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10.07.2009

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POLITIK: Die Heide ist frei

Bombodrom-Gegner bejubeln den Verzicht der Bundeswehr auf den Truppenübungsplatz

NEURUPPIN - Jens-Peter Golde konnte es erst gar nicht fassen, als er Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU) gestern am Telefon hatte. Der verkündete dem Neuruppiner Bürgermeister vorab, was Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung in einer kurzfristig angesetzten Pressekonferenz gestern kurz nach 13 Uhr offiziell bekanntgeben sollte: Die Bundeswehr verzichtet auf das geplante Bombodrom. Einen Bombenabwurfplatz in der Kyritz-Ruppiner Heide wird es nicht geben.

Eine Viertelstunde später läuft immer noch der kleine Fernseher im Neuruppiner Bürgermeisterbüro. Während die Tagesschau den Verzicht der Bundeswehr bestätigt, klingelt Goldes Handy zum x-ten Mal. Und zum x-ten Mal erklärt Golde als Vorsitzender der Unternehmerinitiative „Pro Heide“, wie überrascht er von der Nachricht ist: „17 Jahre protestieren wir und dann ist plötzlich alles in 20 Minuten vorbei.“

Eigentlich wollte Benedikt Schirge, der Sprecher der Bürgerinitiative „Freie Heide“, gestern Mittag Kisten mit Handzetteln für die 103. Protestwanderung der Bombodrom-Gegner am Sonntag in Sewekow abholen. Noch bevor der Verteidigungsminister vor den laufenden Kameras in Berlin das erste Wort gesagt hatte, klingeln sich im Freie-Heide-Büro die Telefone heiß. Vier Stunden lang kommt Schirge kaum zum Luftholen. Alle wollen hören, wie der Freie-Heide-Sprecher jubelt.

Und Schirge jubelt – auch noch beim spontanen Treffen am Abend vor der Kirche in Fretzdorf – dort, wo bisher traditionsgemäß die Ostermärsche gegen das Bombodrom begannen. Knapp 200 Übungsplatzgegner sind gekommen. Sektflaschen werden geköpft, Bier steht bereit. Frauen aus der Umgebung haben Schmalzstullen geschmiert. Überall sind entspannte Gesichter zu sehen unter den weißen Fahnen mit dem Freie-Heide-Logo.

Hans-Hermann Degener, Urgestein der Protestbewegung, wandert durch die Reihen: „Über 40 Jahre lang habe ich auf diesen Tag gewartet.“ Er meint auch die Zeit, als die Sowjetarmee das 142 Quadratkilometer große Gelände besetzt hielt. Dass die Bundeswehr dieses Unrecht einfach fortsetzen wollte, konnte er nie verstehen. Die Entscheidung des Bundes gestern hat tief bewegt: „Da können einem wirklich die Tränen kommen.“ Ein paar glitzern in seinen Augenwinkeln.

Noch einmal klang gestern Abend das Lied der Freien Heide über den Platz vor der Fretzdorfer Kirche: „Die Heide bleibt frei, man kann sie nicht kaufen, wir haben es erlaufen ...“

Mitten in der jubelnden Menge steht Landrat Christian Gilde (SPD). Benedikt Schirge ruft ihn ans Mikrofon, schließlich war es Gilde, von dem der Protest einst ausging. Er hat die erste Demonstration gegen die Flieger über der Kyritz-Ruppiner Heide organisiert. Das war am 15. August 1992. Dass jetzt alles vorbei sein soll, hat der Landrat gestern beim Besuch eines Freundes erfahren, als plötzlich ein Radioreporter anrief: „Ich dachte zuerst, das kann nicht stimmen. Ich bin allen so dankbar, die die ganze Zeit über mitgekämpft haben.“

Doch zwischen allem Jubel gab es gestern auch Skepsis. Minister Jung hatte am Mittag zwar erklärt, die Bundeswehr verzichte auf den geplanten Luft-Boden-Schießplatz. Aber zieht sie deshalb tatsächlich ab?

Für Friedenspfarrer Schirge aus Zühlen ist das nur eine Frage der Zeit. „Die Bundeswehr hat keine andere Verwendung für diesen Platz“, da ist er sicher. „Hier wird nicht irgendwann ein Panzerübungsplatz eingerichtet. Jetzt können sie nicht mehr zurück.“

Landrat Gilde hofft, dass die Bundeswehr geht, aber der Bund das riesige Areal nicht einfach nur fallen lässt. Für ihn ist der Bund trotzdem in der Pflicht, alle Munition zu beseitigen, die die Sowjetarmee als Besatzungsmacht hinterlassen hat.

Was aus der Heide wird, ist offen. „Es gibt jede Menge Ideen für eine zivile Nutzung“, sagt Klaus Günther von „Pro Heide“. 300 zahlende Mitglieder hat die Unternehmerinitiative. „Aber hinter uns stehen 500 bis 1000 Firmen“, sagt Vorstandsmitglied Bernd Pieper. Schafe könnten gehalten werden, es könnten Wanderwege entstehen, vielleicht auch ein Solarkraftwerk. Schon vor einer Woche hat Golde auf Vermittlung der Staatskanzlei in Potsdam eine Anfrage von einer der größten Solarenergiefirmen Deutschlands bekommen, die in der Heide ein Sonnenkraftwerk bauen will. (Von Reyk Grunow)


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In diesem Forum gibt es 3 Einträge

» maja001 | 10.07.2009, 19:53

Bombodrom-Gegner bejubeln den Verzicht der Bundeswehr auf den Truppenübungsplatz - Meine Zukunft wurde zerstört.  (1) 
Danke!

