POTSDAM - Noch sind in Deutschland kaum wirtschaftliche Folgen der Schweinegrippe zu spüren. Aber es mehren sich die Sorgen vor einer Ausweitung der Krankheit im Herbst. Der deutsche Export könnte das zuerst zu spüren bekommen, so das Ergebnis einer Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, die gestern in Berlin vorgestellt wurde.
„Die bisher vor allem auf lateinamerikanische Staaten begrenzten Auswirkungen könnten rasch zu spürbaren Beeinträchtigungen für die Weltwirtschaft führen, wenn nicht überall höchste hygienische Standards eingehalten werden”, so DIHK-Außenwirtschaftschef Axel Nitschke. In Argentinien verzeichne der Tourismus bereits Einbußen von 35 Prozent, in Chile habe sich der Krankenstand verdoppelt und in Bolivien seien alle größeren Veranstaltungen verboten worden. Der DIHK schätzt, dass schon wegen der Wirtschaftskrise die deutschen Exporte in diesem Jahr um 17 Prozent zurückgehen.
Eine Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) sagt für Deutschland bei einem starken Verlauf der Schweinegrippe einen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts um bis zu 3,5 Prozent voraus, weil Beschäftigte und Kunden zu Hause bleiben. Angenommen wurde, dass die Hälfte der Bevölkerung an der Grippe erkrankt und es zu über 100 000 Todesfällen käme. „Vieles spricht derzeit für ein milderes Szenario“, so RWI-Gesundheitsexperte Boris Augurzky. Zwar breite sich das Grippevirus schnell aus, aber der Verlauf sei meist mild und kurz. Auch international seien Todesfälle eher selten. Augurzky rechnet deshalb nur mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um etwa ein Prozent.
Eine Umfrage des Arbeitskreises Unternehmenssicherheit Berlin-Brandenburg ergab, dass nur die Hälfte der Betriebe über einen Pandemie-Plan verfügen. 43 Prozent haben sich mit Medimenten wie Tamiflu eingedeckt. Die Pandemieplanung für Brandenburg sieht vor, dass bei einer massiven Ausbreitung etwa Großveranstaltungen abgesagt oder Schulen geschlossen werden können. „Darüber muss im Einzelfall das Gesundheitsamt vor Ort entscheiden“, so Claudia Szczes vom Gesundheitsministeriums.
Das Berliner Robert-Koch-Institut registrierte bislang 12 000 Krankheitsfälle in Deutschland, davon 194 in Brandenburg. Weltweit sind knapp 180 000 Menschen an Schweinegrippe erkrankt und 1500 daran gestorben. (Von Ulrich Nettelstroth)
POTSDAM - 380.000 Hühnereier werden täglich bei den Sächsischen Serumwerken in Dresden abgeerntet. In ihnen produziert Glaxo-Smith-Kline (GSK) Deutschland, zu denen die Fabrik gehört, den Impfstoff gegen das Schweinegrippen-Virus H1N1. Die große Nachfrage - allein für die erste Impfwelle haben die Länder 50 Millionen Dosen geordert - bereitet GSK nicht nur gute Geschäfte, sondern sorgt auch für neue Jobs. Die Serumwerke stellen 150 neue Beschäftigte ein, außer Labor-Fachkräften auch Biologen, Chemiker und Ingenieure. „Wir machen gerade nichts anderes als den Impfstoff", so Unternehmenssprecherin Daria Munsel.
GSK ist nicht das einzige Unternehmen, das von der Schweinegrippe profitiert. Auch der Schweizer Konzern Novartis hat sein Werk im hessischen Marburg ausgebaut, um in die Impfstoff-Produktion einzusteigen. „Wir fahren derzeit die Linie unserer Zellkulturanlage hoch, was wir für dieses Jahr so nicht geplant hatten", so Novartis-Sprecher Eric Althoff.
Nicht nur für Impfstoff-Produzenten ist die Schweinegrippe eine Goldgrube. Auch die Aktionäre des Schweizer Pharmakonzern Roche können sich die Hände reiben. Schon zu Beginn der Grippewelle im Frühjahr trieben die Pandemie-Ängste den Börsenkurs in die Höhe. Roche produziert das Medikament Tamiflu, unter anderem im bayerischen Penzberg, wo 4500 Beschäftigte arbeiten. Die Kapazitäten für die Produktion dort seien bereits ausgeweitet worden, sagt eine Roche-Sprecherin. Ob man ohne zusätzliches Personal auskomme, müsse man beobachten.
Und Roche verdient nicht nur mit Tamiflu an der Schweinegrippe. Im Mai führte der Konzern auch ein neues Testverfahren für das H1N1-Virus ein. Produziert wird es unter anderem im baden-württembergischen Grenzach.
Gutes Geld verdienen durch das plötzliche Auftauchen des neuen Grippe-Virus nicht nur die großen Konzerne wie Roche. Kleinere Firmen in der Region profitieren ebenfalls von der Grippe. Einen Test zum Nachweis des Virus hat zum Beispiel die Berliner Firma Tib Molbiol mit rund 50 Beschäftigten in der Bundeshauptstadt entwickelt. Bei der Vogelgrippe habe man ebenfalls schon zu den ersten gehört, die eine Diagnostik-Methode auf den Markt gebracht haben, sagt Geschäftsführer Olfert Landt. 200000 Tests gehen von Tib Molbiol insgesamt monatlich an Laboratorien, Hospitäler und Vertriebe weltweit. (Gerald Dietz)