POTSDAM - Vielleicht ist alles ja nur ein ironischer Kommentar auf die Spielregeln des Internets. Auf die Selbstdarstellungs- und Selbstvermarkter-Masche vieler Weblogs, in denen der Schreiber wichtiger ist als die Nachricht. Vielleicht war Kai Diekmann, 45-jähriger „Bild“-Chefredakteur, auch einfach fasziniert von Kritikern seiner Zeitung wie dem Medienjournalisten Stefan Niggemeier, der mit dem „Bildblog“ seit Jahren Fehler des Blattes mit den sehr großen Buchstaben anprangert. Wie dem auch sei, Diekmanns gestern vorgestelltes Blog „kaidiekmann.de“ wirkt streckenweise wie eine vergiftete Satire auf Niggemeiers virtuellen Pranger – bis hin zum Shop: Wo „Bildblog“ Tassen und T-Shirts mit Sprüchen wie „Gegendarsteller“ verkauft, kontert Diekmann mit „I (Herz) KD“ auf Hemd und Hotpants. Bisher verkaufte die „Bild“ Volkscomputer und Volksstrom, jetzt legt sie am Volkskai an.
„Ich bin einfach unheilbar eitel“, bekennt Diekmann im „Ich befrage mich selbst“-Interview auf der Startseite. In „Bild“ aber sei für seine Selbstdarstellungs-Seiten nicht genug Platz: „Eine Sekunde lang habe ich überlegt, einen Medienteil in ,Bild’ zu starten. Aber was dafür rauswerfen? Post von Wagner? Storys über Katzenbenzin? Feuilleton wie ,60 Jahre, 60 Bilder’? Die Mieze? Never. Deshalb ein Blog. Spart auch Papier.“
Die ersten drei Rubriken heißen „Ich“, „Meine kleine Welt“ und „Drei Fragen an mich“. Die Welt des Kai Diekmann wird durch ein 360-Grad-Panorama seines Chefbüros bebildert, in dem er in jeder Einstellung zu sehen ist – insgesamt fünf Kais auf einem Bild.
Wenn es Diekmann mal nicht um Diekmann geht, dann stellt er Inka Bause („Bauer sucht Frau“) bloß: Sie habe sich beim Presserat über „Bild“ beschwert und dann darüber, dass der Presserat ihre Beschwerde an die Zeitung weitergab, weil sie schließlich mit „Bild“ verbandelt ist – nette Medienkritik mit grenzwertiger Veröffentlichung privater Schreiben.
In „Mein Fanclub“ geht es Kai mal wieder um Kai – und um wirklich schöne Anti-„Bild“-Werbung: „Jede Lüge braucht einen Vollidioten, der sie druckt“, so hat die Internetseite „Pantoffelpunks“ die aktuelle „Bild“-Kampagne umgedichtet – Diekmanns wundervoller, symptomatischer Kommentar zum seitenfüllenden Kai-Bild darunter: „Ich finde mich, ehrlich gesagt, nicht optimal ausgeleuchtet“.
Was noch: Nettes über die „taz“, deren Genossenschaft Diekmann beitrat: „die kleinste überregionale Boulevardzeitung Deutschlands“, eine halbherzige Aufklärung der „Bild“-Fotokampagne gegen Jürgen Trittin weiland 2001. Hundert Tage will Diekmann bloggen (und von „Bild“-Mitarbeitern bloggen lassen). Dann ist vielleicht wieder Ruh’ am Kai. (Von Jan Sternberg)