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26.10.2009

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Hart, aber herzlich

Nach vier Jahren Pause legt Rammstein jetzt ein neues Opus vor. „Liebe ist für alle da“ setzt auf bewährtes Handwerk und liefert den Soundtrack zu einer bizarren Welt

Der Titel ist wie immer Programm bei Rammstein: „Liebe ist für alle da“ – lakonisches Gutmenschentum zwischen Sonntagspredigt und Gruppensex. Überhaupt ist Liebe und ihre Unmöglichkeit in dieser Zeit von Anbeginn das große Thema der Berliner Crossover-Heavy-Klamauk-und-Kunst-Rocker. „Herzeleid“, „Mutter“, „Rosenrot“, „Sehnsucht“, Vorgänger-Alben, die ebenfalls im Titel und in den Titeln jene märchenhafte Gefühlswelt ansprechen, die im Alltag fast nie (er)lebbar ist und auch vorsichtshalber nur leicht verkitscht thematisiert wird, damit niemand die ernsthafte Verletzlichkeit der Brutalo-Schrammler bemerken soll.

Wie das Thema, so der Sound. Hörbar bedienen sich die Rammsteine um Sänger/Texter Till Lindemann aus ihrem alt-bewährten musikalischen Werkzeugkasten. Harte E-Gitarren-Riffs steuert Richard Kruspe bei, der seinen Mesa Boogie-Verstärker mitunter summen lässt wie eine anfahrende Straßenbahn. Lakonische Keyboard-Tänzeleien aus Christian „Flake“ Lorenz’ Sound-Werkstatt und ein gekonnter Mix aus Synthese-Klängen und Brachial-Metall, den sie alle zusammen zu verantworten haben.

Rammlied: Nach spirituellem Kathedralen-Intro gibt es Gitarren-Breitseiten. Die sechs Ost-Berliner lassen ihre eigene Legende leben und zitieren fröhlich (und nicht zum ersten Mal) aus dem Schatzkästlein eigener Songs. Eine Art „Was bisher geschah“-Revue für Fans und Neueinsteiger.

Ich tu dir weh: Ein vertonter Gottfried Helnwein mit Gabelzinken im Auge. Ein Lied über Auto- oder Fremdaggression mit hallreichen Gesangsbögen und gewaltigen Bässen.

Waidmanns Heil: „Auf dem Land und auf dem Meer/ lauert das Verderben/ die Kreatur muss sterben“: Ein pralles, üppiges Sittengemälde der Jagd, bei dem Texter Lindemann über „gestrichen Korn“ und „Mündungsenergie“ sein Fachwissen einbringen kann.

Haifisch: Seiner Vorliebe für Fabelwelten lässt der Frontmann mit dem rollenden „R“ in dieser Drei-Groschen-Oper-Adaption freien Lauf. „Der Haifisch, der hat Tränen/ und die laufen vom Gesicht/ der Haifisch lebt im Wasser/ und die Tränen sieht man nicht“. Und ganz nebenbei wogt eine raffinierte Kapitalismus-Analyse durch die von Tränen versalzten Fluten.

B******: Düsternis windet sich in finsteren Gitarren-Spiralen abwärts und erinnert ein wenig an „Mutter“. Nur wie das Lied wirklich heißt, bleibt ein Rätsel. Es klingt wie „Büxtabü“.

Frühling in Paris: Inmitten einer prall wuchernden Klang-Konstruktion beweist Lindemann, dass er sogar richtig singen gelernt hat. „Wenn ich deine Haut verließ,/ der Frühling blutet in Paris...“ Der kleinen, große Chanteuse Edit Piaf hätte diese Hommage an ihr Lied „Non, je ne regrette rien“ gefallen.

Wiener Blut: Nach dem Kanibalen von Rotenburg („Mein Teil“) ist der Song auf Vater Fritzls Spukverlies Programm-Musik. „Die Haut so süß, das Fleisch so fest/ unterm Haus ein Liebesnest.“ Kinderkichern ist unter dieses Stück Reality-Rock gemischt. Eine perverse Inzest-Orgie als Unsittenbild.

Pussy: Lindemann schafft es, eine Synthese aus Fleischeslust und Deutschtum zu insinuieren, in der alle denkbaren Reizworte vorkommen: Autobahn, Mercedes Benz, Blitzkrieg. „Schönes Frollein, Lust auf mehr/ Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr“.

Liebe ist für alle da: Wunsch und Wahn, das Irrsinnskarrussell beginnt zu rasen.

Mehr: Aus Sparsamkeit ein wenig Riff-Recycling aus früheren Songs, ansonsten aber der ultimative Begleitsong zur Krise. „Zwar bin ich reich/ doch reicht es nicht/ bin nie zufrieden/ es gibt kein Ziel/ gibt kein Genug/ ist nie zu viel/ all die andern haben so wenig/ gebt mir das auch noch/ sie brauchen’s eh nicht“.

