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29.09.2009

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KULTUR: „Ich hänge nostalgisch am Osten“

Evelin Senarclens de Grancy hat einen spannenden Roman über ihre Flucht aus der DDR geschrieben / Am Sonntag ist sie in Vichel zu Gast

20 Jahre nach dem Mauerfall erzählt Evelin Senarclens de Grancy ihre Geschichte. Aufgewachsen in der DDR, erzogen zur begeisterten Sozialistin, verliert sie nach dem Mauerbau den Glauben an die Republik. Sie flieht, baut sich ein neues Leben auf – und erkennt, dass ihr Mann ein Doppelagent ist. Am Sonntag liest Evelin Senarclens de Grancy aus ihrem autobiografischen Roman im Gutshaus Vichel. Nadine Fabian sprach mit ihr über ihr bewegtes Leben.

MAZ: Wo waren Sie, als die Mauer fiel?

Evelin Senarclens de Grancy: Es war alles so, wie es im Buch steht. Ich war in Süddeutschland, als ich erfuhr, dass immer mehr Menschen aus der DDR flüchten. Dann wurde die Bild-Zeitung ausgerufen – die Mauer war gefallen.

1989 – das Jahr des Aufbruchs. Hätten Sie diese Zeit gern in der DDR mitgestaltet?

Senarclens de Grancy: Ich hätte den Menschen gern Mut gemacht und sie unterstützt. Wäre ich nicht schon 1969 geflohen, wäre ich mit ihnen auf die Straße gegangen.

Wie geht es Ihnen im großen Jubeljahr der Deutschen?

Senarclens de Grancy: Ich freue mich, dass alles so gekommen ist. Was für ein Glück! 20 Jahre nach dem Mauerfall frage ich mich aber auch, was man tun kann, dass wir Deutschen uns besser verstehen. Wir sind noch nicht zusammengewachsen.

Das klingt, als wären Sie mit der Entwicklung des wiedervereinigten Deutschlands nicht recht zufrieden. Was enttäuscht Sie?

Senarclens de Grancy: Dass die Linken und damit auch alte Kader stärker werden, besorgt mich. Ich finde es auch traurig, dass junge Menschen nicht wissen, wie es in der DDR wirklich war – jenseits aller Geschichten darüber, wie die Menschen zusammengehalten und sich gegenseitig in der Misere unterstützt haben.

Ihr Roman „Feuer unter den Füßen“ ist eine spannende Lektüre – wie groß war die Spannung beim Schreiben?

Senarclens de Grancy: Das war ein sehr bewegendes, sehr aufwühlendes Erlebnis. Mitunter kamen mir die Tränen.

Wie viel Ihrer eigenen Geschichte steckt darin?

Senarclens de Grancy: Es handelt sich natürlich um einen Roman – aber die Eckdaten stimmen. Peter – den ersten Freund der Romanheldin Kristina – gab es wirklich. Es gab die Stasi-Schwiegereltern. Und es gab Norbert – Kristinas ersten Ehemann, mit dem sie aus der DDR flieht.

Diese Kristina wird als „kleine Sozialistin“ bezeichnet – auch Sie wollten einst an den Sieg des Sozialismus glauben ...

Senarclens de Grancy: Das wollte ich. Uns wurden ja Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit vorgegaukelt. Vom Westen erfuhren wir nur Überzeichnetes: Dass die bösen Kapitalisten den Menschen ausbeuten, dass die wenig Geld haben, arbeitslos sind. Dagegen hieß es, in der DDR bestimmt das Volk, jeder hat Arbeit und alles wird gleichmäßig verteilt – jeder wird gut leben. Als ich nach Berlin kam, stellte ich fest, wie es wirklich ist und fiel langsam vom Glauben ab.

Wann sind in Ihrem Weltbild die ersten Risse entstanden?

Senarclens de Grancy: Als ich mit „Peter“ zusammen war. Er war zehn Jahre älter und blickte hinter die Kulissen. Er sah, wie korrupt unser Land war. Und er versuchte, mir die Augen zu öffnen, mir zu zeigen, dass alles ganz anders war, als uns beigebracht wurde.

In einer Schlüsselszene fragt Kristina, wie viel Angst man haben muss, um Mut zu bekommen ...

Senarclens de Grancy: Ich versuche immer erst, mit mir selbst klarzukommen. Ich muss schon sehr eingeengt sein, die Angst muss schon sehr groß sein.

1969 hatten Sie den Mut, der DDR den Rücken zu kehren. Haben Sie sich etwas bewahrt, das typisch Ost ist?

Senarclens de Grancy: Wenn ich in Berlin bin, wohne ich immer im Osten. Ich mag die Brüche. Es ist nicht alles glatt, man findet in den sanierten Straßen noch alte Häuser. Ich hänge nostalgisch am Osten – schon wegen der Menschen, die ich verloren habe.

Man sagt, alle Kreise schließen sich – haben Sie jemals überlegt zurückzukehren?

Senarclens de Grancy: Ich suche die Menschen von damals. Ich möchte wissen, was aus ihnen geworden ist. Als ich Anfang September in Berlin war, bin ich auf Spurensuche gegangen. Irgendwann stand ich vor einer Tür, vor der ich vor 40 Jahren das letzte Mal stand. „Peters“ Wohnung. Das war sehr berührend. Ich habe geklingelt, aber niemand war da. Natürlich lebt er nicht mehr dort. Aber ich hätte auch gern mit der jungen Frau gesprochen, die jetzt dort wohnt.


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