POTSDAM / POTSDAM-WEST - Auf alten Fotos hängen an den Emporen der Erlöserkirche Transparente: „Vielfalt statt Einfalt“ und „Pressefreiheit“. Das war am 3. November 1989, als dort die „erste Vollversammlung“ des Neuen Forum Potsdam stattfand, so Pfarrer Martin Kwaschik. Stasi-Spitzel hatten 2000 Teilnehmer gezählt, eine „kritisch-provokative Diskussion“ und „aggressive“ Stimmung gegen die SED belauscht. Am Ende der Veranstaltung, so heißt es in einem Bericht, habe Pfarrer Kwaschik Hinweise für die Demonstration am 4. November gegeben, zu der dann zehntausende Menschen in die Innenstadt kamen. „Keine Gewalt – das war das Wichtigste damals“, so der Kirchenmann. Er wollte am Dienstagabend an die Aufbruchstimmung erinnern. „20 Jahre danach – zwischen Basisdemokratie und Kanzlerinnenwahlverein“ lautete das Motto des Gesprächsabend, für den Altministerpräsident Manfred Stolpe angekündigt war.
Doch zunächst hieß es für die rund 100 Besucher: warten. Der RBB drehte für eine Wende-Reportage, so ging es erst 20 Minuten später los mit Orgelmusik – ohne Stolpe. Nein, nicht die Krankheit sei der Grund, versicherte Gastgeber Kwaschik. Es habe „Kommunikationsstörungen“ gegeben, erklärte er, mit Headset-Mikrofon am Kopf durch die Kirche schlendernd: „Nun müssen wir improvisieren“. Nach „kurzen Stellungnahmen“ der anderen Gäste zum Thema, wolle man im kleinen Kreis im Gemeindesaal diskutieren. Knarzende Mikrofone und der Hall im Kirchenschiff ließen nicht nur Kwaschiks Rede zur schwer verständlichen Geduldsprobe werden, so mancher verließ genervt den Saal. Er vermisse „den basisdemokratischen Zusammenhalt der Wendezeit“, so Kwaschik, ein gemeinsames Erinnern aller an der friedlichen Revolution in Potsdam Beteiligten und „eine Würdigung“ der Kirche, die lange vor dem Mauerfall Andersdenkenden Schutz und Raum bot. Auch Kwaschiks Kollege Konrad Elmer-Herzig, Mitbegründer der Ost-SPD, plädiert für Basisdemokratie. Eine seiner Thesen, die Besucher auf einem A4-Blatt mit nach Hause trugen, lautet: Runde Tische „als relativ herrschaftsfreier Raum“ von unten (Stadtteil) bis nach oben (Land, Bund) hätten den „Wir sind das Volk“-Gedanken lebendig bleiben lassen. Für ihn sind die etablierten Parteien wie „Monarchien“. Basisdemokratie sei die Form, bei der sich die Bürger klar werden können, „was sie politisch wollen“.
Der frühere Jugendpfarrer Jürgen Schwochow sagte, Deutschlands demokratische Strukturen funktionieren und man könne in Parteien etwas bewegen. Von „besten Rahmenbedingungen“ sprach Manfred Kruczek vom Forum zur kritischen Auseinandersetzung mit DDR-Geschichte. Das Problem sei jedoch, dass sich zu wenige beteiligen. Die Ursache dafür sei „die Entmündigung zu DDR-Zeiten“, die bis heute nachwirke. Als netzwerkende, globalisierungskritische „Bürgerbewegung“ stellte Alexis Passadakis Attac vor. Der 31-Jährige forderte mehr Demokratie auf „lokaler, nationaler, internationaler Ebene“.
Später gab es im Gemeindesaal den von Kwaschik erhofften Gedankenaustausch über die Folgen von Atheismus und Globalisierung, den Faktor Zeit und die Freiheit, die man nicht mehr missen will. (Von Carola Hein)