KÖNIGS WUSTERHAUSEN - Worüber denken die Menschen im Land nach – das möchte das Brandenburgische Literaturbüro erfahren. Indem es eine Art kollektives Gedächtnis erstellt, Erinnerungen sammelt und sie der Nachwelt erhält. In Rheinsberg (Ostprignitz-Ruppin). Dort soll kommendes Jahr ein Tagebucharchiv eröffnen.
Kollektives Gedächtnis, mit diesen oder ähnlichen Begriffen erklärt Peter Walther, was er vorhat. Der Potsdamer Historiker leitet das Projekt „Zeitstimmen“. Der Titel ist griffig und klingt ein wenig verträumt. Seit März wirbt Walther für das Tagebucharchiv. Er wünscht sich „Zeugnisse, die zeigen, wie die Region entstanden ist“. Zeitliche Grenzen will er keine setzen, glaubt aber: „Je weiter man zurückgeht, desto dünner wird die Überlieferung.“ Die Aufzeichnungen sollen den märkischen Landstrichen ein Gesicht geben und deren Geschichte(n) erzählen. Auf denkwürdige Daten und prominente Ereignisse komme es dabei gar nicht an, betont Peter Walther. Ihn interessiert, wie die Bevölkerung ihr Umfeld sah: Wie lebten die Menschen, wie meisterten sie ihren Alltag? Und jetzt, zum 20. Jubiläum des Mauerfalls, natürlich: Wie haben sie den Abschied von der DDR und den Neubeginn als Bundesbürger empfunden?
Unter den ersten „Zeitstimmen“ ist Eberhard T. aus Cottbus, der am 26. August 1961 in seinem Tagebuch notierte: „Berlin ist endgültig zu. Lange kann das nicht dauern.“ Ein anderer Schreiber ist der Schüler Thomas S., ein Prenzlauer. Ihn bewegte am 10. September 1976: „Heute Gruppenratsvorsitzender geworden. Am Nachmittag Fußball bei Steini.“
Dann sind da Fotos, die noch keine Stimme haben, aber auf ihre Weise glückliche Augenblicke dokumentieren. Eine Familie picknickt am See. Der Gelbstich im Foto deutet es an, die Szene ist ein paar Jahrzehnte alt, die Kinder im Bild sind längst erwachsen, die Badehosen aus der Mode gekommen, die Aufnahme Geschichte. Fortsetzung folgt. Die Erinnerungsstücke werden als Leihgaben behandelt, die Bücher abschnittsweise kopiert, die Fotos digitalisiert. „Wer sein Tagebuch dem Projekt zur Verfügung stellt, bekommt es zurück“, verspricht Peter Walther. Niemand müsse sich von Familienerinnerungen trennen – es sei denn, als Schenkung an das künftige Tagebucharchiv, wo die Bücher, Notizhefte, Kladden oder Blöcke inventarisiert und aufbewahrt werden.
Das Literaturbüro setzt auf ehrenamtliche Helfer, die zum Beispiel Sütterlin lesen können. Jeder Absender entscheidet selbst, in welchem Umfang sein Tagebuch veröffentlicht wird und ob er genannt werden oder anonym bleiben möchte. Aus den Briefen, Texten, Fotos, Zitaten und Zeitzeugnissen, die sich so im Laufe der Zeit – hoffentlich – anhäufen werden, entsteht dann ein Abbild brandenburgischer Kultur. Der 2007 gestorbene Schriftsteller Walter Kempowski hat es mit seiner Idee „Echolot“, wobei er Briefe und Tagebücher zu Collagen verband, vorgemacht. 2011 will Potsdam das erste vergleichbare Buch veröffentlichen.
Neu und bisher einmalig ist die regionale Färbung. Anders als im Deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen (Baden-Württemberg), wo Tagebücher aus der ganzen Bundesrepublik nachlassartig gesammelt werden, bleibt die Sammlung unterm Dach des Kurt-Tucholsky-Museums in Rheinsberg auf Brandenburg begrenzt. Geschichtsinteressierte haben ab 2010 dann den Vorteil, dass sich das, was sie mit eigenen Augen nachlesen, auch wirklich in unmittelbarer Nähe zugetragen hat. So fällt es leichter, ein Schicksal nachzuempfinden.
Bisher hat Peter Walther Tagebücher der Jahre 1882 bis 2008 erhalten. Wie viele Märker ihre Aufzeichnungen zur Verfügung stellen, darüber hat er sich noch keine Gedanken gemacht. Wohl aber über die Mittel fürs Projekt : Das Literaturbüro hat beim Kulturministerium Förderung beantragt.
Liebe Leser, führen Sie Tagebuch? Hat ein Verwandter seinen Lebensalltag oder seine Erinnerung festgehalten oder haben Sie ein Tagebuch gefunden, dessen Inhalt Sie berührt hat? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte! Die Redaktion des Dahme-Kuriers erreichen Sie in Königs Wusterhausen, Bahnhofstraße 17a oder unter, 03375/2 40 40.
www.zeitstimmen.de (Von Tanja Kasischke)