NEURUPPIN - Jens-Peter Golde konnte es erst gar nicht fassen, als er Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU) gestern am Telefon hatte. Der verkündete dem Neuruppiner Bürgermeister vorab, was Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung in einer kurzfristig angesetzten Pressekonferenz gestern kurz nach 13 Uhr offiziell bekanntgeben sollte: Die Bundeswehr verzichtet auf das geplante Bombodrom. Einen Bombenabwurfplatz in der Kyritz-Ruppiner Heide wird es nicht geben.
Eine Viertelstunde später läuft immer noch der kleine Fernseher im Neuruppiner Bürgermeisterbüro. Während die Tagesschau den Verzicht der Bundeswehr bestätigt, klingelt Goldes Handy zum x-ten Mal. Und zum x-ten Mal erklärt Golde als Vorsitzender der Unternehmerinitiative „Pro Heide“, wie überrascht er von der Nachricht ist: „17 Jahre protestieren wir und dann ist plötzlich alles in 20 Minuten vorbei.“
Eigentlich wollte Benedikt Schirge, der Sprecher der Bürgerinitiative „Freie Heide“, gestern Mittag Kisten mit Handzetteln für die 103. Protestwanderung der Bombodrom-Gegner am Sonntag in Sewekow abholen. Noch bevor der Verteidigungsminister vor den laufenden Kameras in Berlin das erste Wort gesagt hatte, klingeln sich im Freie-Heide-Büro die Telefone heiß. Vier Stunden lang kommt Schirge kaum zum Luftholen. Alle wollen hören, wie der Freie-Heide-Sprecher jubelt.
Und Schirge jubelt – auch noch beim spontanen Treffen am Abend vor der Kirche in Fretzdorf – dort, wo bisher traditionsgemäß die Ostermärsche gegen das Bombodrom begannen. Knapp 200 Übungsplatzgegner sind gekommen. Sektflaschen werden geköpft, Bier steht bereit. Frauen aus der Umgebung haben Schmalzstullen geschmiert. Überall sind entspannte Gesichter zu sehen unter den weißen Fahnen mit dem Freie-Heide-Logo.
Hans-Hermann Degener, Urgestein der Protestbewegung, wandert durch die Reihen: „Über 40 Jahre lang habe ich auf diesen Tag gewartet.“ Er meint auch die Zeit, als die Sowjetarmee das 142 Quadratkilometer große Gelände besetzt hielt. Dass die Bundeswehr dieses Unrecht einfach fortsetzen wollte, konnte er nie verstehen. Die Entscheidung des Bundes gestern hat tief bewegt: „Da können einem wirklich die Tränen kommen.“ Ein paar glitzern in seinen Augenwinkeln.
Noch einmal klang gestern Abend das Lied der Freien Heide über den Platz vor der Fretzdorfer Kirche: „Die Heide bleibt frei, man kann sie nicht kaufen, wir haben es erlaufen ...“
Mitten in der jubelnden Menge steht Landrat Christian Gilde (SPD). Benedikt Schirge ruft ihn ans Mikrofon, schließlich war es Gilde, von dem der Protest einst ausging. Er hat die erste Demonstration gegen die Flieger über der Kyritz-Ruppiner Heide organisiert. Das war am 15. August 1992. Dass jetzt alles vorbei sein soll, hat der Landrat gestern beim Besuch eines Freundes erfahren, als plötzlich ein Radioreporter anrief: „Ich dachte zuerst, das kann nicht stimmen. Ich bin allen so dankbar, die die ganze Zeit über mitgekämpft haben.“
Doch zwischen allem Jubel gab es gestern auch Skepsis. Minister Jung hatte am Mittag zwar erklärt, die Bundeswehr verzichte auf den geplanten Luft-Boden-Schießplatz. Aber zieht sie deshalb tatsächlich ab?
Für Friedenspfarrer Schirge aus Zühlen ist das nur eine Frage der Zeit. „Die Bundeswehr hat keine andere Verwendung für diesen Platz“, da ist er sicher. „Hier wird nicht irgendwann ein Panzerübungsplatz eingerichtet. Jetzt können sie nicht mehr zurück.“
Landrat Gilde hofft, dass die Bundeswehr geht, aber der Bund das riesige Areal nicht einfach nur fallen lässt. Für ihn ist der Bund trotzdem in der Pflicht, alle Munition zu beseitigen, die die Sowjetarmee als Besatzungsmacht hinterlassen hat.
Was aus der Heide wird, ist offen. „Es gibt jede Menge Ideen für eine zivile Nutzung“, sagt Klaus Günther von „Pro Heide“. 300 zahlende Mitglieder hat die Unternehmerinitiative. „Aber hinter uns stehen 500 bis 1000 Firmen“, sagt Vorstandsmitglied Bernd Pieper. Schafe könnten gehalten werden, es könnten Wanderwege entstehen, vielleicht auch ein Solarkraftwerk. Schon vor einer Woche hat Golde auf Vermittlung der Staatskanzlei in Potsdam eine Anfrage von einer der größten Solarenergiefirmen Deutschlands bekommen, die in der Heide ein Sonnenkraftwerk bauen will. (Von Reyk Grunow)