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05.09.2009

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SEEFAHRT: Das Mysterium der „Arctic Sea“

Was geschah wirklich mit dem verschwundenen Frachter? Eine Spurensuche

BRÜSSEL - „Wenn irgendwann alles bekannt ist, wird jemand aus dem Stoff ein Thriller drehen“, sagt der Nato-Offizier. Was geschah wirklich an Bord der „Arctic Sea“? Die Experten in den beiden Hauptquartieren der Allianz kennen die Antwort, die EU-Kommission auch. Viele Regierungen ebenfalls. „Da waren mehr beteiligt, als man glaubt“, heißt es geheimnisvoll auf den Gängen in der militärischen Kommandozentrale des Bündnisses. Einer, der nicht so viel wissen sollte, der Wahrheit aber ziemlich nahe gekommen sein dürfte, ist der Chef des russischen Internet-Marine-Portals „Morskoj Bjulletin“ namens Michail Wojtenko. Als er dort offen schrieb, die „Geschichte von der Piraterie sei Unsinn“, bekam er nachts einen Anruf, bei dem er aufgefordert wurde, das Land sofort zu verlassen. Das war am Dienstag dieser Woche. Am Mittwoch floh er nach Istanbul, stellte sich noch einmal einigen Journalisten, seither ist er abgetaucht. Solche „Drohanrufe“ seien untypisch für den russischen Geheimdienst FSB, dem Nachfolger des legendären KGB, sagt der Moskauer Experte Andrej Soldatow. „Der FSB hätte mit Wojtenko geredet oder seine Web-Seite geschlossen. Aber ihn nicht gezwungen auszureisen.“

Fest steht eigentlich gar nichts. „Klabautermann-Geschichten“, nennt ein Nato-Vertreter die offiziellen Berichte von dem Piraten-Überfall am 24. Juli. Da ist der 98 Meter lange Frachter unter maltesischer Flagge und mit russischer Besatzung von Finnland aus mit Schnittholz nach Algerien unterwegs und passiert gerade die Küste von Gotland. Wert der Ladung: 1,5 Millionen Euro. Die vermeintlichen Piraten seien tatsächlich estnische Umweltschützer gewesen, die ein neues Navigationsgerät hätten testen wollen, erklärt der Verteidiger der acht Verhafteten, Omar Achmedow, später. Vor einem Unwetter seien sie geflüchtet und von der „Arctic Sea“ gerettet worden.

Dass jemand mit einem motorisierten Schlauchboot 260 Seemeilen weit aufs Meer fährt, wo gerade mal Windstärke vier bis fünf herrschte, um sich dann bei bestem Wetter und in Landnähe retten zu lassen, mache die Darstellung zu einer bestenfalls „dummen Ausrede“, sagt ein Nato-Experte. Kurz darauf verschwindet die Funkkennung des Frachters von den Bildschirmen der Seefahrtsämter, nachdem es zuvor zwei identische Signale gegeben hatte – auf völlig verschiedenen Positionen. Awacs-Aufklärer der Nato aber entdeckten den „stummen“ Frachter, alarmierten die Zentrale in Brüssel, die wiederum beim russischen Botschafter Dmitrij Rogosin nachfragte. Wenig später habe der Moskaus „dringende Aufforderung“ überbracht, sich herauszuhalten.

Den Beobachtern in Brüssel fällt auf, dass das Schiff tiefer im Wasser liegt, als es aufgrund seiner Ladung eigentlich dürfte. „Man kann davon ausgehen, dass es nicht nur Holz geladen hatte“, räumt inzwischen der Chefermittler der Moskauer Staatsanwaltschaft, Alexander Bastrykin, ein. Vermutung Nummer eins: Waren doch russische Raketen vom Typ X-55 an Bord, eine Lenkwaffe mit 3000 Kilometer Reichweite und der Möglichkeit, sie mit Kernwaffen zu bestücken? „Halten Sie unseren Geheimdienst wirklich für so blöd?“, antwortet ein Experte, der erkennbar mehr weiß. „Unsere Leute hätten das so gemacht, dass niemand etwas mitkriegt. Schon gar nicht die Nato. Nein, diese Spur ist nicht heiß“, sagt er weiter.

Vermutung Nummer zwei: Ein internationaler Ring von Waffenschmugglern, der mit dem Iran ein Millionen-Geschäft machen wollte, hatte den Frachter gechartert. Bei den Piraten handelte es sich in Wahrheit um Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad oder der amerikanischen CIA, die eine Waffen-Nachschublinie nach Teheran unterbrechen wollten. „So eine Nummer kann kein Krimineller durchziehen, ohne dass nicht sehr viele offizielle Stellen mithelfen“, argumentiert man beim westlichen Bündnis. „Und wenn die Piraten wirklich Agenten gewesen sein sollten, waren es blutige Anfänger. Kein Mossad- oder CIA-Mann wird von einer Frachter-Mannschaft überwältigt, tagelang festgehalten und schließlich den Russen übergeben.“

Der Schlüssel liegt in Moskau, so viel scheint klar. Doch dort tut man alles, damit außer immer neuen Gerüchten nichts herauskommt. Derzeit liegt die „Arctic Sea“ irgendwo, nur nicht in Noworossijsk, wo die russische Marine, deren Fregatte „Ladny“ am 17. August den Frachter vor den Kap Verden aufgebracht hat, ihn eigentlich hinbringen sollte. Die mutmaßlichen Piraten, bei denen es sich um überwiegend estnische Männer zwischen 29 und 45 Jahre handeln soll, sitzen im Moskauer Lefortovo-Gefängnis. Ihnen drohen 20 Jahre Haft. Die Besatzung durfte inzwischen größtenteils nach Archangelsk zurückkehren, wo sie zu Hause ist. Nur der Kapitän wird noch festgehalten.

Vertreter von Nato und EU-Kommission wiegeln offene Anfragen zu dem Vorfall ab. Selbst „gute Kontakte“ verstummen, sobald das Stichwort „Arctic Sea“ fällt. Nur eines lassen politische wie militärische Experten immer wieder durchblicken: Der Piratenüberfall ist ebenso eine Legende wie die offiziellen Angaben über die Ladung. Nur einer lüftet das Tuch der Geheimniskrämerei ein wenig, wenn er sagt: „Es ist unglaublich, dass sich so etwas unter den Augen Europas abspielt. Und wir müssen auch noch zugucken und schweigen.“ (Von Detlef Drewes)


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