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18.08.2009

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INTERVIEW: „Wir machen moderne Turbopolitik“

Wie der Satiriker Martin Sonneborn versehentlich ernste Fragen über die Demokratie aufwarf

 

Im Streit um die Nichtzulassung seiner Satirepartei „Die Partei“ zur Bundestagswahl muss ihr Gründer Martin Sonneborn (44), Ex-Chefredakteur des „Titanic“-Magazins, plötzlich ganz ernsthaft Politik treiben. Und fühlt sich sichtlich wohl dabei. Mit ihm sprach Dagmara Lutoslawska.

 

MAZ: Herr Sonneborn, eigentlich haben Sie allen Grund zur Freude.

Martin Sonneborn: Das ist eine interessante und verwegene These, die ich jetzt hier mal jedenfalls nicht entkräften will. Wir spüren eine Woge der Sympathie im Moment, sowohl in den Medien als auch unter Parteienrechtlern, die seit 20 Jahren die Frage aufwerfen, dass es in einer Demokratie eine Möglichkeit geben muss, sich gegen die Entscheidung eines Bundeswahlleiters zur Wehr zu setzen. Und alle sind sehr erfreut, dass das jetzt an unserem Fall mal juristisch durchgefochten wird.

 

Das ist der Einbruch der Realität in die Satire.

Sonneborn: Oder umgekehrt. Das ist eben die Frage. Als ich gelesen habe, dass die OSZE Wahlbeobachter nach Deutschland schickt, habe ich mich zunächst gefragt, ob wir das vielleicht inszeniert und dann sofort wieder vergessen haben. Das klang alles nach einer satirischen Aktion. Aber die Sätze, die geäußert wurden, das war alles einwandfrei. Das Interessante ist, dass man uns vorwirft, dass wir eine satirische Partei sind. Ich habe das jetzt im Zuge dieser Affäre mal reflektiert. Das Lustige ist, dass wir wirklich Politik machen. Wir haben eine Plattform geschaffen für junge Leute, die sonst keinen Spaß mehr in dieser Demokratie hatten. Die sich nicht mehr identifizieren können mit einer Politik der Volksparteien und die politisiert werden durch uns. Und das ist Politik, oder?

Ja.

Sonneborn: In einer wissenschaftlichen Arbeit über die „Partei“ wurde gerade mit Baudrillard argumentiert, dass Parteien nur noch Simulationen sind. Die Sozialdemokraten simulieren nur noch die Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Und wir seien die Simulation der Simulation. Ich würde es anders formulieren. Ich würde sagen, wir machen die modernste Form von Politik. Es muss heute in der Politik nicht mehr um Inhalte gehen, sondern nur darum, dass man irgendeinen Standpunkt öffentlich vertritt. Dass man versucht, eine gewisse Sympathie, ein gewisses Vertrauen in die eigene Partei oder Person zu wecken. Inhalte zählen doch heute nichts mehr. Die SPD wechselt ihre Standpunkte nahezu im Minuten- oder Tagestakt. Programme zählen überhaupt nichts mehr. Und da sind wir extrem weit vorn und am modernsten. Wir machen moderne Turbopolitik.

 

Ist die „Partei“ etwa 2004 gegründet worden, um die Schwächen der Demokratie aufzuzeigen?

Sonneborn: Das spielt eine Rolle. Schließlich haben „Titanic“-Redakteure sie gegründet. Und wir werden ja nicht plötzlich unkritisch, nur weil wir jetzt politisch tätig sind.

 

Und doch ist es eine neue Erfahrung mit Parteien, die sich auf eine ganz andere Weise ernst nehmen, also den Grauen oder der Freien Union, nun Schulter an Schulter in einem Kampf zu stehen.

Sonneborn: Mal im Ernst, ich glaube, dass es gute Chancen gibt, das der Bundeswahlleiter entlassen wird oder dass er sich korrigiert. Und dass wir am 27. September auf den Wahlzetteln stehen.


info
Wer Martin Sonneborn live erleben möchte, der kann am 2. September ins Thalia in Babelsberg kommen. Dort läuft der satirisch-dokumentarische „Parteifilm“ in Anwesenheit von Sonneborn.


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