20 Jahre nach der Infektion der Stasi mit dem Untergangsvirus gibt es mit Blick auf die Revolution, die den Staatskörper DDR so entscheidend schwächte, scheinbar noch immer eine strittig-unterschiedliche Sicht. Bei der Podiumsdiskussion über „Das Ende der DDR-Staatssicherheit“ am Donnerstagabend in der Gedenkstätte Lindenstraße ging es jedenfalls hoch her. Im zurückgebauten alten Gerichtssaal der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt der Stasi herrschte vor Veranstaltungsbeginn angespannte Stimmung. Flugblätter der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft kreisten; mit Anspielung auf die rot-rote Landesregierung war zu lesen: „Einst waren sie Täter, brachten unsägliches Leid / Heute ist die Stasi wieder regierungsbereit“.
Im Podium aber saßen als Zeitzeugen Bürgerrechtler, die an der Auflösung der Potsdamer Bezirkszentrale der Staatssicherheit beteiligt waren. Thomas Wernicke, Volker Wiedersberg, Christian Grauer, Jes Möller, Gisela Rüdiger und Manfred Kruczek gehörten damals zwei Gremien an, die sich mit der Abwicklung des Spitzelapparats befassten. Moderatorin Gabriele Schnell bat Wernicke, noch einmal die Chronologie dieses Prozesses und die Aufgaben der beiden Arbeitsgruppen zu erklären. Die fragilen Strukturen jener Tage spiegelten sich damals auch im unaussprechlich langen Namen einer halbstaatlichen Kommission, die für den Umgang mit dem „Schriftgut“ der Stasi eingesetzt worden war und in der Bürgerrechtler mitarbeiteten. Daneben existierte ein unabhängiger „Rat der Volkskontrolle“, der aus zirka 30 Personen bestand und vergeblich versuchte, die Stasi als kriminelle Vereinigung einzustufen oder auch die Aktivitäten der SED als verfassungsfeindlich zu behandeln.
Über die Wirksamkeit dieser Gremien und die Bewertung der Ereignisse 1989/90 als Revolution entbrannte heftiger Streit. Vor allem Grauer war der Ansicht, dass nicht die Bürgerrechtler und Demonstranten die Abwicklung steuerten, sondern die Stasi selbst. „Wir nannten uns Kontrollgruppe und hatten zu keiner Zeit die Kontrolle“, erinnerte er sich. Grauers Sicht provozierte viel Widerspruch im Saal. Immerhin standen am 5. Dezember 1989, dem Tag der Besetzung der Bezirkszentrale, 100 Unbewaffnete 4000 hauptamtlichen Mitarbeitern gegenüber, die Handfeuerwaffen, Maschinenpistolen und schwere 22 Maschinengewehre besaßen. Beifall gab es für den Tipp einer erregten Dame: „Wir lassen uns diese Revolution nicht kleinreden. Machen sie das, Herr Grauer, vor ihrem Spiegel!“ (Von Lothar Krone)