POTSDAM / BERLINER VORSTADT - Die Neutronenbombe fällt auf Brandenburg/Havel, bei Trebbin schlägt eine Atomrakete ein. Es wird 36 Stunden dauern, bis Nato und Warschauer Vertrag ihre Arsenale verschossen haben. Es ist der Untergang Mitteleuropas.
Fasziniert hockte gestern der Historiker Christoph Stölzl vor der großen Generalstabskarte aus dem Jahr 1979. Polens Außenminister Radoslaw Sikorski hat das Originaldokument dem Geschichtsmuseum vermacht, das Springer-Vorstand Mathias Döpfner in seiner Villa Schöningen eingerichtet hat. Als polnischer Verteidigungsminister war Ex-Journalist Sikorski vor vier Jahren in den Besitz der Karte gekommen.
Es ist kein Angriffsplan, wie Leonhard H. Fischer, Miteigentümer der Villa, irrtümlich sagt. Die Karte zeigt, mit welchen Schlägen der Osten auf einen nuklearen Erstschlag der westlichen Allianz reagiert hätte; sie zeigt die Angriffsrichtungen der Bomberflotten, die strategischen Ziele der Sprengköpfe. Rote und blaue Atompilze markieren die Einschlagspunkte der Raketen. Mit lockerem Schwung sind die Wirkungsradien eingezeichnet. Das Papier macht Schaudern: Nach der Logik des Nuklearkrieges schlagen Atomraketen beider Seiten südlich von Berlin ein. Europa als pures Schlachtfeld. Die polnischen Generäle rechnen für ihr Land mit zwei Millionen Toten gleich nach dem Inferno. Die Überlebenschance der anderen ist Null.
„Wir sind noch einmal davongekommen“, sagt Christoph Stölzl. „Weil beide Seiten solche Pläne hatten und jeder wusste: Es wird keinen Sieger geben.“ Michail Gorbatschow sagt im Video-Interview auf einem der 15 Flachbildschirme des Museums, die Welt sei „wie ein Petroleumladen“ gewesen, „ein Streichholz hätte genügt“. Der frühere sowjetische Staatschef wird morgen in der Villa Schöningen erwartet. Er ist unter den 500 Gästen, wenn um 18 Uhr Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt. Auch Sikorski wird da sein und seinen deutschen Amtskollegen Guido Westerwelle treffen. Willem de Klerk reist an, der als Präsident das Ende der Apartheid in Südafrika einläutete. Auch Henry Kissinger, der als US-Außenminister die Agentenaustausche auf der Glienicker Brücke mit verantwortet hatte.
„Ab Montag freuen wir uns, die Öffentlichkeit begrüßen zu dürfen“, sagt Döpfner. Auch zum Bürgerfest auf der Glienicker Brücke am Dienstag sei das Museum offen, „so lange jemand kommt“. Sonst werde das Haus mit Café jeweils donnerstags bis sonntags von 12 bis 18 Uhr Gäste erwarten. (Von Volkmar Klein)