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29.07.2009

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GESCHICHTE: Der Krampf um „Mein Kampf“

Das Münchner Institut für Zeitgeschichte beginnt mit einer historisch-kritischen Ausgabe

POTSDAM - Das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München hat angekündigt, „mit den vorbereitenden Arbeiten“ für eine Neuauflage von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ zu beginnen. Dass bereits „vorbereitende Arbeiten“ an einer wissenschaftlichen Publikation vermeldet werden, ist ungewöhnlich und einem fast absurd anmutenden Streit um eine historisch-kritische Edition von Hitlers Traktat geschuldet.

Schon länger bemüht sich das IfZ um die Erlaubnis, „Mein Kampf“ in einer wissenschaftlich kommentierten Edition herauszugeben. Allerdings stellt sich Bayern, oder genauer gesagt dessen Finanzministerium, quer. Das nämlich bekam von den Alliierten nach Kriegsende die Urheber- und Verlagsrechte an „Mein Kampf“ übertragen und verbietet seitdem jegliche Neuveröffentlichung kategorisch. So will man verhindern, dass Rechtsradikale das Buch zu Propagandazwecken nutzen können und gleichzeitig Respekt gegenüber der Jüdischen Gemeinde zeigen.

Lange wird Bayerns Finanzministerium Nachdrucke allerdings nicht zurückhalten können. Spätestens 2015 wird jeder „Mein Kampf“ publizieren können, da dann – 70 Jahre nach dem Tod Adolf Hitlers – das Urheberrecht erlischt.


Sechs Jahre sind nicht lang

Es sei höchste Zeit, die Arbeit an einer kommentierten Ausgabe zu beginnen, sagt Bernhard Gotto, Wissenschaftler am IfZ in München. Knapp sechs Jahre bleiben zwar noch, es sei aber ein ausreichender Vorlauf für hochwertige wissenschaftliche Arbeit nötig. Die Einschätzung des Historikers Hans-Ulrich Wehler, der erklärt hatte, es brauchte für eine historisch-kritische Ausgabe lediglich eine Handvoll Wissenschaftler und rund fünf Monate Zeit, hält Gotto für unrealistisch. „Eine wissenschaftliche Edition ist keine Frage von wenigen Monaten, sondern von mehreren Jahren.“ Wenige Monate reichten bestenfalls für ein ausführlicheres Vorwort. Das Münchener Institut hat unter anderem eine 17-bändige Edition von Schriften und Reden Hitlers herausgegeben, verfügt also über Erfahrung auf diesem Gebiet. Dennoch hatte der Zeitgeschichtler und NS-Experte Eberhard Jäckel dem Institut erst kürzlich vorgeworfen, eine „Mein Kampf“- Edition gar nicht wirklich gewollt zu haben.

Gotto widerspricht: „Das stimmt einfach nicht. In den zurückliegenden Jahren sind wir mit der Mehrheit der Wissenschaftler für eine solche Ausgabe eingetreten.“ Eine kommentierte Neuauflage, so deren Befürworter, sei wichtig, um das Buch für Wissenschaftler nutzbar machen. Neben der Aufgabe, die einzelnen Textvarianten, die sich innerhalb der zahlreichen Auflagen entwickelt haben, sichtbar zu machen und einen systematischen Nachweisapparat zu erstellen, müssten außerdem Erläuterungen zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Textes ergänzt werden. Außerdem hätten die Wissenschaftler zu klären, woher einzelne Gedanken und Ausführungen Hitlers ursprünglich stammten, erklärte IfZ-Direktor Horst Möller bereits vor zwei Jahren.

Im bayerischen Finanzministerium herrscht jedoch weiter die Angst vor Missbrauch und davor, dass eine Neuveröffentlichung dem Ruf Deutschlands im Ausland schaden könnte. Nachvollziehbar ist das nicht: Wer „Mein Kampf“ haben will, bekommt es ohne Probleme. Auch Neonazis dürften dazu in der Lage sein. Ein Blick ins Internet genügt. Hier dauert das Hochfahren des Computers länger als die eigentliche Suche. Schnell findet sich ein Verweis etwa auf ein PDF-Dokument, das ein digitales Faksimile einer deutschen Ausgabe von „Mein Kampf“ aus dem Jahr 1943 zeigt – samt Führerfoto und Unterschrift.

Auch gedruckt sind alte Exemplare von „Mein Kampf“ relativ mühelos zu bekommen. „Habe ich gerade leider nicht da“, sagt ein Potsdamer Antiquar zwar bedauernd auf die Frage nach dem Nazi-Schinken. Hin und wieder verkaufe er es – aber in die Auslage stellen würde er es nicht. „Das zieht sonst die falsche Klientel in den Laden.“ Schließlich gibt er noch einen Tipp, bei welchem Online-Versandhaus das Traktat auf jeden Fall vorrätig sei.



Die Blockade bröckelt

Mittlerweile bröckelt die Blockadehaltung auch in der bayerischen Staatsregierung. So schlug sich Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch auf die Seite der Editionsverfechter: „Es besteht die Gefahr, dass Scharlatane und Neonazis sich dieses Schandwerks bemächtigen, wenn das Urheberrecht des Freistaats Bayerns abgelaufen ist.“ Die Edition müsse her.

Diesem Wunsch würde das IfZ gern entsprechen, allerdings in Abstimmung mit dem Finanzministerium. „Wir wollen da keinen Alleingang durchziehen, sondern arbeiten in enger Abstimmung mit dem Finanzministerium“, sagt Gotto. Insbesondere die Haltung der deutschen Juden zu diesem Thema nehme man sehr ernst und versuche in Zusammenarbeit mit Vertretern des Zentralrats eine Lösung zu erarbeiten. Man hoffe sehr, dass Bayern einlenke und das IfZ nicht bis 2015 warten müsse. „Eine derartige Edition hat es leichter, wenn sie einen Vorsprung hat. Wir möchten nicht, dass 2015 alle daherkommen und einen Hitlerreibach machen und wir mit unserer soliden wissenschaftlichen Ausgabe das Nachsehen hätten.“

Im Finanzministerium zeigt man sich weiter unbeugsam. „Bayern wird gegen jeden Nachdruck gerichtlich vorgehen. Da hat sich nichts verändert und da wird sich meiner Ansicht nach in nächster Zeit auch nichts ändern“, sagte ein Sprecher auf Nachfrage. Doch die Zeit läuft. (Von Jan Mölleken)



Hitlers „Mein Kampf"
  • Der erste Band von „Mein Kampf" wurde erstmals 1925 veröffentlicht, der zweite Band 1927. In späteren Ausgaben wurden beide Teile zu einem Buch zusammengefasst.
  • Zahlreiche Editionen wurden bis 1945 aufgelegt.
  • Mehr als zehn Millionen Exemplare wurden bis zum Kriegsende gedruckt.
  • Urheber- und Verlagsrechte liegen seit Ende des Zweiten Weltkriegs beim bayrischen Finanzministerium.
  • Die Schutzdauer des Urheberrechts dauert in Deutschland 70 Jahre über den Tod des Autors fort. Die Schutzfrist läuft also am 1.5. 2015 aus.
  • Besitz und Verkauf von „Mein Kampf"-Ausgaben, die vor 1945 gedruckt wurden, sind laut Bundesgerichtshof erlaubt.
  • Alte Ausgaben durch ein Vorwort oder einen Umschlag zu ergänzen, ist strafbar. jamö


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