POTSDAM - Kerstin Kaiser ist als erste zur Stelle. Um kurz vor halb eins drückt die Linksfraktionschefin Matthias Platzeck ein rot-gelbes Blumengebinde in die Hand und gratuliert. Mit 54 Stimmen ist der Ministerpräsident gestern im Amt bestätigt worden. 57 Mandate hat Rot-Rot, aber Gerlinde Strobawa, die alte und neue Landtagsvizepräsidentin der Linken, ist erkrankt und fehlt bei der Abstimmung. Zwei aus dem Lager, dem eigenen oder dem des Partners, verweigerten Platzeck die Zustimmung. Damit kann er angesichts der Debatten der vergangenen Tage, angesichts des Haderns mit der Hinwendung zur Linken auf der einen und der Unzufriedenheit mit dem KohleKompromiss auf der anderen Seite, gut leben.
Dann erfüllt Johanna Wanka, die Fallengelassene, ihre Pflicht und schreitet ebenfalls zur Gratulation. Es ist beileibe keine Geste von Herzlichkeit, eher eine Pflichterfüllung für die in die Opposition verbannte CDU-Fraktionsvorsitzende. Das sieht man ihr an, das soll man ihr wohl auch ansehen. Mit frostiger Grabesmiene überreicht sie einen Strauß, ob sie gratuliert, ist nicht erkennbar. Ihr Gesicht zeigt keine Regung.
Rote Nelken, ausgerechnet. Ein sarkastischer Kommentar zur Koalition. Kommunistenblumen sind das, Friedhofsblumen zumal. In der CDU ist die Enttäuschung über die Inthronisierung der Linken groß, Wanka dürfte sich auch persönlich getroffen fühlen von Platzecks jüngsten Angriffen auf den bisherigen Koalitionspartner. Unberechenbarkeit hatte er der CDU vorgeworfen, unseriöses Gebaren bei der Sondierung, und vor allem hatte er Wankas Führungsstärke erheblich in Zweifel gezogen.
Dann provoziert Dieter Dombrowski einen Eklat. Er versucht es zumindest. Während sich das Parlament erhebt und Matthias Platzeck zur Vereidigung die Worte „So wahr mir Gott helfe“ spricht, marschiert der CDU-Fraktionsvize und Parteigeneralsekretär betont langsam durch den Plenarsaal, vorbei am schwörenden Platzeck und den Fernseh-Kameras. Die Bildstörung ist perfekt, die Kameras haben den Mann in seinem auffälligen Dress eingefangen. Es dauert einige Sekunden, dann raunen sich die Leute das Wort „Häftlingsanzug“ zu.
20 Monate saß Dombrowski wegen versuchter Republikflucht im Stasi-Knast, 16 Monate davon in Cottbus. Von dort stammt auch die dunkelgraue Häftlingskluft mit den orangefarbenen Streifen an den Ärmeln. Ein wenig stiehlt er dem frisch vereidigten Ministerpräsidenten die Show. Von Kameras umringt spricht er von „nationaler Schande“, davon, dass die Täter mit dem heutigen Tag rehabilitiert und die Opfer diskreditiert würden. „Bei so viel Unaufrichtigkeit und Machtgier der wiedervereinigten Linken ist es mir eine Ehre, die Kleidung der DDR-Bürger zu tragen, die sich nicht gefügt haben“, erklärt Dombrowski.
Der Auftritt wird teils mit Kopfschütteln zur Kenntnis genommen. Platzeck will ihn nicht kommentieren. Axel Vogel, der Fraktionsvorsitzende der Grünen, findet die Aktion „unangemessen“. „Natürlich muss man Verständnis haben für die persönliche Geschichte, die dahinter steckt“, sagt er. „Aber bei einer Vereidigung marschiert man nicht so durchs Bild.“ (Von Torsten Gellner)
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