Ob die Jungs von Kiss bei ihrer Gründung in New York schon gewusst haben, wofür ihre spacigen Outfits mal gut sein würden? Heute, 37 Jahre später, übertüncht die dicke Schminke ihrer Kampfbemalung alle Falten. Die silbernen Rüstungen verbergen jede Bierplautze.
Bei den Konzerten letztes Jahr hätte man meinen können, die Zeit ist stehen geblieben, so gut präsentierten sich der 60-jährige Gene Simmons und der 57-jährige Paul Stanley. Nicht nur Fans von der Kiss-Army waren so begeistert, dass sie immer wieder fragten, wo das neue Album zur Tour bleibe? Hier ist es!
Elf Jahre nach ihrem letzten Studioalbum „Psycho Circus“ kehren die Hardrocker mit „Sonic Boom“ zurück. Neu erfunden haben sie sich nicht. Aber wer will das auch? Und ein echter „Überschallknall“, der einem die „Eier aus dem Sack haut“, wie Gitarrist Tommy Thayer verspricht, der zum ersten Mal auf einem Studioalbum mit dabei war, ist es auch nicht geworden. Aber eine Scheibe, die klingt wie aus den frühen 70ern, als Kiss mit dem Alive-Album für Furore sorgten. Mit museumsreifen Two Inch Analog Tapes wurden die elf neuen Songs eingespielt. Damit auch ja alles klingt wie früher. „Wie damals bei Led Zeppelin, den Beatles, Stones und The Who, den großen Platten mit denen wir aufwuchsen“, sagt Gitarrist Paul Stanley.
Kiss liefern das, was ihre Fans wollen. Eingängigen Rock’n Roll, den man spätestens nach dem dritten Hören mitsingt oder nicht mehr hören kann. Ob es der von Stanley gesungene Opener „Modern Day Delilah“ ist oder das alle Klischees eines Rockstarlebens befördernde „Never Enough“. Eine Ballade ist leider nicht dabei. Die selten dämlichen Texte wie „Baby You And Me, We’re Like TNT“ oder „Baby Feel My Tower Of Power“ werden nur von der Band Whitesnake getoppt. Aber wen schert’s?
Paul Stanley lässt seine Washburn winseln und Simmons klopft den Bass dazu. „If It’s Too Loud, You’re Too Old“, heißt es in „Hot And Cold“. Und so ist es. Das Schöne an Kiss war immer, dass sie einen direkt ins Kinderzimmer zurück katapultierten. Natürlich dürfen neben Simmons und Stanley auch die anderen mal ans Mikro. Thayer gibt sich beim stark nach AC/DC klingenden „When Lightning Strikes“ alle Mühe, Simmons zu imitieren. Drummer Eric Singer steuert grunzend eine herzige Musketier-Nummer („All For The Glory“) bei und klingt dabei wie eine Nähmaschine. Intellektueller Höhepunkt aber ist das finale „Say Yeah“, eine elegische Rock-Hymne, die Fans selbst nach 37 Jahren ambitionierten Saufens noch sauber hinkriegen dürften.
Kiss: Sonic Boom. Roadrunner. (Von Welf Grombacher)