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04.08.2009

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LITERATUR: Wahrheiten in der Komik

Zum Tode des Dichters Adolf Endler, der sich den Spaß nie verderben ließ

POTSDAM - Adolf Endler war so frei, der DDR eine lange Nase zu drehen, ohne ihr deshalb verbittert den Rücken zuzuwenden. Während viele Schriftsteller und Leser nur noch weg wollten aus diesem Land mit dem großen Rand, mied und verspottete er offizielle Podien und schlug sich bereits Ende der 70er Jahre auf die Seite der Subkultur.

Für viele junge Leute, die sich in verqualmten Hinterhauswohnungen bei Lesungen drängten, wurde Adolf Endler so etwas wie eine Vaterfigur. Denn er zeigte, wie es ging: den Kopf nicht hängen zu lassen. Endler las mit ironischer Emphase und es wurde meist viel zu laut gelacht, zu viel getrunken und geraucht. Seine Texte konfrontierten die täglich erlebte Tristesse mit einem fröhlich-anarchischen Lebenswitz, der ihm 1930 in Düsseldorf in die Wiege gelegt wurde.

Ihn deshalb einfach als Satiriker zu bezeichnen, greift gefährlich kurz. Denn Endler war durch und durch Dichter und Erzähler, der nicht wie ein Journalist das Offenkundige gefällig herausstellte, sondern es auf Untertöne und Leistungen des Unterbewusstseins absah. Noch in den 60er Jahren hatte er den Bitterfelder Weg gutgeheißen und recht schlichte „Bau auf, Bau auf!-Gedichte“ verfasst. Immerhin war er 1955 aus politischer Überzeugung in die DDR übergesiedelt. Doch hier ging er dann heimlich bei den französischen Surrealisten und den amerikanischen Beatniks in die Schule. Jedenfalls favorisierte er bald literarische Stilmittel und Experimente, die der sozialistische Realismus alles andere als gut hieß.

Adolf Endlers Texte leben von Einschüben und Klammern, von scheinbar absurden Assoziationen und Running Gags, sind Collagen und Montagen. Der Mann mit dem Zausebart und großen Brille machte nichts leidenschaftlicher als zitieren. Zu diesem Zwecke hielt er sich auch absurde Periodika, Zeitschriften wie „Der Hund“, die Pionierzeitung „Atze“ oder die Militärzeitschrift „Wehrkunde“ und entwickelte sich zu einem fast zwanghaften Sammler von Artikeln, die er in Themenmappen ablegte, um den einen oder anderen Satz einmal als Chronist aus der Distanz zur Sprache zu bringen. Typische Wörter und Wendungen der DDR (später auch des triumphierenden Westens) waren für ihn ein gefundenes Fressen.

In seinen Texten nahm Adolf Endler schon vor 1989 die unfreiwillige Komik vorweg, auf die er später in seiner Stasi-Opferakte stoßen sollte. Wieder einmal brauchte er nur zu zitieren: „1. Laut eigener Ankündigung hat Endler aus seinem 85-bändigen Romanwerk gelesen, das bereits in der BRD bzw. Westberlin erschienen ist. 2. Der IM schätzt ein, dass die Art des Vortrags von Endler sehr gut war, weil er sehr akzentuiert sprach und wie ein Schauspieler mit deutlicher kabarettistischer Tendenz las. 3. Am Äußeren des Endler ist derzeitig auffallend, dass er am linken Ohr einen pfenniggroßen Ohrring trägt. 4. Eine offizielle Auswertung der Information zu Endler ist aus Gründen der Konspiration nicht möglich.“

So produktiv dieser Autor auch gewesen ist, seine Publikationsliste umfasst mehr als 20 Titel, so schwer fällt es, ein ultimatives Buch von ihm zu nennen. Die meisten seiner Bücher kamen in kleinen, engagierten Westverlagen heraus – etwa „Ohne Nennung von Gründen“ (1985) und „Vorbildlich schleimlösend“ (1990). Repräsentative Lyrikbände erschienen aber auch bei Reclam in Leipzig („Akte Endler“, 1981) und Suhrkamp in Frankfurt am Main („Der Pudding der Apokalypse“, 1999). Die meisten seiner Prosatexte beruhen auf sehr konkreten Anspielungen, welche die Nachwelt ohne erklärende Fußnoten über zeitgeschichtliche Hintergründe kaum verstehen wird. Endlers tragisch grundierter Humor ist dennoch so einzigartig und markant, dass man sich gerne seiner erinnern wird.

Einem größeren Publikum wurde er 1994 durch sein aufbereitetes DDR-Tagebuch „Tarzan am Prenzlauer Berg“ bekannt. Germanisten ist Endler auch deshalb ein Begriff, weil er 1966 mit Karl Mickel die Lyrik-Anthologie „In diesem besseren Land“ herausgab, die erstmals die Qualität der sächsischen Dichterschule (Volker Braun, Sarah Kirsch, Wulf Kirsten u.a.) in den Vordergrund stellte und auf primitive Partei-Oden verzichtete.

Legendär sind zwei Heldenfiguren aus der Zeit des Kalten Kriegs, von denen Adolf Endler gern großmäulig in seinen Texten erzählt hat: die beiden Saufkumpane Bobbi Bergermann und Bubi Blazezak. Seinen Fans werden sie im Gedächtnis bleiben.

1995 erhielt Endler den Brandenburgischen Literaturpreis. Die Laudatio hielt der 2007 verstorbene Wolfgang Hilbig. Er sagte: „Jedes Mal, wenn man etwas von Dir liest, glaubt man, man müsse sich totlachen. Doch dann merkt man, dass man schon tot war, und dass man sich wieder lebendig gelacht hat.“

Damals schon stand es sehr schlecht um die Gesundheit des Lebemanns Endler. Doch seine Frau Brigitte, die er Mitte der 80er Jahre in Leipzig kennenlernte, als sie als Jugendklubhaus-Chefin aus politischen Gründen entlassen wurde, gab Endler die Kraft, auf filterlose Zigaretten und Alkohol zu verzichten. Adolf Endler lebte also unerwartet lang – bis letzten Sonntag und starb viel zu früh 78-jährig in Berlin-Pankow. (Von Karim Saab)


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