

Der „Rosa-Riese“ eilt nach dem Prozesstag am 20. Oktober 1992 in Potsdam in das für ihn bereitgestellte JVA-Fahrzeug. Foto: MAZ
POTSDAM - Mit seinen Stöckelschuhen und Strapsen ist der 1,90 Meter große Ex-Polizist Wolfgang S. aus Rädel (Potsdam-Mittelmark) der vermutlich extravaganteste Patient des Maßregelvollzugs in Brandenburg/Havel. Insgesamt werden am Stadtrand hinter fünf Meter hohen Mauern 127 geistig kranke Mörder und andere Verbrecher behandelt. Nur der Vergewaltiger und Raubmörder Frank Schmökel ist von allen strikt getrennt.
Nach einem aktuellen Beschluss des Amtsgerichts Potsdam soll der 43-Jährige Wolfgang S. künftig als Beate angeredet werden und bald eine Hormonbehandlung erhalten. Das für den Maßregelvollzug zuständige Brandenburger Gesundheitsressort bestätigte – wenngleich ohne Nennung von Namen – auf Anfrage der MAZ einen entsprechenden Gerichtsbeschluss.
Ein halbes Jahr lang soll getestet werden, wie Wolfgang/Beate S. sich im Maßregelvollzug verhält, wenn man ihn als Frau behandelt, wie er es wünscht. Der Serienmörder, der im November 1992 zur Unterbringung in den Maßregelvollzug und 15 Jahren Gefängnishaft verurteilt wurde, behauptet seit vielen Jahren, sein Wesen sei weiblich.
Einen ersten Antrag auf Namensänderung – und damals auch auf Geschlechtsumwandlung – hatte S. Mitte der 1990er gestellt. Dieser Antrag war jedoch abgelehnt worden. In einem Bericht im Magazin „Stern“ hatte S. 1996 die Hoffnung geäußert, dass er irgendwann geheilt sei und danach den Maßregelvollzug verlassen dürfe. Den neuen Lebensanfang wolle er als Frau versuchen. „Irgendwann muss ich ja raus“, so S. damals, „aber ohne Behandlung geht das nicht.“
Die beiden Gutachter, die dem Antrag hätten zustimmen müssen, reagierten skeptisch. Wilfried Rasch, der Nestor der forensischen Psychiatrie in Deutschland, hatte erhebliche Zweifel, dass Wolfgang S. tatsächlich transsexuell war, wie er vorgab. „Ich habe das Empfinden, dass er so den Weg in die Freiheit sucht“, warnte Rasch.
Ob eine Geschlechtsumwandlung – die der jetzt genehmigten Hormonbehandlung konsequent folgen müsste – S. harmloser machen kann, ist ungewiss. „Eine Geschlechtsumwandlung ist ein interessanter Fall im Hinblick auf die Behandlungsmöglichkeit“, heißt es im Gesundheitsministerium. Der im Jahr 2000 verstorbene Gutachter Rasch war vor 13 Jahren sehr skeptisch und befürchtete, „dass S.s Aggressionen nach einer Operation nur umgelenkt werden könnten“. Rasch: „Auch nach einer Geschlechtsumwandlung wird er scheitern, das läuft bei dem im Hirn ab.“
Der mögliche weitere Wandel von Wolfgang zu Beate vollzieht sich nicht zwangsläufig. Im Januar 2010, nach Ablauf der Testphase, wird S. erneut begutachtet, wenn er/sie eine Geschlechtsumwandlung beantragen sollte. Nach der Hormonbehandlung, so die Erwartung der Experten, sei präziser zu ermitteln, ob B. sich wirklich als Frau fühle. Außerdem kann das Brandenburger Innenministerium als Vertreter öffentlicher Interessen Widerspruch gegen einen Gerichtsbeschluss einlegen. Bisher ist dies nicht erfolgt.
Den gesicherten Bereich des Maßregelvollzugs durfte S. in den vergangenen Monaten bereits verlassen. Wie ein Zeuge der MAZ versicherte, spazierte S. jenseits des Hochsicherheitsbereichs des Maßregelvollzugs in Begleitung von Aufsichtspersonal über das parkähnliche Gelände der Landesklinik, das von einem normalen Zaun umgeben ist. Von diesem Areal war kürzlich ein Patient geflohen.
Erfahrungen mit kontrollierter Freiheit sind für S. nicht neu. Schon Mitte der 1990er Jahre durfte er sich abseits des Anstaltsareals bewegen. Erst als eine Überwachungskamera an einer Tankstelle in Kliniknähe filmte, wie er ein Pornoheft kaufte und die Veröffentlichung der Bilder in „Super Illu“ öffentliche Empörung auslöste, sperrte die Klinikleitung den als „Rosa Riese“ bekannten Patienten wieder rigoros weg.
Seine sechs Morde beging Wolfgang S. von Oktober 1989 bis zum 5. April 1991. Die Opfer waren fünf Frauen im Alter von 34 und 66 Jahren sowie ein drei Monate altes Baby, das er aus dem Kinderwagen nahm und an einem Baum erschlug. Anschließend erwürgte er die 44-jährige Mutter des Kindes und schändete deren Leiche. Das war am Freitag, dem 22. März 1991, im Wald bei Beelitz (Potsdam-Mittelmark).
Zwei Wochen später, am 5. April, überlebten bei Sputendorf (Teltow-Fläming) zwei zwölfjährige Mädchen einen Messerangriff und konnten trotz schwerer Verletzungen die erste Beschreibung des Täters liefern. Am Abend desselben Freitags tötete Wolfgang S. in Fichtenwalde (Potsdam-Mittelmark) eine 66-Jährige.
Der 1966 in Lehnin geborene S. trug während der Morde oft Frauenkleidung, stets verging er sich an den Leichen. In der Nähe der Tatorte ließ er Damenunterwäsche zurück, die er auf Müllkippen gesammelt hatte. Ein Ermittler: „Wir dachten, die Wälder bestehen nicht mehr nur aus Bäumen, sondern aus Schlüpfern.“
Am 1. August 1991 verhinderten zwei Jogger in einem Wald bei Schmerzke (Potsdam-Mittelmark) vermutlich Schlimmeres. Sie fassten einen hünenhaften Mann, auf den die Beschreibung der Polizei zutraf. Der Mann ließ sich widerstandslos den Beamten übergeben. Den Joggern erschien der Mann im Wald verdächtig, weil er sexuelle Handlungen an sich vornahm und einen Büstenhalter trug. (Von Frank Schauka)
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