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23.10.2009

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DEBATTE: Der Profi

Wie Henryk M. Broder den Zentralrat der Juden lächerlich machte

POTSDAM - Henryk Modest Broder lässt es gerne knallen. Nicht immer trifft er dabei, aber zumindest gucken alle hin. Gestern hat es der 63-Jährige Publizist wieder einmal bewiesen. Sein Handy klingelte ununterbrochen, für jeden war er zu sprechen, um zu erklären,warum er, der Antireligiöse, partout Präsident des Zentralrats der deutschen Juden werden will.

„Meine Kippa liegt im Ring“, hatte Broder im „Tagesspiegel“ verkündet und ein neues publizistisches Genre entwickelt: Das Bewerbungsschreiben als Gastbeitrag, das weniger werben als provozieren soll. Die amtierende Präsidentin Charlotte Knobloch nennt er nur bei ihrem internen Spitznamen „Tante Charly“ und stellt sie als überfordert hin. Treffen will er aber vor allem den Generalsekretär Stephan Kramer. Der hatte Thilo Sarrazin zeitweise in die Nähe von Göring, Goebbels und Hitler gestellt. Danach habe Broder gehört: „Jetzt regen sich auch die Juden über Sarrazin auf.“ Nicht „die Juden“, musste er kontern, „nur Stephan Kramer“.

Damit war für den Provo-Profi Broder die Zeit reif für eine Breitseite auf den Zentralrat. Man kann es auch solidarisch nennen. Sarrazin und Broder sind nicht nur in ihren Mitteln, auch in ihren Überzeugungen Geistesbrüder. „Sarrazin hatte das Recht, das zu sagen, und er hatte in fast allen Punkten Recht“, lobt Broder gegenüber der MAZ. Auch, wenn er Einwanderergruppen gegeneinander ausspielt? „Er spielt sie nicht gegeneinander aus, er stellt fest, dass es Unterschiede gibt.“ Laut Studien seien russisch-jüdische und vietnamesische Kinder in der Schule am erfolgreichsten – „es scheint also so zu sein, dass es Kulturen gibt, in denen Bildung, Erziehung und Disziplin eine Rolle spielen, und Kulturen, in denen das nicht der Fall ist“. Mit Sarrazin trifft sich Broder also im vergleichenden Kulturalismus – und ebenso wenig bietet er Lösungen für „die anderen“ an: „Ich bin doch kein Sozialarbeiter“.

Holocaustleugnung solle als Straftatbestand abgeschafft werden, schreibt Broder. Faktisch sei das bereits geschehen, schließlich unterhalte Deutschland weiter Beziehungen zum Iran von Mahmud Ahmadinejad. Der Paragraf diene nur zur Selbstdarstellung „kleiner Lichter wie David Irving und Horst Mahler“.

So schließt Broder seine wohlgesetzte Breitseite ab. Dass er nur eine minimale Chance auf den Posten habe, sei ihm klar: „Ich bin zwar gaga, aber nicht verrückt.“ Wie um Broder Recht zu geben, agierte der Zentralrat der Juden gestern wenig souverän und gab gleich zwei Stellungnahmen ab. Vizepräsident Dieter Graumann nannte die Kandidatur erst eine „lustige Fantasie“ (Broder dazu: „Auch Theodor Herzl galt als Fantast, als er erstmals von einem Judenstaat sprach.“). Dann meinte Charlotte Knobloch sagen zu müssen: „Kritik ist gut, aber sie sollte konstruktiv sein und nicht dem Eigennutz dienen.“

Broder kann sich zurücklehnen. Er hat sie alle gekriegt. (Von Jan Sternberg)


Wer ist dieser Henryk M. Broder eigentlich?:

Geboren wurde Broder am 20. August 1946 in Kattowitz in eine jüdische Familie, mit der er 1958 nach Köln zog.

Seine Karriere als Journalist begann er bei den „St.-Pauli-Nachrichten“. In der Folge war er unter anderem für die „Zeit“ oder die „SZ“ tätig. Heute arbeitet er für „Spiegel-Online“ und den „Tagesspiegel“.

Broder polarisiert – so ist der Autor für seine kompromisslose Haltung in Sachen Antisemitismus bekannt. Er prangert die unterschwellige Diskriminierung der Juden sowohl durch Linke als auch durch Konservative an, genauso wie die Kritik am Handeln des Staates Israel. Den Grünen-Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele bezeichnete er als „Prototypen eines linken Antisemiten“.

Zuletzt kritisierte er vehement die Intoleranz des Islam und die Nachsicht des Westens gegenüber vielen Muslimen.

Auch die MAZ nahm Broder bereits – indirekt – auf die Schippe. Als Reaktion auf einen Gastbeitrag des Militärhistorikers Martin van Creveld bezeichnete Broder den Holländer im Juli dieses Jahres als „Schmock der Woche“. tol



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