, aber das stört ihn nicht an solch einem Tag. Der Schulterschluss von Unternehmern und Pazifisten war das Geheimnis der Protestbewegung. Seit’ an Seit’ schritten diejenigen, die sich auch aus Eigennutz für Ruhe und Investitionssicherheit einsetzten, und solche, die die Bundeswehr am liebsten ganz abschaffen wollten und einen Übungsplatz als Vorbereitung eines Angriffskrieges verteufelten.
Ruhe und Frieden – bis gestern zogen beide Seiten an einem Strang. Und die nächsten Tage werden sie erst einmal feiern. „Das ist ein Tag voller Freude“, jubelt auch Remo Klinger, Anwalt der „Bombodrom“-Gegner. „Das einzig Traurige ist, dass wir jetzt so einen tollen Mandanten verlieren.“
Während um den Platz herum gejubelt wird, rast ein Bundeswehr-Jeep mit 70 über die Heide, wohl um seiner eigenen Staubfahne zu entkommen. Oberstleutnant Thomas Hering, Kommandant des Noch-Übungsplatzes, will die Stelle zeigen, an der ein Jäger vor wenigen Wochen einen Sprengplatz der Russen entdeckt hat. Nun wird beräumt, mühevoll. Hering hat nur zwei Sprengstoffexperten auf dem Platz, die Bundeswehr hat im juristischen Schwebezustand das Personal auf ein Minimum zurückgefahren. Wir fahren weiter in die rote Zone. Hier ist die Munitionsbelastung am höchsten. Fünf Prozent der abgeworfenen Bomben, schätzt der Sprengstoffexperte Hering, sind im weichen Sandboden nicht detoniert. Der 51-Jährige zeigt in den Wald – zwischen Heidekraut und Kiefern ragt das Leitwerk einer Fliegerbombe hervor. „Das ist ein Blindgänger, das sehe ich von hier.“ 1,5 Millionen Blindgänger aller Kaliber, schätzt der Kommandant, lägen noch herum. Er bückt sich, zeigt die verrosteten Reste einer russischen Zehn-Zentner-Bombe. „Die hier ist losgegangen. Das war die Hölle in den umliegenden Dörfern, insofern kann ich die Menschen schon verstehen. Als die Russen hier waren, bedeutete das den Dritten Weltkrieg für die Anliegergemeinden.“
Der Jeep holpert zurück, Hering wird nachdenklich. „Der Platz wäre ideal gewesen für unsere Luftstreitkräfte. Ich habe nachgedacht, was man hier sonst sinnvoll machen kann. Mir ist nichts eingefallen.“ Wenn man nicht für mindestens 300 Millionen Euro die Munition beräumen würde, müsste die Heide „für die nächsten hundert Jahre“ geschlossen bleiben. Kurz vor dem Ausgang zitiert Hering Einsteins Satz vom Universum und der menschlichen Dummheit. Beide sind unendlich, „aber beim Universum bin ich mir nicht so sicher“. Es ist der einzige Moment, an dem der Offizier Frust zeigt.
Wie geht es weiter? Das „Bombodrom“ wird noch dieses Jahr in die Verwaltung der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben überführt, der Bund bleibt Eigentümer. Nicht mehr lange, sagt Anwalt Klinger: „Wenn der Bund den Platz nicht mehr benötigt, muss er ihn an die Anliegergemeinden zurückgeben.“ Die wären dann für die Sicherheit verantwortlich, müssten Schilder aufstellen, vielleicht Zäune um die besonders belasteten Areale ziehen. Wer aber bezahlt die Munitionsräumung? Der Bund sei in der Pflicht, sagt Klinger, schließlich sei die Besatzung durch die Sowjets eine direkte Folge des Weltkriegs. Der nächste Streit kündigt sich an. (Von Reyk Grunow und Jan Sternberg)
Stimmen zum Verzicht des Militärs aufs „Bombodrom“
Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD): „Die heutige Entscheidung des Bundesverteidigungsministeriums macht diesen Tag zuallererst zu einem Freudentag für die Menschen in der Region. Der Protest hatte einen langen Atem, er prägte die Ostermärsche über lange Jahre, er war eindrucksvoll durch seinen Einfallsreichtum, besonders aber durch seine Friedfertigkeit. Er war aber vor allem erfolgreich.“
Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU): „Der jahrelange Einsatz hat sich gelohnt. Darauf können die Menschen in der Region stolz sein.“
Oberstleutnant Thomas Hering, Platzkommandant: „Die Stimmung hier ähnelte dem Stellungskrieg im Ersten Weltkrieg. Das habe ich noch an keinem anderen Truppenübungsplatz erlebt. Der Platz wäre ideal gewesen für unsere Luftstreitkräfte.“
Landrat Christian Gilde (SPD): „Ich bin überglücklich. Danke Euch allen.“
Remo Klinger, Anwalt der Kläger: „Das ist die logische Konsequenz aus 27 verlorenen Gerichtsverfahren. Die Bürgerinitiative hat den neuen Tapferkeitsorden verdient.”
Benedikt Schirge, Sprecher der Bürgerinitiative „Freie Heide“: „Wir waren stark, weil lauter Menschen mit ganzem Herzen und voller Überzeugung für diese Sache eingetreten sind. Wir haben nie daran gedacht, aufzugeben. Am Anfang konnten wir uns nicht vorstellen, wie lange es dauern könnte. Zehn Jahre schienen uns unvorstellbar. Nun hat es 17 gedauert. Sei’s drum.“
Wiglaf Droste, Satiriker und aktueller Stadtschreiber von Rheinsberg: „Benedikt Schirge ist ein meisterhafter Stratege. Er hat Menschen zusammengebracht, die nichts miteinander verbindet. Deutschen fällt es oft so schwer, Gemeinsamkeiten zu entdecken. Hier ist es gelungen, ein tatsächlich existierendes gemeinsames Interesse so lange aufrechtzuerhalten, bis es erfolgreich war. Wir sollten eine Flasche Champagner öffnen.“
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD): „Das ist ein Sieg der Vernunft.“
Ein Teilnehmer der Jubeldemonstration in Fretzdorf: „Man sollte den 9. Juli zum Feiertag in Brandenburg erklären. Der Protestmarsch am Sonntag in Sewekow wird nun ein Freudenfest.“ jps