Roter Sand: Eine Feuerzeug-Winke-Hymne, Hard-Kitsch zur ironischen Brechung der Metall-Orgie zuvor. Ein Duell, aus Sicht des Verlierers oder gar eine Aufarbeitung des Tods von SPD-Vorvater Ferdinand Lassalle mit aktuellem Hintersinn? Bei Rammstein kann man ja nie wissen. (Von Ralf Schuler)

Rammstein: Liebe ist für alle da. Universal/Pilgrim.



 

INTERVIEW
Die Realität hat unsere Texte längst eingeholt

Rammstein-Schlagzeuger Christoph Schneider gibt auf der neuen CD richtig Gas. Mit ihm sprach Ralf Schuler

MAZ: Vier Jahre Pause seit dem letzten Album: Was macht man als Musiker in dieser Zeit?

Christoph Schneider: Es war netto nur ein Jahr, was zwischen der letzten Tour, der DVD-Produktion für „Völkerball“ und dem Beginn der Aufnahmen für die neue Scheibe lag. Wahrscheinlich kann man sich das von außen schwer vorstellen, wie sehr dieses ständige Touren, dann wieder Studio, Termine und all das schlaucht. Wir mussten uns zuerst darüber klarwerden, wie es nun weitergehen soll. Einige von uns (auch ich), wollten lieber nach der Pause erstmal wieder live spielen, die anderen wollten im Studio weitermachen. Das Ideen sammeln, aufnehmen, diskutieren, Bearbeiten des Materials und so weiter hat sich dann über 2 Jahre hingezogen.

Über die Schwierigkeiten der Band beim Einspielen des neuen Albums hat man viel gehört. Da war von „völlig zerstritten“ bis „vor der Trennung“ die Rede. Was war los und warum?

Schneider: Also so dramatisch war es dann auch wieder nicht. Vielleicht sind wir die Aufnahmen zu lax angegangen, so dass uns anfänglich irgendwann die Konzentration fehlte. Außerdem hat meist jeder zu allem eine Meinung, findet diesen Sound besser oder einen anderen Riff, da ist die Einigung manchmal sehr schwer. Jeder kniet sich in seinen Part rein, kommt mit einer „genialen“ Idee, und dann sagen die anderen, dass ihnen das nicht so sehr gefällt – das ist nicht leicht für uns zarte Künstlerseelen (lacht).

Und wie tief geht das Zerwürfnis?

Schneider: Also ein Zerwürfnis gab es definitiv nicht. Wir haben eher manche Stücke liegenlassen, um den Konfrontationen auszuweichen, weil wir uns an alte Zeiten erinnert haben, wo es viel heftiger zur Sache ging.

Worüber streitet man sich denn da genau?

Schneider: Es geht weniger um Melodien oder Song-Ideen, sondern eher um Klangfarben, mehr Hall oder weniger, Sounds, an denen ihre Schöpfer hängen, die aber für das Erscheinungsbild des ganzen Stücks entscheidend sind, weil am Ende ja alles zusammenpassen muss.

Die auffälligste musikalische Neuerung sind die raffinierten Double-Bass-Passagen, die die Songs richtig nach vorn treiben und aus dem harten Metal-Bereich entliehen sind. War das unumstritten?

Schneider: Ganz und gar nicht. Auch über die Drum-Sounds wurde natürlich ewig diskutiert. Es ist kein Schlag auf dem Album, der nicht amtlich von allen abgenommen und abgezeichnet ist. Die anderen waren lange dagegen, aber weil ich im Herzen auch ein alter Metaller bin, konnte ich sie dieses Mal überzeugen. Es war aber auch von Anfang an die Idee, diese Platte etwas härter werden zu lassen. Das hat mir jedenfalls richtig Spaß gemacht.

Warum habt Ihr das Schlagzeug in LA aufgenommen und den Rest in San Francisco?

Schneider: Es gibt in LA einige Studios, deren Raumklang klassisch für Schlagzeug geworden ist und in denen schon berühmte Aufnahmen gemacht wurden. Ich bin nicht sicher, ob der Laie das hört, aber da ist sehr viel Bastelei am Klangbild dabei, damit es am Ende genauso klingt, wie wir und unser Produzent Jacob Hellner uns das vorstellen.

Nach den Studio-Aufnahmen bist Du zu einer anderen Becken-Firma gewechselt. Warum?

Schneider: Das hatte rein klangliche Gründe. Ich wollte mal etwas anderes ausprobieren und nehme jetzt Sabian-Becken statt Meinl mit auf Tour. Wer ein Ohr für Hihat und Crash-Akzente hat, wird die neue Farbe im Spiel vielleicht bemerken.

Gitarrist Richard Z. Kruspe meint, dass bei dieser Platte zu viel am Computer gebastelt wurde. Siehst Du das auch so?

