POTSDAM - Es sollte ein Appell zur Versöhnung werden, garniert mit einem historischen Vergleich. Doch wenige Tage nach der Veröffentlichung von Matthias Platzecks Aufsatz im „Spiegel“ ist die Stimmung alles andere als versöhnlich. Die Opposition und einige Politiker der Linkspartei sowie der SPD werfen dem Regierungschef vor, sich mit seinem SS-Vergleich verhoben zu haben. Auch Historiker und Politikwissenschaftler reiben sich daran, dass Platzeck ausgerechnet ein Gespräch des früheren SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher mit ehemaligen Offizieren der Waffen-SS als gelungenes Beispiel und Vorbild für die Integration früherer Funktionsträger des SED-Regimes herangezogen hat.
„Das ist doch alles Unsinn, oder, um es berlinerisch zu sagen: Quatsch mit Soße“, schimpft der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn im Gespräch mit der MAZ. Platzeck hätte sich den historischen Vergleich sparen sollen, denn der sei falsch und unangebracht. Zwar habe es bei der Waffen-SS durchaus junge Menschen gegeben, die zwangsrekrutiert worden seien, aber eben auch viele, die sich freiwillig gemeldet hätten und an Mordaktionen beteiligt waren. „Jeder Fall ist anders, eine Parallele zu der Zeit nach 1990 gibt es nicht.“
Platzeck selbst hatte seinen Beitrag am Dienstag mit den Worten verteidigt, er mache sich Gedanken darüber, wie in „postdiktatorischen Regierungen“ Aufarbeitung abgelaufen sei. Er sei der Meinung, dass in diesem Zusammenhang auch über die Phase nach dem Ende des Dritten Reiches geredet werden sollte.
Wolffsohn dagegen rät der märkischen SPD, sich nicht an der Nachkriegszeit zu orientieren, sondern anhand ethischer Kriterien zu entscheiden. „Es entspricht guter abendländischer Tradition, jemandem, der Fehler gemacht hat, die Möglichkeit der Umkehr zu geben.“ Das setze aber Einsicht und tätige Reue voraus. „Bei Frau Kaiser habe ich diesbezüglich nur unverbindliche Phrasen gehört“, so Wolffsohn.
Wolffsohns Historiker-Kollege Manfred Görtemaker von der Universität Potsdam hält Platzecks Äußerungen ebenfalls für problematisch. „Ich finde es immer sehr unklug, wenn Politiker sich Fettnäpfe hinstellen, in die sie dann selber treten“, sagt er auf Anfrage. Nach 1945 seien gezwungenermaßen viele ehemalige Nationalsozialisten in die Gesellschaft integriert worden – „aber das war kein Bekenntnis zu dem, was sie gemacht haben.“ Dass bei der Einbeziehung ehemaliger NSDAP-Mitglieder auch Fehler gemacht worden seien, sei „kein Grund, diese Fehler zu wiederholen“. Ohnehin sei die Zeit nach 1945 nicht mit der nach dem Umbruch in der DDR zu vergleichen. Görtemakers Vorwurf an Plat-zeck: „Man kann heutige Politik nicht mit den damaligen Umständen begründen. Das ist völlig abwegig.“
Kritik übt auch der Politologe Eckhard Jesse von der TU Chemnitz. Nach 1945 seien nicht rechtsextreme Parteien integriert worden, sondern ehemalige Nationalsozialisten, die sich losgesagt und in anderen Parteien engagiert hätten. „Das war richtig, und das war gut so.“ In Brandenburg gehe es aber um die Koalition mit einer bestehenden Partei, die ein schwieriges Verhältnis zur Demokratie habe. „Das ist etwas anderes, als das, was Schumacher gemacht hat.“
Jesse glaubt, dass Platzecks Entscheidung für Rot-Rot allein machtpolitisch motiviert sei und der SPD auf Bundesebene nachhaltig schaden werde. „Im Westen ist die Ablehnung immer noch groß.“ (Von Henry Lohmar)
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