An alle, die sich negativ zum Bombodrom ausgesprochen haben. Mein Mann (Oberfeldwebel), kann nun nicht in der Heimat mit mir wohnen und unsere zukünftigen Kinder großziehen. Unser geerbtes Haus werden wir verkaufen müssen. Allein will ich nicht in der Prignitz wohnen und für einen Hungerlohn arbeiten gehen. Ich bleibe nun lieber im Westen. Glückwunsch zu solch einer wohl überlegten Tat. Die Jugend zieht weg und die Ostprignitz sowie Prignitz sterben aus. Ihr werdet alle Älter. Viele junge Männer (Soldaten) hätten sich verliebt und wären in der Ostprignitz - Prignitz geblieben. Pech für die Mädchen.
Die Bundeswehr hätte zum Kasernenbau heimische Firmen beauftragt. Pech für die Firmen.
Die Soldaten wären in der Umgebung einkaufen gegangen. Pech für den Einzelhandel.
Verschwendung würde ich es nennen. Verschwendung von Chancen. Meinen Dank an jeden Bombodromgegner der meine Zukunft in der Prignitz zerstört hat. Ich werde meine Kinder nicht umgeben von HARZ 4 und Rechtsradikalismus aufwachsen lassen, der mit dem Verfall der Ostprignitz und Prignitz stätig zunimmt.

Mit bestem Dank
Ulrike G.

Ps.: In Deutschland dürfen keine Bomben geworfen werden. Es wäre nur ein Computersignal gesendt worden, das Anzeigt ob getroffen wurde. Es darf in Deutschland auch nicht tiefer als 2000 FT (Fuß) geflogen werden. Nicht wie zu DDR-zeiten.

» » Lorch | 12.07.2009, 16:14

Lächerlicher Kommentar


Sie denken wohl auch nur an sich und den Job für ihren Mann.
Die Umwelt ist ihnen scheiß egal, und auch die Menschen die diese unerträglichen Tiefflüger tragen müssten aber hauptsache ihr Eheman kann seine Bomebn abschmeißen. Was mit der Region passiert interessiert sie auch nicht. Die Heide (ein einzigartige empfindliche Naturregion) lebt vom Tourismus ! Ihre 800 Arbeitsplätze hätten zehntausende kaputt gemacht wenn nicht noch mehr. Über 2000 Tiefflüge im Jahr würden auch für sie die heimische Idylle zerstören. Dann bleiben sie lieber im Westen und wir haben unsere Ruhe !!
Einen schönen Tag noch.

» osalon | 11.07.2009, 10:01

Meine Zukunft wurde zerstört. (0)  (0) 
Sehr geehrte Ulrike G.,

einem jeden Menschen Recht getan ist eine Kunst, die niemand kann - leider.

Aber wer in Pfalzheim, Rägelin, ... , n a c h dem II. Weltkrieg, in der Zeit der (besatzungsrechtlichen !) Nutzung des TÜP Wittstock gewohnt hat, der wird sich sicherlich mit Grauen daran erinnern, wie das Geschirr und auch die Vasen im Wohnzimmerschrank geklirrt haben, wenn die ruhmreiche Sowjetarmee im Kalten Krieg den heißen Krieg trainierte.

Das ist nun - vstl. - endgültig vorbei.

Trotzdem bleiben Unwägbarkeiten auch in Ihren Äußerungen, z.B., wenn vorrangig junge Männer in den Westen gehen, dann gehen doch auch junge Mädchen mit - nicht nur, weil es keine BuWe in und um Wittstock gibt, sondern weil die Arbeitsplätze auch zum großen Teil nur temporär sind. Und dann ? Ich gehe noch davon aus, daß alle Bauarbeiten u.s.w. von einheimischen Firmen ausgeführt werden (?).

Der Verfall der Ostprignitz/Prignitz hat nur ganz wenig mit der BuWe zu tun, in den letzten Jahren (19 !) wurde die Entindustrialisierung ost-deutsch-weit betrieben, nicht nur im Norden des Bundeslandes Brandenburg bzw. im Süden des Bundeslandes MV. Mit Entindustrialisierung meine ich auch die Vernichtung von Arbeitsplätzen in der damals industrialisierten Landwirtschaft. H4 und Rechtsradikalismus haben ihre Ursachen in der nachfolgenden Perspektivlosigkeit der Jugend nach der großflächigen Vernichtung von Erwerbsmöglichkeiten, sowohl der jungen als auch der älteren Bevölkerung in diesem Territorium.

Es dürfen keine Bomben geworfen werden in Deutschland - ja -, aber erweitern Sie : auch nicht in Afghanistan, ...

So wird vielleicht ein Schuh daraus ?

Ihnen wünsche ich "im Westen" Alles Gute.

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