Schneider: Teilweise. Richard und ich sind eher fürs Live-Spielen auf der Bühne. Wir könnten auch stundenlang im Studio jammen. Andere beschäftigen sich lieber mit dem Computer und versuchen auf diese Art, effektiver mit den Songs vorwärts zu kommen. Daher kommt auch das Elektronische in vielen Stücken. Ich finde, am Ende muss sich das die Waage halten.

Welche Rolle spielt für euch die Botschaft der Songs? Ist Rammstein nur denkbar mit Texten über Perversitäten und monströse Entartungen der Gegenwart?

Schneider: Eigentlich gehört das in der Tat zu uns. Wir haben schon auf unserer ersten Platte gesungen: Du auf dem Schulhof, ich zum Töten bereit. Das eigentlich perverse ist doch aber, dass uns die Realität inzwischen längst eingeholt hat. Früher mussten wir uns fiktiv in kranke Hirne hineinversetzen, heute beschäftigen sich unsere Lieder mit wahren Begebenheiten wie dem Kanibalen von Rothenburg oder Fritzl in Österreich. Irgendwann wird man über Rammstein vielleicht noch lachen, weil wir gar nicht so schräg denken können, wie es da draußen inzwischen zugeht. Bei Rammstein gehörte Provokation von Anfang an dazu. Eine Band ist wie ein Körper und ein Kopf, sie hat einen eigenen Charakter und eine Ausdrucksweise, – wenn man daran etwas ändern will, ist die Band tot.

Ist diese permanente Provokation anstrengend?

Schneider: Gar nicht. Es rennt ja nicht jeder von uns den ganzen Tag als grausamer Fiesling durch die Welt, privat sind wir eher harmlos und ganz nette Menschen. Ehrenwort. Aber als Band hast du ein gemeinsames Projekt, und das heißt bei Rammstein eben: Extrem immer, lauwarm nimmer (grinst). Manchmal muss man Dinge tun, die dem Einzelnen mitunter nicht ganz so liegen – in einem Porno-Video mitspielen zum Beispiel.

Wer ist auf die Idee für das „Pussy-Video“ gekommen und warum?

Schneider: Die Idee kam vom Video-Produzenten Jonas Akerlund. Am Anfang fanden das alle gleich irgendwie toll und haben wohl nicht so ganz darüber nachgedacht was der Dreh für uns bedeutet. Politiker kann ich jetzt jedenfalls wohl nicht mehr werden. Der andere Vorwurf, der bei solchen Dingen immer gleich im Raum steht lautet: Die machen das alles nur, um Schlagzeilen zu schinden und zu verdienen.

Habt ihr nicht Angst, dass das irgendwann etwas unsympathisch rüberkommt?

Schneider: Das Video soll natürlich Aufsehen erregen und sonst gar nichts. Das gehört ganz normal zum Rock-Geschäft dazu. Rock muss provozieren. Und natürlich ist das auch ein Spiel mit den Medien. Aber auch da ist es heute ziemlich schwer, noch Aufmerksamkeit zu bekommen, weil die allgemeine Reizüberflutung bei vielen schon für extreme Abstumpfung sorgt.

Das Desaster mit den zusammenbrechenden Servern beim Ticketverkauf für die kommende Tour hat aber auch viele Fans frustriert.

Schneider: Wir haben zum ersten Mal unsere Karten selbst verkauft und hatten mit dieser Wahnsinns-Nachfrage nach mehreren Jahren so nicht gerechnet. Im Grunde wollten wir die Fans vor Frust bewahren und verhindern, dass dubiose Leute große Mengen Tickets aufkaufen und dann zu Fantasie-Preisen weiterverhökern.

Was kann man von der – leider schon weitgehend ausverkauften – Show auf der anstehenden Tour erwarten?

Schneider: Wer uns kennt, weiß, dass wir nie nur die Ohren beliefern, sondern möglichst alle Sinne. Wir werden also bei der Tour wieder so ziemlich alles an Effekten und Spektakel aufbieten, was derzeit zu haben ist. Es gibt ein komplett neues Bühnen-Design und natürlich jede Menge Feuer und Krawumm.

Es war zu hören, dass viel Song-Material übrig geblieben sein soll beim Einspielen, das nicht auf die CD passte. Gibt es demnächst noch ein Album?

Schneider: Nein, was da noch beim Mischen übrig war, wird auf einer Bonus-Scheibe veröffentlicht. Aber die kurze Abfolge von zwei Platten wie beim letzten Mal wird es nicht geben.

Zwanzig Jahre Wende – könnte ihr euch vorstellen, was ihr machen würdet, wenn die Wende nicht gekommen wäre?

Schneider: Mit Sicherheit würden wir nicht als offizielle Band zum Republik-Geburtstag aufspielen. Ich weiß, wo wir herkommen und sehe keinen Grund, daraus einen Hehl zu machen, aber ich verkläre auch nichts. Wir hatten eine coole Zeit, als wir mit Feeling B durch die DDR gezogen sind, aber wiederhaben will ich sie deshalb nicht.



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